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TJournal.ru: Schluss mit den Berichten über die Ukraine

For the time being, the popular news portal TJournal.ru has stopped ranking trending news stories on its main webpage. Images mixed by author.

Das populäre Nachrichtenportal TJournal.ru unterbricht vorerst die bislang auf seiner Startseite veröffentlichte Rangliste der beliebtesten Nachrichten. Fotomontage des Autors.

Alle Links in diesem Artikel führen, soweit nicht anders gekennzeichnet, zu russischsprachigen Webseiten.

Als Reaktion auf eine Flut antiukrainischer Propaganda in den russischen Massenmedien setzt das Internetportal TJournal vorübergehend seinen Service aus, die beliebtesten Nachrichten aus dem RuNet täglich zusammenzustellen. Bis vor kurzem hat TJournals Splashseite eine Liste der in den sozialen Medien Russlands beliebtesten Nachrichtenartikel angeboten. (Das statistische Programm, dass diese Liste erzeugt, hat die “Teilen-Angaben” und “Gefällt-mir-Angaben” bei Twitter, Facebook und VKontakte gezählt.) Dieser Service bleibt zwar über TJournals Smartphone-App mit einem direkten Hyperlink weiterhin verfügbar, jedoch nicht mehr auf der Startseite des Nachrichtenportals.

Nikita Likhaschew, TJournals Gründer und Herausgeber, sprach heute mit RuNet Echo, um das zeitweise Verschwinden des beliebten Nachrichtenangebots zu erklären:

Из-за повышенного внимания российских СМИ к теме украинского конфликта новостная повестка стала слишком политизирована, на время вытеснив все остальные темы дня из общей картины. Наблюдая за медиатором и за реакцией читателей, мы поняли, что в таких условиях он не отвечает нашим высоким требованиям к формированию разносторонней картины дня, и решили временно снять его. Мы займёмся им чуть позже: превратим в персонализируемый сервис, который станет частью нового TJournal.

Russlands Massenmedien berichten immer intensiver über den Konflikt in der Ukraine, sodass die Nachrichten politisch dominiert sind und im Moment alle anderen Themen des öffentlichen Interesses völlig in den Hintergrund drängen. Wir haben die Nachrichtensoftware und die Reaktion unserer Leser beobachtet und festgestellt, dass der Service nicht unserem hohen Standard gerecht wird, von den Ereignissen eines Tages ein abwechslungsreiches Bild zu zeichnen. Deshalb haben wir entschieden, diesen Dienst vorübergehend auszusetzen. Zu einem etwas späteren Zeitpunkt machen wir weiter, indem wir einen personalisierten Service anbieten, der Teil des neuen TJournal sein wird. 

In diesem Monat ist es drei Jahre her, dass dieses von TJournal entwickelte Instrument zur “automatisierten Analyse” russischsprachiger Tweets eingeführt worden ist. Es ist eine der am häufigsten zitierten Funktionen der russischen Internetmedien geworden. (Im Mai 2014 rangierte TJournal auf dem 26. Platz der am weitesten verbreiteten Zeitungen, wie Komsomolskaja Prawda.) Zusätzlich zur Rangliste von Russlands beliebtesten Tweets erstellt TJournal auch in zunehmendem Maße eigene Exklusivbeiträge, analysiert und berichtet über Technologien sowie über Neuigkeiten aus dem Internet. 

Nikita Likhaschew, TJournals Gründer und Herausgeber, Tjournal.ru.

Die Politisierung der von TJournal bereitgestellten Rangliste beliebter Nachrichten ist nicht der erste Anlass, der die Beziehungen zum Kreml kompliziert gestaltet.

Im April 2013 stand TJournal selbst im Mittelpunkt einer Medienkampagne [Global Voices Bericht auf Englisch] gegen den früheren Geschäftsführer von VKontakte, Pawel Durow. Er half Likhaschew dabei, sein Projekt im Gründungsjahr mithilfe einer Bürgschaft über 25.000 US-Dollar zu finanzieren. Die Tageszeitung Nowaja Gaseta [de] veröffentlichte archivierte Emails, die mutmaßlich vom früheren Pressesprecher von VKontakte, Wlad Tsyplukhin, und einem Vertreter des Kremls geschrieben worden sind. Nowaja Gaseta hat behauptet, dass Tsyplukhin sich persönlich dafür hergegeben hat, bei der Regierung für TJournal zu werben.

Daraufhin teilte Likhaschew Novaya Gazeta mit, dass der Kontakt zwischen Tsyplukhin von VKontakte und der Regierung auf den Zeitraum beschränkt war als die Webseite sich 2011 bei Durows Stiftung um eine Bürgschaft bewarb. Likhaschew habe jedoch im Frühjar 2011 von jemandem im Kreml einen Telefonanruf erhalten; sogar noch bevor TJournal startete, aber der Anrufer wollte bloß grundlegende Informationen über die neue Webseite erfragen. “Sie waren lediglich an dem Projekt interessiert. Wir hatten keine routinemäßigen Berührungspunkte. Wir haben uns noch nicht einmal getroffen, sondern sprachen nur am Telefon miteinander”, erläuterte Likhaschew.

In der vergangenen Woche feierte TJournal seinen dritten Jahrestag und gab bekannt, dass es im späteren Verlauf dieses Jahres ein grundlegend überarbeitetes Erscheinungsbild präsentieren wird. Alle Anzeichen, einschließlich der neuesten Version seiner Android-Anwendung, deuten darauf hin, dass sich die Webseite in Richtung auf stärker personalisierte Funktionen entwickeln wird, damit die Leser selbst bestimmen können, was sie auf der Seite sehen und sich die Geschichten aussuchen können, die ihren Interessen, vielleicht auch ihren politischen Überzeugungen, am ehesten entsprechen. Angesichts des medialen Umfelds des Landes, wo es möglich ist, einen kompletten Fernsehsender wegen einer unpatriotischen Umfrage in die Knie zu zwingen [Global Voices Bericht auf Englisch] ist TJournal möglicherweise über die perfekte Lösung zur Präsentation russischer Nachrichten geradezu gestolpert.

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