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Der Weg in die USA führt für Kinder aus Ecuador durch die Hölle

La prima de Nohemí, Leonela, quién se quedó sin su compañera de juegos. Foto: Daniela Aguilar.

Nohemís Cousine Leonela blieb ohne ihre Spielgefährtin zurück. Foto: Daniela Aguilar.

Die Originalversion dieses Artikels wurde von Daniela Aguilar geschrieben und im Mai 2014 auf der Journalismus-Plattform Connectas veröffentlicht.

Dutzende ecuadorianische Kinder verlassen ihr Land in Richtung Vereinigte Staaten. Sie haben kein Visum und nur wenig Gepäck. Und dann gibt es noch Menschen – Menschenhändler in Ecuador, Schlepper in Mexiko — die für diese Reise kassieren: bis zu $20.000 pro Person. Eltern, die ihre Kinder bei sich in den USA haben wollen, sind bereit, dafür jeden Preis zu zahlen – selbst wenn das bedeutet, dass die Reise für die Kinder zur schlimmsten Erfahrung ihres noch jungen Lebens wird. Manchmal erreichen die Kinder ihr Ziel nicht und kehren zurück, manchmal sterben die Kinder auf dem Weg, ohne ihre Familien jemals wiedergesehen zu haben.

In den Vereinigten Staaten wird angesichts der Tausenden Kinder, die ohne Begleitung über die Grenze kommen (bis Ende 2014 werden es nach Schätzungen des amerikanischen Heimatschutzministeriums 90.000 sein), mittlerweile von einer humanitären Krise gesprochen. Dies hat die US-Regierung zu intensiven Gesprächen mit den Staatsoberhäuptern von Guatemala, El Salvador und Honduras bewogen – den Ländern aus denen die meisten Kinder stammen. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, US-Präsident Obama und der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto sprachen am 13. August bei einem Treffen mit dem Staatssekretär des Vatikans über das Thema und versicherten der Öffentlichkeit, dass gemeinsam nach einer Lösung gesucht werde.

In Ecuador hat von offizieller Seite noch niemand öffentlich über diese Krise gesprochen. Die einzige Ausnahme bildet der tragische Tod der 12-jährigen Nohemí Álvarez Quillay, die in einem Auffanglager in Mexiko starb, nachdem der Versuch, von Ciudad Juarez aus die Grenze zu den USA zu überqueren, gescheitert war. Im Fall von Nohemí Quillay ordnete die stellvertretende Verkehrsministerin María Landázuri eine Untersuchung an und reiste sogar nach Mexiko, um die Aufklärung der Todesumstände des am 11. März verstorbenen Mädchens zu “fordern”. Die mexikanische Seite sprach ihr Beleid aus und bedauerte öffentlich diese Tragödie. Bei seiner Reise nach New York City im April umarmte sogar Präsident Rafael Correa die Eltern des Mädchens, die als illegale Einwanderer in den USA leben und wie so viele andere das Leben ihrer Kinder in der Höhle des Löwen aufs Spiel setzten.

Über die anderen Kinder, die auf ähnliche Weise das Land verlassen, spricht jedoch niemand. Dabei handelt es sich nicht nur um einige wenige Kinder. Diese Fälle werden auch vom Rechtssystem nicht untersucht wie Romeo Gárate, Staatsanwalt aus Cañar, erklärte. Auf Kinderhandel angesprochen sagte er, der Tod von Nohemí sei “der einzige Fall” an den er sich erinnern könne.

Honduras: ein Sprungbrett auf dem Weg zum amerikanischen Traum

Seit der Abschaffung der Visapflicht zwischen Honduras und Ecuador ist die Anzahl der Reisen ohne Rückfahrkarte stark angestiegen. Zwischen 2007 und 2013 verlor sich die Spur von 992 Kindern, die von Ecuador nach Honduras geflogen waren. Diese von LA HISTORIA vorgelegten Zahlen unterscheiden sich völlig von den offiziellen Statistiken der internationalen Ein- und Ausreisen des Archivo Nacional de Datos (ANDA). Insgesamt reisten in diesem Zeitraum 1.286 Kinder zwischen 0 und 14 Jahren nach Honduras. Nur 294 davon kehrten auch von dort wieder zurück. Wenn man auch noch Jugendliche zwischen 15 und 19 dazu zählt, erhöht sich diese Statistik sogar noch weiter. In dieser Altersgruppe kehrten 5.255 Personen nicht von ihrer Reise nach Honduras zurück.

ViajesinRetorno

Einfache Fahrten von Ecuadorianern nach Honduras.

Auf jedes Kind, das das Land verlässt, kommen 20 Erwachsene. So verließen im selben Zeitraum 21.403 Erwachsene über 20 das Land und kehrten nicht zurück. Die Abschaffung der Visapflicht sollte ursprünglich dazu beitragen, “den Tourismus zwischen den beiden Ländern anzukurbeln”, so das Außenministerium. Diesen Sprachgebrauch übernahmen auch die Ecuadorianer. Von den 27.650 Personen, die zwischen 2007 und 2013 nach Honduras reisten und nicht mehr zurückkehrten, gaben 22.678 Tourismus als Anlass für die Reise an.

“Die Gesetzgebung muss dieser Situation angepasst werden, damit dies ein Ende hat. Wir wenden die Gesetze an. Der Staat muss die entsprechenden Gesetze erlassen, um dieses Problem zu lösen”, sagte Romeo Gárate, Staatsanwalt aus Cañar.

Gárate gibt zu, dass die Zahl der Minderjährigen, die das Land auf dem Weg zu ihren Eltern verlassen, in den vergangenen drei Jahren zugenommen hat. Honduras ist nur eine von vielen Zwischenstationen auf dem Weg nach Amerika von wo aus Netzwerke von Schlepperbanden Ecuadorianer an die mexikanisch-amerikanische Grenze bringen. Einige Ecuadorianer durchqueren auch Kolumbien so wie Nohemí Álvarez und ein Brüderpaar aus Cañar im Alter von 14 und 16 Jahren, die in der vergangenen Woche als illegale Einwanderer aus Kolumbien abgeschoben wurden.

Auch im Jahresbericht der nationalen Einwanderungsbehörde Mexikos, des Instituto Nacional de Migración (INM), tauchen Zahlen zu Ecuadorianern an der mexikanischen Grenze auf. Allein zwischen 2010 und 2013 wurden 2.663 Ecuadorianer als illegale Einwanderer festgenommen und in Auffanglager gebracht. Die Anzahl der dort Inhaftierten wächst ständig. 177 davon waren Minderjährige, die wieder nach Ecuador zurückgeschickt wurden. Nach Angaben des amerikanischen Ministeriums für Gesundheit und soziale Dienste (US Department of Health and Human Services, HHS) und der spanischen Nachrichtenagentur EFE wurden von 96 Prozent der Kinder, die die Grenze zu den USA überquerten 49.567 wieder mit ihren Eltern zusammengeführt.

La lápida de la tumba de Nohemí en el cementerio de El Tambo, provincia de Cañar (Ecuador). Foto: Daniela Aguilar.

Nohemís Grabstein auf dem Friedhof in El Tambo in der Region Cañar (Ekuador). Foto: Daniela Aguilar.

Tambo – die Spitze des Eisbergs

“Zuerst einmal muss ich sagen, dass es einige Schüler gibt, die normalerweise immer zur Schule kommen aber dann plötzlich verschwinden.” Mit diesen Worten beginnt Milton Correa, der Leiter der Schule von El Tambo in der Region Cañar, seine Rede. Dort ging auch Nohemí Álvarez zur Schule bevor sie in Richtung Vereinigte Staaten aufbrach.

Die Schule von El Tambo ist umgeben von grünen Hügeln. Dort gingen im letzten Jahr 1.042 Kinder zwischen 12 und 17 Jahren zur Schule. In dieser Zeit bemerkten Lehrer einen Anstieg der Arbeitsmigration unter Kindern und eine gesteigerte Aktivität von Menschenhändlern.

Immer wenn ein Kind unentschuldigt fehlt, leiten die Lehrer eine Untersuchung ein und halten die Ergebnisse in einem Bericht fest. “Ich kann ohne Zweifel sagen, dass 40 Schüler in diesem Schuljahr die Schule verlassen haben. Einige davon kommen einfach nicht mehr, andere sind ausgewandert und wieder andere haben versucht, auszuwandern”, erklärt Nube Chogllo, eine Beratungslehrerin, die die Berichte der Lehrer gesammelt hat. “Wir wissen aufgrund von Informationen von Verwandten, Freunden oder Kollegen, dass sie weg sind. Sie sagen uns, ‘er/sie ist gerade in Nicaragua, in Guayaquil, in Mexiko,’ aber die Zeit vergeht und einige haben es geschafft, die Grenze zu überqueren und andere kommen wieder zurück.”

In einigen Fällen hatten Lehrer erfahren, dass ein Kind in die USA gehen sollte, und versuchten die Kinder zu überzeugen, wenigstens das Schuljahr zu beenden – ohne Erfolg. Wie Schulleiter Correa erklärt, besteht das Hauptproblem darin, dass die Eltern der Kinder die Reise in die USA organisieren. “Dagegen kann man nichts tun, denn diejenigen, die auf uns hören, sind in der Regel diejenigen, die sich hier um die Kinder kümmern”, erklärt Correa. “Aber ich weiß nicht, wie wir diejenigen erreichen sollen, die schon ausgewandert sind und wie wir sie überzeugen können, das Leben ihrer Kinder nicht aufs Spiel zu setzen”, gibt er zu. Er argumentiert, dass die Richtung der Familienzusammenführung umgekehrt werden müsse, wenn den Eltern das Wohlergehen ihrer Kinder wirklich am Herzen liege. Wenn Eltern sich in den USA eine gewissen wirtschaftliche Sicherheit aufgebaut haben und mit ihren Kindern zusammen sein wollen, sollten sie zurück kommen, sagt er.

Von allen Schülern der Schule in El Tambo, die Opfer von Menschenhändlern geworden sind, wird einzig Nohemí Álvarez Quillay wegen ihres tragischen Todes im Gedächtnis bleiben. Obwohl sie das Schuljahr bei ihrer ersten Reise Richtung Norden nicht abgeschlossen hatte, kam sie automatisch in die achte Klasse. Nachdem ihre erste Reise gescheitert und Nohemí nach Ecuador zurückgekehrt war, kam sie nur einen Monat zur Schule bevor sie sich erneut auf die Reise machte. Nube Chogllo sprach mit dem Mädchen bevor sie aufbrach. Damals sagte Nohemí, dass sie einmal versucht hatte, in die USA zu kommen und nicht sicher wäre, ob sie es noch einmal tun würde. Die Beratungslehrerin kämpft mit den Tränen, wenn sie daran denkt, was das kleine Mädchen durchmachen musste: “Oh, wenn Nohemí sprechen könnte, was würde sie uns sagen?” murmelt sie zwischen langen Minuten des Schweigens. “Dieses Rätsel werden wir niemals lösen können.”

Leonelas Einsamkeit

Leonela ist 12 Jahre alt, hat glatte Haare und sonnengebräunte Haut. Sie verbringt ihre Tage damit zur Schule zu gehen und auf der Reisfarm herumzuwandern, die die Lehmhütte ihrer Großeltern und das gemauerte Haus trennt, das ihre Eltern und Onkel gebaut haben, die alle als illegale Einwanderer in den USA leben. Sie wohnt in El Rosario, einer indigenen Gemeinde in der Region El Tambo.

Es ist noch gar nicht lange her, da liefen ihre Cousinen Wendy und Nohemí noch neben ihr her. Anfang des Jahres verließen beide Ecuador mit Schlepperbanden auf dem Weg nach New York zu ihren Eltern. Sie weiß, dass Wendy es geschafft hat und dort ankam und dass Nohemí auf dem Weg starb, aber sie versucht nicht darüber nachzudenken, wie es so weit kam. Fest steht aber, dass Leonela allein zurück blieb ohne ihre Spielgefährtinnen.

Berichten zufolge werden viele Kinder auf dem Weg in die USA Opfer von körperlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Sie sind leichte Opfer für Gangs, die Kinder zur Prostitution zwingen oder für Entführer. Die Kinder tragen die Telefonnnummern ihrer Verwandten auf ihren Gürteln oder im Ärmel ihrer Pullover stets bei sich und werden – normalerweise an den Grenzen – von einem Schlepper an den nächsten übergeben.

Das ehemalige Strafrecht Ecuadors, das im letzten Monat reformiert wurde, sprach sowohl Schlepper schuldig als auch “diejenigen, die für den Schutz der Kinder und Jugendlichen und die Ausübung des Sorgerechts verantwortlich sind – egal ob dies Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel, Geschwister, ein Vormund oder eine andere Person ist, die diese illegalen Aktivitäten ermöglichen.” Trotz dieses rechtlichen Rahmens hat die Regierung Ecuadors nichts unternommen, um zu verhindern, dass Eltern die illegal in den USA leben, Schlepper dafür bezahlen, ihre Kinder zu ihnen zu bringen. Im neuen von der Nationalversammlung verabschiedeten Strafgesetzbuch fehlt genau dieser Absatz in Abschnitt 11 des Gesetzes zu Verstößen gegen das Migrationsrecht.

Nohemí Álvarez wurde mit einem Duschvorhang erhängt in einem Hostel in Mexiko aufgefunden, das zur Organisation für integrale Familienentwicklung (Sistema Nacional para el Desarollo Integral de la Familia, DIF) gehört. Der Schlepper, der mit dem Mädchen zusammen unterwegs war, wurde in Mexiko von der Polizei verhaftet und kurz darauf wieder freigelassen. Mittlerweile wurde der Haftbefehl für den Mann wieder in Kraft gesetzt. Die Bezirksstatsanwaltschaft in Ecuador leitete eine Voruntersuchung gegen vier Personen ein, zwei davon wurden bereits festgenommen. Nohemí wurde nach Angaben eines Mitarbeiters der Staatsanwaltschaft des Bezirks El Tambo sexuell missbraucht – ein Ende ganz anders als in der Inschrift auf ihrem Grabstein: “Ein friedlicher Tod, friedlich träumend schloss sie ihre Augen, aber ihre Seele stieg in das ewige Licht auf”.

Version aus lahistoria.ec.

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