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Brasilianisches TV heterosexualisiert gleichgeschlechtliches Paar aus mexikanischer Soap

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The romance between two male characters of a Mexican Soap Opera has been cut out by a Brazilian TV Station

Die Beziehung zwischen zwei männlichen Charakteren einer mexikanischen Soap wurde von einem brasilianischen TV-Sender aus der Serie geschnitten. Image by YouTube/Reproduction.

Brasilien ist schon lange weltweit für seine Soap Operas bekannt. Als 1996 die Wahl von Gorbatschows Nachfolger auf einen Feiertag fiel, sendete die russische Regierung das Finale von “Mulheres de Areia (Sandfrauen), um die Wähler dazu zu ermutigen, in ihren Heimatstädten zu bleiben und wählen zu gehen. Die Soap “Escrava Isaura” (Die Sklavin Isaura), die von einer in der Kolonialära als Sklavin aufgewachsenen weißen Frau handelt, wurde in den 1980er Jahren zu einem Riesenhit in Kuba und im kommunistischen China.

Dank der Telenovelas wurden die Brasilianer herangeführt an die Themen und Problematiken der heutigen Zeit wie Leihmutterschaft, moderne Sklaverei, die Landlosenbewegung, menschliche Klone oder Bioethik. Egal, ob es sich um qualitativ hochwertige Unterhaltung oder um schlecht geschriebene Romanzen handelt, es ist unbestreitbar, dass die Telenovelas ein wichtiger Weg sind, soziale Debatten im Land anzuregen. Auch wenn dies meist auf eine sehr klischeehafte und konservative Weise geschieht.

Die aktuellste Kontroverse hingegen dreht sich um die mexikanische Soap “Sortilégio” (Liebeszauber), die derzeit auf dem brasilianischen Kanal SBT ausgestrahlt wird. Seit Beginn der Ausstrahlung gab es seitens der Zuschauer eine Welle der Empörung wegen der durch den brasilianischen Fernsehsender vorgenommenen Anpassungen der Serieninhalte.

Der Haupthandlungsstrang von “Sortilégio” dreht sich um ein heterosexuelles Paar, thematisiert jedoch auch die Geschichte zweier Freunde, die beide bisexuell sind und sich in einander verlieben. Als die Soap 2009 und 2010 in Mexiko gesendet wurde, erhitzten Sexszenen einige Gemüter, was die Produzentin der Show, Carla Estrada, zu einer Stellungnahme zwang. Darüber hinaus passierte jedoch nichts weiter.

In Brasilien ‘adaptierte’ SBT die Handlung, damit die Soap tagsüber ausgestrahlt werden konnte. Der Fernsehsender schnitt jedoch nicht nur die Sexszenen heraus – er wandelte die romantische Beziehung zwischen Ulisses (Julián Gil) und Roberto (Marcelo Córdoba) um, in eine gewöhnliche Freundschaft zweier heterosexueller Männer.

The characters Ulisses (Julián Gil) and Roberto (Marcelo Córdoba) in Sortilegio. (Photo: YouTube/Reproduction)

Die Charaktere Ulisses (Julián Gil) und Roberto (Marcelo Córdoba), in “Sortilégio”. Image by YouTube/Reproduction

Szenen, in denen sich die Charaktere verliebt ansehen, wurden herausgeschnitten. In Dialogen, in welchen einer der Männer romantisches Interesse am anderen bekundet, wurden die Namen der beiden mithilfe der Synchronisation durch Namen einer fiktiven weiblichen Figur ausgetauscht, die nie in der Serie auftaucht. Jegliche Spur von Intimität zwischen den Männern wurde zur Gänze aus der Show herausgenommen.

Bereits im September, bevor die Soap überhaupt ausgestrahlt wurde, hatte die Staatsanwaltschaft laut dem brasilianischen Nachrichtenportal UOL Beschwerden über den “unangemessenen” Inhalt und die “graphischen Darstellungen von Sex und Gewalt” erhalten. Diese Beschwerden kamen von Leuten, die mit der mexikanischen Fassung der Soap vertraut waren.

“Es werden um diese Tageszeit keinerlei Sexszenen gezeigt,” antwortete SBT lediglich, nachdem Zeitungen wie beispielsweise O Globo Nachfragen bezüglich der Änderungen in der Handlung und den Dialogen stellten. “Sortilégio” wird in Brasilien um vier Uhr nachmittags ausgestrahlt.

Verwunderlich ist es, dass SBT auch der TV-Sender ist, auf dem der erste gleichgeschlechtliche Kuss im brasilianischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Zwei Guerrillakämpferinnen tauschten einen sanften, kurzen Kuss aus. Das geschah im Jahr 2011, in der Telenovela “Amor e Revolução” (Liebe und Revolution), die in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur spielt.

Darüber hinaus wurde TV Globo, Brasiliens größter TV-Sender, zu Beginn des Jahres durch eine riesige Social Media Kampagne dazu gedrängt, den letzten Teil einer ihrer Telenovelas auszustrahlen, in dem ein gleichgeschlechtlicher Kuss zwischen zwei männlichen Charakteren gezeigt wird.

Wie das Fernsehen gleichgeschichtliche Liebe darstellt

The first gay kiss on Brazilian Tv was aired by SBT channel in 2011. (Photo: YouTube/Reproduction)

Der erste gleichgeschlechtliche Kuss im brasilianischen Fernsehen, ausgestrahlt von SBT im Jahr 2011 (Foto: YouTube/Reproduction)

Der brasilianische Journalist und LGBT-Aktivist Bruno Bimbi schrieb in seinem Blog Tod@as:

La mayoría de las novelas mexicanas con personajes gays […] los presentan totalmente estereotipados y ridículos —amanerados, que se dedican a cortar cabello en peluquerías, estrafalarios en el vestir, asexuados, sin pareja ni perspectivas de tener sexo o amor, jamás dando un beso, jamás en la cama.

Homosexuelle Charaktere in mexikanischen Telenovelas werden oftmals als stereotypisch und lächerlich dargestellt. Sie sind eigentümlich, arbeiten zumeist in Beauty Salons, kleiden sich extravagant, werden als asexuell dargestellt und haben nie ein romantisches Interesse an jemandem oder die Aussicht auf Liebe, Sex oder Küsse.

Diese Beschreibung trifft größtenteils auch auf das brasilianische Fernsehen zu. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, dienen homosexuelle Charaktere als lustige Auflockerung der Handlung.

Bei “Sortilégio” ist das Problem noch tiefgreifender, da die Geschichte hindrängt zu einem konservativen Moralismus. Nachdem er in einer homosexuellen Beziehung mit seinem besten Freund lebte, bereute der zuvor verheiratete Partygänger Roberto sein “exzessives” Leben und kehrte zu seiner Frau und seinen Kindern zurück. Die gleichgeschlechtliche Beziehung war, im Endeffekt, nicht mehr als ein Werkzeug, um Robertos Einsicht und Rückkehr zu einer traditionellen und konservativen Lebensweise als Handlungsstrang zu rechtfertigen bzw. zu ermöglichen.

Bimbi stellt außerdem auch den “Einfluss” der homosexuellen Charaktere auf die Zuschauer in Frage:

Parece que no se dieran cuenta que nosotros, gays y lesbianas, también vimos todo eso por televisión, en el cine, en la calle, en el barrio, en la escuela. Parejas de chico y chica por todos lados. Besos de chico y chica por todo lados. Historias de chico y chica por todos lados. Personajes de príncipe y princesa en cada cuento infantil. Romance y sexo entre chico y chica en cada serie, cada película, cada cuento, cada novela. Erotismo y sexo heterosexual por todas partes. Y no por eso nos transformamos mágicamente en heterosexuales, porque la sexualidad humana no funciona así, por imitación. No se contagia. No se elige. No se cambia.

Es scheint fast so, als hätten sie nicht darüber nachgedacht, dass wir Schwulen und Lesben alles das auch gesehen haben. Im Fernsehen, in Filmen, auf der Straße, in der Schule. Überall ‘Mann küsst Frau’. Überall Geschichten von ‘Mann trifft Frau’. Prinzen und Prinzessinnen Charaktere in jeder einzelnen Kindergeschichte. Romantische Beziehungen und Sex zwischen Männern und Frauen in jeder TV-Sendung, jedem Film, jeder Geschichte, jeder Telenovela. Erotik und heterosexueller Sex überall. Und das hat uns auch nicht auf magische Art und Weise in Heterosexuelle verwandelt. Schlicht und ergreifend weil die menschliche Sexualität so nicht funktioniert. Nicht durch Nachahmung. Sie ist nicht ansteckend. Du kannst sie dir nicht aussuchen. Und du kannst sie nicht ändern.

Die brasilianische Regierung bezieht Stellung

Die Kontroverse brachte auch das Justizministerium dazu, einen Beitrag auf seiner Facebookseite zu veröffentlichen. Unter der Verwendung eines Fotos aus dem Film Brokeback Mountain (2005), das die Charaktere Ennis (Heath Ledger) und Jack (Jake Gyllenhaal) zeigt, erklärte das Ministerium:

Post from Ministry of Justice's page. The caption reads: "Did you know that sex and affection scenes between same sex people or people from different sexes are all rate the same way by the Ministry of Justice?". (Photo: Facebook/Reproduction)

Beitrag auf der Facebookseite des Justizministeriums. In der  Bildunterschrift steht: “Wussten Sie, dass das Justizministerium bei der Klassifizierung von Szenen sexueller oder romantischer Natur keinen Unterschied macht, ob es sich um gleichgeschlechtliche Paare handelt oder nicht?”. (Foto: Facebook/Reproduction)

O beijo é Livre (ainda bem, né?). Para a Classificação Indicativa do MJ, é indiferente se o beijo é entre pessoas do mesmo sexo ou não. A nudez não erótica também pode ser considerada Livre.

Conteúdos mais erotizados – nudez velada, insinuação sexual e carícias sexuais, como preliminares ao ato sexual – podem ser “não recomendado para menores de 12 anos”. Nesse caso, também não faz diferença para a #ClassificaçãoIndicativa se as cenas são protagonizadas por pessoas do mesmo sexo.

Küsse unterliegen keiner Zensur (Gott sei Dank, nicht wahr?). Bei der Klassifizierung medialer Inhalte macht es für das Justizministerium keinen Unterschied, ob die sich küssenden Menschen gleichgeschlechtlich sind oder nicht. Auch nicht erotische Nacktheit gilt als “zensurfrei”.

Die meisten erotischen Inhalte (verschleierte Nacktheit, sexuelle Andeutungen und sexuelle Berührungen wie beispielswiese das Vorspiel oder der sexuelle Akt) gelten als “nicht geeignet für Kinder unter 12 Jahren”. Auch in diesem Fall macht es bei der Klassifizierung keinen Unterschied, ob es sich in den jeweiligen Szenen bei den Personen um Menschen des gleichen Geschlechts handelt oder nicht.

Der Beitrag rief einige homophobe Reaktionen hervor und erfuhr auch Kritik seitens der Regierung von Brasiliens Präsident Dilma Roussef (typisch für die Kommentarsektion auf Facebook). Andere hingegen feierten die Stellungnahme des Ministeriums. Obwohl Brasilien kein besonders religiöses Land ist, hat es doch bereits viele Chancen verpasst, um die Debatte um fortschrittliche Gesetze anzutreiben. Darunter fällt beispielsweise die Legalisierung von Abtreibungen und Marihuana sowie das Recht gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten. Der Grund hierfür ist der Druck, der von den konservativen Zweigen der Gesellschaft und den von ihnen gewählten Kongressmitgliedern ausgeht.

In Brasilien findet die weltweit größte Gay Pride Parade statt. Auf der anderen Seite jedoch gibt es in Brasilien auch die höchste Anzahl an Morden von Transsexuellen. Das brasilianische Fernsehen mag vielleicht einen Schritt zurück machen, weg von Gleichberechtigung. Aber der Beitrag des Justizministeriums könnte ein Zeichen dafür sein, dass sie mit dieser Entscheidung nicht nur auf Zustimmung treffen.

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