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Flucht aus der Ukraine, oder: Die Rückkehr des Tomaten-Terroristen

Russian cult classic White Sun of the Desert gets re-imagined with the Red Blitzkrieg. Images remixed by Andrey Tselikov.

Der russische Kultfilm “Weiße Sonne der Wüste” wird neu erfunden. Fotomontage von Andrej Tselikow.

Alle Links in diesem Artikel führen, soweit nicht anders gekennzeichnet, zu russischsprachigen Webseiten.

Es ist zwei Jahre her, fast auf den heutigen Tag genau, als ich über die Abenteuer des Tomaten-Terroristen Andrej Morozow geschrieben hatte [Global Voices Bericht auf Englisch]. Man kennt ihn auch als Murz, einen Unruhestifter des RuNet [russisches Internet]. 2005 erlangte er zum ersten Mal traurige Berühmtheit:

Red Blitzkrieg” was what Morozov named the tiny Stalinist-nationalist group he had founded around the time, but the phrase referred more visibly to his strategy of throwing tomatoes at political and ideological opponents.

Roter Blitzkrieg” nannte er die winzige stalinistisch-nationalistische Gruppierung, die er seinerzeit gegründet hatte. Dieser plakative Ausdruck meinte aber eher seine eigenwillige Strategie, politische und ideologische Gegner mit Tomaten zu bewerfen.

Damals brauchte er genau zwei weitere Jahre, um in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten. 2007 schoss er in einer regionalen Residenz des [Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation] FSB mit einem Gewehr um sich. Lange Rede, kurzer Sinn: Er landete im Gefängnis. Es ist schon ein eigenartiges Beispiel der zyklischen Natur sowohl russischer Bürgerproteste als auch der Blogosphäre in Russland, dass Morozow im Jahre 2012 genau die selben Leute “tomatisierte”, die ihm sieben Jahre davor “zum Opfer fielen”. Und jetzt, 2014 (erneut ein Intervall von genau zwei Jahren), sorgt Murz ein weiteres Mal für Probleme und Schlagzeilen. Fast so als würden er einen defekten Sonnenkalender verwenden.

Die ersten Details kamen am 18. Mai ans Tageslicht, als Morozow seinen LifeJournal Blog kenigtiger durch einen kurzgefassten Beitrag aktualisierte: “Komme geradewegs vom Zug, zurück aus Donbass [Donezbecken, beiderseits der ukrainisch-russischen Grenze], wo ich ungefähr seit 11. Mai war. “Schei** große Gefühle. Ich habe mir nichts gebrochen, habe auch keine ernsthaften Verstauchungen. Aber ein Bluterguss überzieht mein linkes Schienbein und an meinen Händen kann ich bloß noch links drei Finger benutzen.” In den Kommentaren zum Beitrag ergänzte Morozow seine Schilderungen. Später lieferte er noch eine längere Erklärung der Geschehnisse. Die Geschichte, die er erzählte, ist vollkommen irrsinnig. Aber eigentlich auch nicht verrückter als das, was man von diesem Mann sowieso erwartet hätte.

Als Nationalist und radikaler Ideologe ließ sich Morozow von russischen Freiwilligen begeistern, die über die Grenze gingen, um gemeinsam mit Separatisten in der Ostukraine zu kämpfen. Außerdem hat er sich wahrscheinlich von Igor Strelkow, dem militärischen Anführer der Separatisten, inspirieren lassen. Ein Mann, der wie Morzow gerne historische Schlachten nachstellt. Dermaßen angespornt, entschied auch er sich für einen Grenzübertritt; er trug seine eigene Ausrüstung, mitsamt schußsicherer Weste.

Als er auf die Separatisten auflief, ist Morozow jedoch festgenommen worden, weil man ihn für einen Spion hielt. Dabei sei er sogar gefoltert worden, die Ursache seiner Verletzungen. Man habe ihn “unter Körperspannung” gefesselt und tagelang an seinen Handgelenken aufgehängt. Sobald seine Peiniger davon überzeugt waren, dass er ein Spion ist, habe man ihn an die ukrainischen Regierungstruppen überstellt, die ihn nach einer Weile an der Grenze zu Russland aussetzten. Dort sei er dann von Grenzsoldaten aufgelesen worden, die ihn in ein Krankenhaus gebracht haben sollen. 

Morozows Gesichte ist nicht gerade überzeugend. Einer der Blogger hob hervor, dass es schon irgendwie merkwürdig erscheint, wenn sich jemand, dem soeben fast alle Finger gebrochen worden sind, erstmal hinsetzt, einen langatmigen Blogbeitrag schreibt und anschließend dutzende von Kommentaren beantwortet. Ein anderer sinnierte darüber, dass Morozow möglicherweise von jemandem weggefangen worden ist, der von dessen nerviger Bloggerei wusste und ihn deshalb mit großer Freude leiden sah.

Morozow schien keinen Groll zu hegen. Gegen Ende seiner Geschichte schrieb er:

Я не держу зла на ополченцев, пытавших меня в Антраците. И, если бы, сняв меня с решетки, они дали бы мне оружие, я пошёл бы сражаться вместе с ними за свободу и независимость ДНР. […] Я, как только подлечусь и поправлю финансовое положение, готов […] вступить в ополчение и сражаться за русский народ Донбасса до последней капли крови. И считаю такое отношение к вопросу правильным для сталиниста и русского националиста.

Ich kann es den Milizionären nicht verdenken, dass sie mich in Antrazyt gefoltert haben […]. Und als sie mich herabgenommen hatten, gaben sie mir eine Waffe. Ich wäre mit ihnen marschiert, um für die Freiheit und Unabhängigkeit der DPR [Volksrepublik Donez] zu kämpfen […]. Sobald ich gesundheitlich erholt bin und auch finanziell ein bisschen besser dastehe, werde ich bereit sein […], in die Bürgerwehr einzutreten und für die Russen des Donbass zu kämpfen, bis zum letzten Blutstropfen. Nach meiner Meinung eben genau so, wie es sich für einen aufrechten Stalinisten und russischen Nationalisten gehört.

Stanislaw Jakowlew, ein früherer Blogger der Nazbol [Nationalbolschewistische Partei Russlands], der gegenwärtig für DemVybor-LiveJournal schreibt, hatte in einem privaten Gespräch folgendes über Morozows Angeberei zu sagen:

Ну он не ссыт, это конечно вызывает уважение. Больше сказать даже как-то и нечего. Кроме того, что в некоторых ситуациях одной смелости мало, а инициатива и вовсе наказуема.

Nun gut, er hat keine Angst und deshalb respektiere ich ihn. Ich kann wirklich nichts anderes sagen. Außer der Tatsache, dass es Situationen gibt, in denen Tapferkeit nicht ausreicht und Eigeninitiative ein Grund zur Bestrafung sein kann.

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