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Wie Dmitry Timchuk die russische Blogosphäre mürbe gemacht hat

Russian bloggers not sure what to make of Dmitry Tymchuk (pictured on the laptop). Images mixed by author.

Russische Blogger sind sich nicht sicher, was sie von Dmitry Timchuk (im Laptop abgebildet) halten sollen. Fotomontage des Autors.

Alle Links in diesem Artikel führen, soweit nicht anders gekennzeichnet, zu russischsprachigen Webseiten.

Dmitri Timchuk hat viele Gesichter. Er behauptet, in “offizieller Mission” im Irak, im Kosovo und im Libanon unterwegs gewesen zu sein. Außerdem hat er sich als Angehöriger der ukrainischen Streitkräfte bezeichnet, nämlich als Oberst der Reserve. 2008 ist er Herausgeber von flot2017.com geworden, einer Webseite zur politischen Lobbyarbeit mit dem Ziel des Abzugs der russischen Schwarzmeerflotte aus Sewastopol [de]. Laut Timchuks Facebookprofil war er in den letzten sechs Jahren auch als Direktor des “Zentrums für militärpolitische Forschung” in Kiew tätig.

Anfang des Jahres gründete er gemeinsam mit anderen Reserveoffizieren eine Gruppe namens “InfoWiderstand“, die regelmäßig über die Ereignisse im unruhigen Südosten der Ukraine berichtet und entsprechende Kommentare veröffentlicht. “InfoWiderstand” unterhielt bislang keine eigene Webseite (eine andere Gruppe nutzte diese Gelegenheit prompt und hatte sowohl von dem Namen als auch von der Webadresse Besitz ergriffen). (Aktualisierung vom 25. April: Timchuks InfoWiderstand hat jetzt eine eigene, russischsprachige Webseite). Bis dahin veröffentlichte Timchuk viele Meldungen von InfoWiderstand auf seiner persönlichen Facebookseite mit einer erstaunlich hohen Anzahl von Abonnenten: 77.420 [26. April: 81.552] (vor zwei Monaten waren es nur halb so viele). Seit März 2014 sind in der Zeitung KiewPost fast vierzig Artikel von ihm erschienen (die Gruppe Stimmen der Ukraine übersetzte sie ins Englische). Vor zwei Tagen brachte sogar die Huffington Post eine Übersetzung [en] Timchuks “Fernschreiben aus Donetzk”.

Am 3. März 2014 erschien ein Artikel von Artem Sannikow auf der prorussischen Webseite Peacekeeper.ru. Darin behauptet er, Dmitry Timchuk sei überhaupt keine reale Person. Wie es scheint, hat das “Zentrum für militärpolitische Forschung” keine Webseite. (Internetsuchen ergeben, dass zwar ein gleichnamiges Institut existiert, jedoch ironischerweise zum Außenministerium der Russischen Föderation gehört). Peacekeeper.ru hebt hervor, dass Timchuks Beiträge auf Facebook zwar regelmäßig von Tausenden geteilt, jedoch nur von wenigen kommentiert werden. “Diese Anzeichen”, erklärt Sannikow, deuten “für gewöhnlich auf so etwas wie eine wundersame Vermehrung” hin. In dem Artikel wird auch vermutet, dass die Person Timchuk Teil einer groß angelegten NATO-Operation zur Unterwanderung und Manipulation sozialer Medien ist.

Bei Wikipedia gibt es gegenwärtig nur einen einzigen Artikel über Dmitry Timchuk. Auf Russisch geschrieben und von den Moderatoren bereits zur Löschung vorgeschlagen, beschreibt diese Wikipedia-Seite Timchuk als “vom Informationskrieg benutzte virtuelle Person, in deren Namen antirussische Verlautbarungen publiziert und anschließend von den ukrainischen Massenmedien zitiert werden”.

Vermutungen über Timchuks wahre Identität passen haargenau zu einem im RuNet [russischen Internet] beliebten Mem [de], der vor ungefähr zwei Monaten erstmals auftauchte, als die Onlinediskussion über das Einverleiben der Krim besonders hochgekocht war. Bei Youtube hat ein Nutzer namens Dmitry Kakegotam einen Kommentar gepostet, der eine Videobotschaft gegen die Annexion der Krim billigte. Aus Sicht einer Frau schrieb er: “Glaubt mir! Ich bin selbst eine Frau von der Krim! 50 Jahre habe ich hier gelebt. Ich bin die Tochter eines Offiziers!” Sofort antwortete ein anderer Nutzer: “Khokhol, du hast vergessen, dich auszuloggen” und gab damit zu verstehen, dass der Mann im Interesse von Kiew Nachrichten unter mehreren Identitäten verbreitet, die offensichtlich falsch sind. Dieser Dialog bringt perfekt den unter Russen üblichen Verdacht zum Ausdruck, wonach ruchlose Agenten für einen Großteil der proukrainischen Ergüsse im Internet verantwortlich seien.  

Dmitry Tymchuk, in the flesh. Interview with Hromadske.TV, 27 March 2014, YouTube screen capture.

Dmitry Timchuk in Fleisch und Blut.  Interview mit Hromadske.TV, 27. März. Youtube-Bildschirmfoto.

Dmitry Timchuk gibt es wirklich. Es ist schnell erklärt, warum seine Beiträge auf Facebook zwar von vielen Menschen geteilt, jedoch nur von wenigen kommentiert werden: In den Einstellungen gestattet Timchuk es nur seinen Freunden, öffentliche Beiträge zu kommentieren. (Er hat mehr als 80.000 Abonnenten, aber nur 5.000 Freunde.) Seitdem Sannikows Artikel veröffentlicht wurde, ist Timchuk mehrmals persönlich für Interviews und auf Konferenzen in Erscheinung getreten. Als er dem größten ukrainischen Internetfernsehsender, Hromadske.TV, ein Interview gab, hat der Gastgeber Timchuk sogar in den Arm gekniffen, um den Zuschauern zu zeigen, dass er kein von der NATO erfundenes Phantom des Internet ist. 

Seit nunmehr fast sechs Jahren hat Timchuk proukrainische beziehungsweise antirussische Stellungnahmen und Meinungsartikel veröffentlicht. Im August 2008, als Russland sich im Krieg gegen Georgien befand, schrieb er in Erwartung künftiger russischer Aggressionen, die Ukraine solle diesen Konflikt genau studieren. Im Dezember 2008, als die Ukraine ihre letzten bewaffneten Kontingente der in den Irak entsandten multinationalen Truppen zurückzog, schrieb Timchuk, dass die Ukraine durch diesen Einsatz an Kampferfahrung gewonnen habe, die sie in künftigen, nicht so weit entfernten Konflikten noch brauchen werde.

Mit anderen Worten: Timchuk ist anerkanntermaßen ein patriotischer Blogger. Gewiss energischer und besser informiert als der durchschnittliche Internetnutzer, hat Timchuk fast sechs Jahre lang auf zweifelhaften Webseiten jede Menge hingekritzelt. Immer wieder hat er auf den in seinen Augen aggressiven Nachbarn östlich der Ukraine eingedroschen. Nach der Annektierung von ungefähr vier Prozent der ukrainischen Bevölkerung und der Drohung, noch mehr Menschen zu “befreien”, hat Russland Timchuk zu einem Star der ukrainischen Politikszene gemacht. 

Statt Moskaus Beitrag zur Popularisierung des Dmitry Timchuk zu erkennen, ziehen es einige russische Blogger vor, der NATO die Schuld in die Schuhe zu schieben. Seinen Kopf in den Sand zu stecken, macht das Leben manchmal leichter.

Richtigstellung: Im Original dieses Artikels steht, dass die KiewPost für die Übersetzung von Timchuks Text ins Englische verantwortlich ist. Tatsächlich hat die Gruppe Stimmen der Ukraine diese Übersetzung gemacht.

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