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Der Tod einer 16-Jährigen zwingt Äthiopien sich mit dem Problem sexueller Gewalt auseinanderzusetzen

Screenshot from Twitter, posted November 19, 2014, by Twitter user @YikunoMulugeta.

Screenshot von Twitter, veröffentlicht am 19. November 2014, von Twitter Nutzer @YikunoMulugeta.

Letztes Jahr, an einem Tag im Oktober wie jeder andere, war Hanna Lalango auf dem Heimweg von der Schule in einen öffentlichen Minibus. Plötzlich wurde sie von einem der anderen Passagiere mit einem Messer bedroht. Fünf Männer entführten die 16-Jährige und brachten sie zu einem ihrer Häuser. Hanna wurde tagelang in dem Haus festgehalten und von der Gruppe mehrfach vergewaltigt. Anschließend wurde sie schwer verletzt auf der Straße zurückgelassen. Als ihre Unterleibsverletzungen endlich ärztlich behandelt wurden, war es bereits zu spät. Hanna starb am 1. November 2014.

Ihre tragische Geschichte fand erst zwei Wochen nach ihrem Tod Beachtung in den Medien. Genau genommen wäre die brutale Gruppenvergewaltigung nie an die Öffentlichkeit gelangt, wenn nicht die Universitätsdozentin und Yellow Movement AAU Frauenrechtsaktivistin Bléna Sahilu darauf aufmerksam gemacht hätte. Bléna ist über eine Randnotiz des Vorfalls in einer Zeitung gestoßen und entschied die Kampagne #JusticeForHanna auf Twitter zu starten. Die Kampagne wird auf der Facebook Seite wie folgt beschrieben:

Seeking for an adequate punishment to all responsible for this heinous crime so that no other woman has to go through the same tragedy.

Auf der Suche nach einer angemessenen Bestrafung für dieses fürchterliche Verbrechen, sodass keine andere Frau in Zukunft so etwas erleben muss.

Schnell nach dem Start wurde die Kampagne ein viraler Erfolg und #JusticeForHanna wurde schnell zu einem der 15 beliebtesten Hashtags in Afrika in 2014.

Bléna beschreibt ihre Motivation für den Start der Kampagne:

What struck me and outraged me was the details of what happened to Hanna and how it was basically unnoticed by everyone, specially the media. I wanted to know more about her, about what happened and I wanted to see us speaking out against such acts of cruelty as a community. And we did.

Was mich wirklich bewegt und aufgebracht hat, waren die Details des Verbrechens und dass es schlichtweg von niemandem beachtet wurde, besonders nicht von den Medien. Ich wollte mehr über sie wissen, über das was ihr zugestoßen ist und ich wollte, dass wir uns als Gemeinschaft strikt gegen solch brutale Taten aussprechen. Und das haben wir getan.

Die Kampagne zeigt das Problem sexueller Gewalt und initiierte Debatten sowohl in den Mainstream Medien als auch in den sozialen Medien. In den meisten Fällen hat die Kampagne sehr starke Unterstützung der Äthiopier bekommen. Jedoch denken andere Kommentatoren, dass es auch andere Erklärungen gibt, warum Frauen in Äthiophien Opfer von Gewalt werden.

Zum Beispiel wird in einem Kommentar auf Facebook, der auf Amharisch geschrieben wurde, hinterfragt ob Frauen durch ihren Kleidungsstil eher Opfer von Gewalt werden:

የሴቶቻችን ነገር

በደቦ ተደፍራ ለሞት የበቃችው ታዳጊ ወጣት መነሻ ሆና በፌስቡክ መንደር ውይይቱ መጦፉ ጥሩ ነገር ነው፡፡ ነገሩን ከረር አድርገውት ሁሉም ወንድ ደፋሪ ለማስመሰል የሚዳዳቸውን እንዳልሰማ አልፈነው፣ እግረመንገድ አለባበስ በራሱ ለጥቃት አያጋልጥምን የሚል ገራገር ጥያቄ ማንሳት ተገቢ ሆኖ አግኝቼዋለሁ፡፡
የአዲስአበባ ጎዳናዎችን ተመልከቱ፡፡ ስስ ቀሚስ አድርገው የውስጥ ሱሪያቸው ቀለም አፍጥጦ ወጪ ወራጁ (በተለይ ወንዶች) እንደጉድ የሚመለከቷቸው፤ እንደታቦት አጅበው የሚሸኟቸው ሴቶችን ማየት እንግዳነቱ ቀርቷል፡፡ ጡትም ተወጥሮ፣ ቅርጽ ተበጅቶለትና ተራቆቶ ማየት እንዲሁ፡፡ አንዳንዶቹ ከመቀመጫ በታች የሆነ ሱሪ አድርገው በተለይ ከታክሲ ሲወርዱ የመቀመጫቸውን ክፋይ ለመሸፈን ያችን ብጣቆ ሱሪ ሲጎትቱ ማየት የእለት ተዕለት ትዕይንት ሆኗል፡፡ ሴቶቹ ወደውና ፈቅደው ያደረጉትን ሱሪ በየታክሲው ላይ እርቃን ገላቸውን ለመሸፈን ትንቅንቅ ሲያደርጉ ስታይ ልብሱን ሽጉጥ ተደቅኖባቸው፣ ተገደው ያደረጉት ሊመስልህም ይችላል፡፡ የታይት ነገርማ አይነሳ!….የእድሜ ድንበር እንኳን ሳይበግረው አንዳንድ እናቶቻችንም ጭምር፣ በዕድሜም በኑሮም የረገበ ገላቸውን ውጥርጥር አድርገው ሽር ብትን ሲሉ ማየት በእጅጉ ያስገርማል፡፡
ሴቶች የፈለጉትን የመልበስ መብታቸውን የማከብር ቢሆንም እንዲህ እርቃን ሆነው ራሳቸውን ለጥቃት ማመቻቸታቸውን አልደግፍም፡፡ እናም ውድ እህቶቻችን አለባበሳችሁ ላይ ከጥቃት የመጠበቅ ጥንቃቄ ብታደርጉ፣ ራሳችሁን ብትጠብቁ?

Diese Sache mit unseren Frauen.

Die hitzige Diskussion auf Facebook, dass die Gruppenvergewaltigung des ermordeten Mädchens als ein Vorwand nimmt, ist eine gute Sache, abgesehen vielleicht davon, dass einige alle Männer als Vergewaltiger darstellen. Ich jedoch denke es ist angebracht folgende einfache Frage zu stellen: “Ist nicht die Art sich zu kleiden der Grund, warum Frauen eher Opfer von Gewalt werden?”

Ich werfe einen Blick auf die Straßen Addis Abebas. Es ist nicht selten, dass man Frauen sieht, die durchsichtige Röcke tragen, durch die die Farbe der Unterwäsche scheint und die angestarrt und von vorbeigehenden Passanten verfolgt werden (vor allem Männer). Genauso ist es nicht selten, dass Brüste so zufällig entblößt werden. Es ist alltäglich, dass viele Frauen ihre Hosen unter ihren Hüften tragen und so immer damit kämpfen ihre Poritze zu verdecken, besonders wenn sie aus einem Taxi steigen. Wenn du [ein Mann] die Frauen mit ihren knappen Hosen siehst [die sie freiwillig ausgewählt haben zu tragen], dann denkst du [ein Mann], dass sie dazu gezwungen sein müssen sich so zu kleiden.

Lasst uns besser nicht über Strumpfhosen reden. Es ist wirklich überraschend zu sehen wie sich Menschen jeden Alters [wie auch einige unserer Mütter] ihren ausgedehnten Körper in enge Strumpfhosen zwängen.

Auch wenn ich das Recht der Frauen akzeptiere die Kleidung zu tragen die sie möchten, unterstütze ich nicht die Idee, dass sie so durch ihre Nacktheit zu Subjekt von Gewalt werden. Daher, unsere geliebten Schwestern, gebt Acht wie ihr euch kleidet damit ihr kein Opfer von Gewalt werdet!

Jedoch ist sich die Mehrheit einig, dass die Opfer keine Schuld tragen. Als Antwort auf den vorherigen Kommentar, reagiert Betty Negash wie folgt :

my friend, rape has nothing to do with how the women/girls dress. Rape is about POWER and the desire to have a complete control over others, which is a psychological problem by itself. you can check papers written by researchers (including male ones if you think the women can be biased on the subject) If you see the statistics in Ethiopia, many of the young girls and children are raped by a family member, a relative, an uncle etc. and most of the victims are literally children. Rape is also a result of pre-meditated , planned plot and not something that happens after a sudden sexual desire ( that supposedly get enticed by seeing a girl with mini-skirt). And finally, women have a right to dress in whatever way they wanted to dress. Trust me in developed countries like Britain, women go around town dressing almost underwear like clothes and rape is not as rampant as here, because people there are civilized and respect the rights of women and girls.

Mein Freund, Vergewaltigung hat gar nichts damit zu tun, wie sich Mädchen und Frauen kleiden. Vergewaltigung ist Macht und die Lust die komplette Kontrolle über andere zu haben, was ein psychologisches Problem an sich ist. Du kannst das gerne in wissenschaftlichen Artikeln nachlesen (die auch von Männern geschrieben worden sind, falls du denkst Frauen wären beeinflusst bei diesem Thema). Wenn du dir die Statistiken in Äthiopien ansiehst, ist zu erkennen dass viele Frauen und Mädchen von Familienmitgliedern vergewaltigt worden sind, zum Beispiel einem Onkel, und viele der Opfer sind wirklich erst Kinder. Vergewaltigung ist das Resultat eines vorher gelernten und geplanten Ablaufs und nicht etwas, dass durch plötzliche sexuelle Lust ausgelöst wird (zum Beispiel durch eine vorbeilaufende Frau in einem Mini-Rock). Frauen haben ein Recht sich so zu kleiden wie immer sie wollen. Vertrau mir, in entwickelten Ländern wie Großbritannien, gehen Frauen durch die Stadt mit Kleidung die fast wie Unterwäsche aussieht und doch ist die Vergewaltigungsrate nicht so hoch wie hier, da Menschen zivilisiert sind und die Rechte von Frauen und Mädchen respektieren.

Die #JusticeForHanna Kampagne hat auch andere dazu inspiriert, ihre eigenen Erlebnisse zu erzählen. Die Kommentatoren in den sozialen Netzwerken sind sich einig, dass Gewalt nicht länger toleriert werden kann.

Antonio Mulatu thematisiert, dass Hannas Fall exemplarisch für die Erlebnisse und Erfahrungen vieler Frauen steht: 

Difret ruft zu juristischen Handlungen gegen die Täter auf:

Sam Rosmarin twittert gegen die Praktiken von “Versöhnung”:

Das Beschuldigen der Opfer: Ursache und Wirkung

Artikel 35 der äthiopischen  Konstitution besagt:

Laws, customs and practices that oppress or cause bodily or mental harm to women are prohibited.

Gesetze und Praktiken die körperliche oder psychische Gewalt an Frauen unterstützen sind verboten.

Jedoch ist Hannas Fall nicht einzigartig in Äthiopien. Laut einer  Studie  von Sileshi G. Abeya, Mesganaw F. Afework and Alemayeh W. Yalew, ist die Gewaltrate gegen Frauen in Äthiopien eine der höchsten der Welt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) interviewte 3.016 Frauen im ländlichen Äthiopien. 59 Prozent der Frauen, die schon einen Partner hatten (das heißt sie waren verheiratet, lebten mit einem Mann zusammen oder hatten regelmäßige sexuelle Beziehungen mit einem Mann), haben zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben schon Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht.

Äthiopien steht sehr weit unten, wenn es um Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen geht. Der Gender Gap Index misst die Unterscheide zwischen Männern und Frauen in den Themen Gesundheit, Bildung, Wirtschaft und Politik. Im Jahr 2014 ist Äthiopien auf Platz 127 von 142 Ländern des Gender Gap Index zu finden.

Vergewaltigung ist häufig in Äthiopien, es wird aber sehr selten darüber geredet. Laut einer WHO Studie haben 39 Prozent der Frauen noch nie jemanden von der körperlichen Gewalt erzählt, die sie erfahren haben.

Rediet Yibekal, Forschungspraktikant des United Nations Entwicklungsprogrammes (UNDP), beschreibt den soziale Kontext der  “Vergewaltigungskultur” in Äthiopien:

The society focuses on educating young girls about safety while boys aren’t taught about rape and why it’s wrong. Society blames the rape victim, why and how she plays role in the process, and justifies the rapist’s action.” The perpetrator often go unpunished, and the victim fears not being taken seriously by police.

Die Gesellschaft ist bemüht, jungen Mädchen Sicherheitsregeln zu vermitteln, während Jungen nichts über Vergewaltigung und warum Vergewaltigung falsch ist, lernen. Die Gesellschaft gibt dem Opfer die Schuld, warum und wie es eine Rolle in dem Prozess spielt, und rechtfertigt so die Handlungen des Vergewaltigers. So kommt der Vergewaltiger oft ungestraft davon und das Opfer muss befürchten, von der Polizei nicht Ernst genommen zu werden.

Die Sicht der Familie und der übrigen Gesellschaft auf Vergewaltigung verschärft das Problem. Geschlechterabhängige Gewalt wird oft “innerhalb der beteiligten Familien geschlichtet und mithilfe einer gesellschaftlich gebilligten Entschädigung an die Familie des Opfers” wiedergutgemacht. Gleichzeitig besteht das Problem der Verlagerung der Schuldfrage.

Das äthiopische Magazin Addis Standard berichtet, dass wenn immer eine Geschichte sexueller Gewalt bekannt wird, zunächst dem Täter die Schuld zugewiesen wird. Nach einer Weile wird die Schuld dann aber dem Opfer gegeben. Leute versuchen die Vergewaltigung zu rechtfertigen, indem sie sagen “die Frau muss irgendetwas getan oder gesagt haben, dass ihn dazu gebracht hat, sie zu vergewaltigen.” Aus diesem Grund gehen viele Frauen auch nicht mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit.

Heute haben viele Frauen Angst, auf der Straße an die falsche Person zu geraten. Viele Frauen haben Angst, dass sie von ihrem Partner gedemütigt werden. Sie haben Angst, dass die eigene Familie ihnen den Rücken zuwenden wird. Es muss sich schnell etwas in Äthiopien ändern – denn wenn nicht, wird es noch sehr viele Hannas in Zukunft geben. Was mit Hanna passiert ist, hat einen Aufruhr verursacht und das ist ermutigend. Die Leute tolerieren nicht mehr länger was passiert. Vergewaltigung und ihre Rechtfertigung muss endlich ein Ende haben – da Angst nicht Freiheit ist.

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