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Der ukrainische Krieg in Echtzeit

A Ukrainian military helicopter flying over Ukrainian regular troops in the Donetsk region. YouTube screenshot.

Ein ukrainischer Militärhubschrauber überfliegt in der Region Donezbecken reguläre Truppen der Ukraine. YouTube Bildschirmfoto.

Alle Links in diesem Artikel führen zu russischsprachigen Webseiten.

Am 25. Mai 2014 fanden in der Ukraine die Stichwahlen zur Präsidentschaft statt. Der Milliardär Petro Poroschenko wurde im ersten Wahlgang mit mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen gewählt. Auf den Straßen der Ostukraine blieb die Situation jedoch auch während des Wahlwochenendes schrecklich. Alle Zeichen standen auf Eskalation. Die Gewalt spielt sich auch in den sozialen Netzwerken ab, so wie es in den letzten paar Wochen der Fall war. Am vergangenen Freitag war es noch animalischer, wie das Facebook-Profil einer von Gewalt und Pessimismus geprägten, nachstaatlichen, Bürgerarmee zeigt, die in der Region kämpft.

Semjon Semjonschenko, der Anführer des “Donbass-Bataillons”, einer paramilitärischen Freiwilligenorganisation, für die reguläre Bürger der Ukraine angeblich Geld gesammelt haben, hat in seinem Facebook-Profil Lageberichte veröffentlicht (nach dem Vorbild des Kommandeurs der Separatisten von Slowjansk, Igor Strelkow, der seine “Depeschen” durch einen LifeJournal Blog verbreitet). Am Freitag aktualisierte Semjonschenko seine Seite mehrmals telefonisch, zunächst mit diesem Beitrag

Только что в районе с.Карловки Донецкой области батальон “Донбасс” попал в засаду. Принял бой. Против батальон работают автоматчики, снайпера и РПГ. Есть раненые. Отойти не можем, потому, что часть людей находится в окружении. Просим подмоги находящихся поблизости воинских частей.

Soeben wurde das Donbass-Bataillon in der Nähe des Dorfes Karliwka, Region Donezbecken, aus dem Hinterhalt überfallen. Wir haben den Kampf angenommen. Der Feind verwendet Sturmgewehre, hat Scharfschützen und setzt panzerbrechende Granaten ein. Es gibt Verwundete. Wir können nicht zurückweichen, weil einige unserer Leute eingekesselt sind. Wir bitten dringend um Verstärkung von den in der Nähe befindlichen Militärverbänden.

Ein Kommentator antwortete:

Это жесть просить подмоги на фб, а что нет штаба, где координируются все передвижения? Удачи вам!

Das ist krass, auf Facebook um militärische Unterstützung zu bitten. Habt Ihr kein Hauptquartier, das alle Truppenbewegungen koordiniert? Viel Glück!

Das Fehlen einheitlicher Kommandostrukturen ist die Achillesferse der irregulären ukrainischen Militärverbände, die bei den “antiterroristischen Einsätzen” in der Ostukraine als Freiwillige helfen wollen. Den Separatisten ist es gelungen, daraus Pattsituationen und Siege zu machen, besonders in den Phasen ohne Luftunterstützung. Kurz nach dem ersten Beitrag erschien eine Aktualisierung, in der um einem gepanzerten Truppentransporter gebeten wird. Außerdem wurde behauptet, alle Hilfsersuchen an das in der Region stationierte ukrainische Militär würden von den Verantwortlichen vor Ort ignoriert. Zwei Stunden danach erschien eine weitere Aktualisierung mit der Bitte um einen APC [Schützenpanzer]. Der größte Teil des “Bataillons” sei zwar dem Angriff aus dem Hinterhalt entkommen, aber jetzt müssten eingekesselte und in einem verlassenen Gebäude belagerte Truppenteile gerettet werden. Später berichteten russische Blogger, dass Semjonschenko selbst gefangen genommen wurde, gemeinsam mit einigen anderen “Donbass”-Truppen. Er selbst hat dies später widerlegt.

Nach der Wahl, am 26. Mai, lieferte Semjonschenko auf seiner Facebook-Seite einen vollständigen Bericht über die Kämpfe. Nach Beendigung eines fünfstündigen Feuergefechtes waren aus dem Zug von 25 “Donbass”-Kämpfern fünf tot und sechs verwundet. Wie das bei derartigen Berichten üblich ist, waren die Angaben des Gegners bezüglich der erlittenen Verluste höher, nämlich elf Tote und sechs Verletzte von insgesamt 100 gegnerischen Kämpfern. (Der Kommandeur der Separatisten, Igor Strelkow, gibt stets höhere Verluste des Feindes an). Es ist unklar geblieben, wo Semjonschenko diese Zahlen besorgt hat oder wo die Information herkommt, dass sogar das unter “tschetschenischem Kommando” stehende “Bataillon Wostok” im Donezbecken gekämpft hat. Wie auch immer, Kriegspropaganda ist eben Kriegspropaganda, besonders bei Facebook. Semjonschenko beendete seine Schilderung, indem er den Sieg für sich beanspruchte:

Легко вооруженное гражданское ополчение жителей Донецкой области – батальон “Донбасс”, без всякой поддержки со стороны госструктур, нанес значительный урон вооруженным до зубов, прошедшему спецподготовку подразделению террористов.

Eine aus Menschen der Region Donezk gebildete und nur leicht bewaffnete Bürgermiliz, das Donbass-Bataillon, das ohne jede Unterstützung der [ukrainischen] Regierung kämpft, hat einer schwer bewaffneten und besonders trainierten Abteilung von Terroristen schweren Schaden zugefügt.

Wer auch immer für das separatistische “Wostok”-Bataillon verantwortlich ist: Es scheint so zu sein, dass dieses Bataillon, das den Namen einer seit langem aufgelösten tschetschenischen Einheit trägt und deshalb ziemliche Verwirrung stiftet, nicht auf Igor Strelkow in Slowjansk reagiert. Zumindest hat er das Feuergefecht in seinen täglichen Lageberichten nicht erwähnt (an dem besagten Wochenende sorgte er jedoch auf eine andere Weise für Schlagzeilen, nämlich indem er die Hinrichtung von zwei Angehörigen der separatistischen Bürgerwehr befahl, denen “Plünderung” vorgeworfen wird. Eine Kopie seines Befehls, der sich auf eine im zweiten Weltkrieg für sowjetische Kommandeure geltende Bestimmung stützt, tauchte im Internet auf. Strelkow bestätigte deren Echtheit). Einigen russischen Analysten zufolge könnte Wostok eine Bürgerwehr sein, die von dem Milliardär Rinat Achmetow gesteuert beziehungsweise finanziert wird. Achmetow hatte sich explizit gegen eine Unabhängigkeit der Ostukraine ausgesprochen. In den letzten Nachrichten wird darüber berichtet, dass “Wostok” gemeinsam mit ukrainischen Regierungstruppen um den Flughafen in Donezk kämpft. Aber im Nebel des Krieges, mit allen möglichen Milizen, die in der Gegend patroullieren, könnte das alles aber auch gar nichts bedeuten. Dagegen ist eines klar: Nach den Wahlen ist das Problem der Ostukraine wie von Geisterhand verschwunden. 

[Donbass ist die Bezeichnung des Donezbeckens, das beidseits der ukrainisch-russischen Grenze verläuft].

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