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Russen hassen die bärtige Siegerin der Eurovision

Conchita Wurst, performing "Rise Like a Phoenix," May 10, 2014, YouTube.

Conchita Wurst während ihrer Aufführung des Lieds “Rise Like a Phoenix,“ 10. Mai 2014, YouTube.

Der Eurovision Song Contest 2014 ist vorbei und der Gewinner der letzten Runde ist ein schwuler, bärtiger Transvestit aus Österreich. Thomas Neuwirth, besser bekannt als die Dragqueen-Persona Conchita Wurst, setzte sich gegenüber Künstlern aus den Niederlanden, Schweden und 34 anderen Ländern durch. Im Internet reagierten Russen auf Conchita Wursts Sieg mit einem Mix aus Humor und Homophobie.

Einsprüche gegen Wursts Beitritt in den Eurovision Song Contest sind schon mehrere Monate alt. Im Dezember 2013 wurden Petitionen von russischen und weißrussischen Männern eingereicht, um Fernsehsendern die Übertragung des Musikwettbewerbs zu verbieten, falls Wurst teilnehmen würde. Die weißrussische Petition [ru] wurde auf der amerikanischen Webseite Change.org veröffentlicht, und sammelte über 4.000 Unterschriften. Die russische Petition [ru] zog über 23.000 Unterstützer an.

Nach Wursts Sieg reagierten Russen mit verschiedenen Internet-Memen. Manche machten sich über ihren Bart lustig, wohingegen andere gezielt die vermeintliche kulturelle Toleranz Europas kritisierten.

Die Österreicher haben sich verändert.

Einige Blogger stellten Bilder von Wurst und berühmten historischen Österreichern gegenüber, wie zum Beispiel Franz Joseph I und Wolfgang Amadeus Mozart. Damit soll auf den Lauf der Zeit hingewiesen werden und Österreich, somit auch Europa, unterstellt werden, sie würden keine hochwertige Kunst mehr kreieren und traditionelle, korrekte Werte vernachlässigen.

Andere stellten Wurst mit Alexander Mozhaev [en], besser bekannt als „Babai“ (oder „Buhman“) gegenüber. Mozhaey ist ein bekannter, bärtiger pro-russischer Separatist aus Slawjansk, dessen eindrucksvolle Gesichtsbeharrung zum Symbol der stoischen Männlichkeit der ukrainischen Rebellen geworden ist.

Das Leben in Russland hat sich nicht geändert. “Zwei Welten. Zwei Kindheiten.”

Rykov: Zum ersten Mal in zwei Wochen fühle ich mich gezwungen mich zu rasieren.
Demyanov: Stell dir vor, wie Babai sich fühlen muss.

Die russische nationalistische Website Sputnik & Pogrom veröffentlichte ein Bild, welches die Ukrainer warnen soll, dass sie bei weiterer europäischer Integration kulturellen Werten ausgeliefert wären, die Menschen wie Wurst hochleben lassen. In der folgenden Nachricht wurde das Gesicht Wursts verwendet, um das Volk in der südöstlichen Ukraine zu verängstigen und zur separatistischen Abstimmung am 11. Mai zu zwingen.

Ukraine, du willst zu Europa gehören? Conchita wartet auf die Ukraine! 11. Mai: Entweder du gehst zur Abstimmung, oder der blaue Bart kommt zu dir!

Manche der bösartigsten Online-Kommentaren waren Bilder von Männern, die sich aus Protest gegen Wurst rasieren. Der Rapper Aleksandr Stepanov [ru], bekannt als „ST“, verteilte auf Instagram Bilder von ihm als er sich rasiert mit der Mitteilung, „Jetzt bist du dran“ und dem Hashtag „Beweis, dass du nicht Conchita bist“(#докажи что ты не кончита). Der bekannte Kreml-treuen Blogger Anton Korobkov, teilte auch ein Bild Bild von sich als er sich rasierte:

“Ich habe den Eurovision Song Contest gesehen. Ich musste mich rasieren.”

Ein anderer russischer Rapper, Timur Yunusov, eher bekannt als “Timati,” antwortet [ru] auf den Instagram-Beitrag Stepanovs mit besonderem Lob. Yunusov dankte zusätzlich Vladimir Putin für das Verbot der Gay-Paraden in Moskow und kritisierte Europa für die „Normalisierung“ der bärtigen Frauen. Der Rapper gab an, dass er wahrscheinlich jedes homosexuelle Paar in Russland überfallen würde, das sich öffentlich zu küssen wagt oder zu sich an der Hand zu halten versucht.

Aleksandr Stepanov's clarion call to Wurst haters. May 10, 2014. Instagram screen capture.

Der Ruf Aleksandr Stepanovs zum Hass auf Wurst, 10. Mai 2014. Instagram-Bildschirmaufnahme.

Trotzt der Besorgnis über den angeblichen kulturellen Untergang Europas ist Wurst tatsächlich nicht die erste transgender Gewinnerin im Eurovision Song Contest. Die israelische, transsexuelle Artistin Dana International unterzog sich im Jahr 1993 einer Geschlechtsumwandlung und gewann im Jahre 1998 den Gesangswettbewerb. Russland durfte in diesem Jahr wegen niedriger durchschnittlichen Ergebnissen aus früheren Jahren nicht teilnehmen. Aus diesem Grund hatten sich russische Sender dafür entschieden, die Eurovision nicht zu übertragen.

Der Eurovision hat schon immer russische Homophobe beunruhigt. Die Wettbewerbsbeiträge sind ausnahmslos auffällig und schwierig mit irgendeiner konventionellen Männlichkeitsvorstellung auszugleichen. Dank des Ukrainekonflikts sind die Ost-West-Spannungen nun auf einem postsowjetischen Höhepunkt und durch den Anstiegt des patriotischen Chauvinismus in Russland nehmen Angriffe gegen Homosexuelle deutlich zu.

Natürlicherweise verleiht das Schauspiel einer homosexuellen bärtigen Dragqueen-Siegerin mehr Würze.

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