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Zwei junge Menschen durchqueren Europa auf der Suche nach der europäischen Identität

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Zwanzig europäische Länder. Zweiundreißig Städte. Ein VW-Bus aus den Siebzigern.

So lässt sich die am 10. Mai beginnende Europa Bulli Tour, in deren Rahmen sich Claire Audhuy und Baptiste Cogitore auf die Suche nach der europäischen Identität begeben, kurz umschreiben.

Audhuy und Cogitore, die Gründer des in Straßburg, Frankreich, ansässigen Theaterensembles und Verlags Rodéo d'âme, werden ihre Reise, die sie unter anderem nach Triest, Minsk, Sarajevo, Skopje, Chisinau und Berlin führt, filmisch dokumentieren. 

Vor dem Hintergrund der Europawahlen im Mai gewinnt das Projekt noch eine ganze andere Bedeutung. Aufgrund der immer noch anhaltenden Wirtschaftskrise wird in vielen europäischen Ländern der Nutzen der Zugehörigkeit zur Europäischen Union in Frage gestellt [en]. Angesichts verbreiteter Desillusionierung über die wirtschaftliche Situation droht eine niedrige Wahlbeteiligung. 

Interessierte können sich über die Reise der beiden Künstler, die sich die Unterstützung mehrerer Medienpartner gesichert haben, auf ihrem Blog, ihrer Facebookseite und ihrem Twitter-Account auf dem Laufenden halten.

Global Voices interviewte Claire Audhuy kurz vor Beginn der Reise.  

Claire Audhuy

Claire Audhuy. Verwendung mit Genehmigung von Claude Audhuy. Foto von Pascal Koenig

Global Voices (GV): Wie kam es zu diesem Projekt?

Claire Audhuy (CA): Wir (Baptiste und ich) sind gerade mit dem Studium fertig geworden. Heuer findet auch das zehnjährige Jubiläum unseres Theaterensembles statt. Deshalb dachten wir, dass es Zeit für ein gemeinsames Projekt wäre, ehe wir unsere eigenen Wege gehen. Das Thema der europäischen Identität haben wir außerdem bereits bei unseren früheren Arbeiten aufgegriffen. Als wir 2011 an dem Projekt Penser et parler l'Europe arbeiteten, haben wir bereits viele Europäer dazu befragt. Damals geschah dies jedoch hier, in Straßburg. Nun zieht es uns also in den Osten dieses Europas, das für uns immer noch etwas Undefinierbares ist. Wir hatten ursprünglich nicht vor, uns auf aktuelle Themen zu konzentrieren. Aber ich denke, dass das aktuelle Geschehen, wie zum Beispiel in der Ukraine, einen großen Einfluss auf unsere Reise haben wird.


Trailer zur Europa Bulli Tour

GV: Haben Sie schon Interviewtermine vereinbart? Können Sie uns schon etwas davon erzählen?

CA:Mitte Mai kommen wir nach Triest, wo wir die Ehre haben, den hunderteinjährigen Boris Pahor zu treffen. Der Widerstandsaktivist und Schriftsteller, der Häftling im KZ Struthof im französischen Elsass war, ist einer der bedeutendsten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Pahor ist es ein Anliegen, dass allen Opfern des Zweiten Weltkrieges, und nicht nur denen in der jüdischen Gemeinschaft, Gehör verschafft wird. Er selbst trug im Lager den roten Winkel, das Zeichen für politische Häftlinge. An der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei werden wir in einem Flüchtlingslager Gespräche führen. Wir werden uns mit dem Leiter unterhalten, aber auch die Flüchtlinge und Mitarbeiter von Frontex [en] vor folgendem Hintergrund zu Wort kommen lassen: Schützt sich Europa oder isoliert es sich von der restlichen Welt? Ein weiterer Schwerpunkt unserer Reise sind die Roma, die sinnbildlich für viele europäischen Probleme mit Minderheiten stehen. Wir werden ein von jungen Roma geleitetes Theater, an dem Vorstellungen in ihrer eigenen Sprache aufgeführt werden, besuchen. Wir werden die Nacht im Hotel Gelem [de] in Mazedonien verbringen. In dieser von den Roma geführten Pension haben wir als Gäste, anders als sonst in Europa üblich, die Möglichkeit in die Welt der Roma einzutauchen. Wir werden auch die Mitglieder einer Roma-Rapgruppe treffen. Die sollte man unbedingt im Auge behalten. 

In Anlehnung an das im Elsass durchgeführte Projekt Gardiens des lieux planen wir auch verlassene Synagogen in Europa zu besuchen. Uns interessiert die Erinnerung an das jüdische Erbe in Europa und dessen Erneuerung. Wir werden unter anderem eine Synagoge besuchen, die jetzt Heimat eines von Lutaka Mostar geleiteten Puppentheaters ist.

Wir hoffen, dass all diese verschiedenen Geschichten uns dabei helfen zu verstehen, was für ein Europa wir wirklich wollen.

itinéraire

Der geplante Verlauf der Europa Bulli Tour aus dem zugehörigen Blog: http://www.bullitour.eu/l-itineraire/

GV : Wie werden Sie sich verständigen?

CA: Wir sprechen beide Französisch, Deutsch und Englisch. Dies soll aber unsere Begegnung mit Menschen wie jungen Roma, die nur ihre eigene Sprache sprechen, oder einem ungarischen Roma-Dichter [en], den man uns sehr ans Herz gelegt hat, nicht einschränken. Wir haben in jedem Land Leute, die sich auskennen und uns helfen, und Dolmetscher (von den Schulen, französischen Sprachinstituten und so weiter). Die Dolmetscher spielen für die Begegnungen eine ganz wichtige Rolle. Wir haben dies bemerkt, als wir ein Theaterstück, Traversées, auf Französisch geschrieben und es dann 2013 in einem palästinänsischen Flüchtlingslager in Aida auf Arabisch aufgeführt haben.

GV: Warum konzentrieren Sie sich auf die Begegnung mit Künstlern der Gegenwart?

CA: Die Künstler, die wir treffen wollen, haben Geschichten zu erzählen, die vielleicht in naher Zukunft vergessen sind. Sie beobachten die Welt aus ihrem eigenen Blickwinkel. Da gibt es beispielsweise Tara (von Neudorf), diesen unglaublichen Künstler, der allein in einem verlassen Dorf in der Mitte Transylvaniens lebt und sein Atelier in einer verlassenen Kirche eingerichtet hat. Ich kann es gar nicht erwarten, ihn zu treffen!

GV : Welche Rolle spielen die sozialen Medien für dieses Projekt?

CA: Mit den sozialen Medien wie Facebook und Twitter können wir den Menschen einen Ausschnitt unserer Arbeit zeigen, und sie dazu animieren, sich weiter damit zu beschäftigen. Damit kann man auch viele Menschen erreichen, die man gar nicht kennt. Dies gilt besonders für Communityforen. Es gibt jetzt zum Beispiel diese Community, die sich rund um unseren VW-Bus gebildet hat.

LE Bulli, le voilà. avec son autorisation, crédit Baptiste Cogitore

Der VW-Bus. Foto von Baptiste Cogitore. Verwendung mit Genehmigung

GV: Was sind die ersten Termine auf der Europa Bulli Tour?

CA: Bevor es am 10. Mai losgeht, findet am 6. Mai ein Konzert am Collège Doctoral Européen in Straßburg statt. Der Eintritt ist frei, und es treten zwei französische Gruppen, die von osteuropäischer Musik inspiriert sind, auf. Zuerst spielen Arsène Rigoulot, die ukrainische Musik mit zwei Violinen und Gitarre interpretieren, und danach betreten Taraf’Algar mit ihrem Repertoire aus Klezmer-, Gypsy- und Balkanmusik die Bühne. Die Reise lohnt sich. Kommt bitte zahlreich vorbei!

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