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Wie Russen die Internetzensur überlisten

Nawalny-treue Blogger trollen Internetzensoren.

Nawalny-treue Blogger machen sich über Internetzensoren lustig.

Nur wenige Tage, nachdem Russlands Medienzensurbehörde Roskomnadzor oppositionelle Webseiten gesperrt hat [Global Voices, en], haben Verfechter der Redefreiheit ein einzigartiges System zur Umgehung der Zensur erschaffen – mit eindrucksvollen Gegenschlägen. Damit machen sie es sowohl den Zensoren als auch Kremlin-treuen Webseiten schwer. Die russischen Internetaktivisten scheinen sich den Spruch “Angriff ist die beste Verteidigung” zur Devise gemacht zu haben.

Die Methode entstand, als der Blogger Ruslan Leviev [ru] versuchte den Blog des oppositionellen Anführers Alexei Nawalny aufzurufen, der seit 2013 auf der schwarzen Liste stand und gesperrt war. Der Entwickler des Systems, ein unter dem Namen alexkbs bekannter Programmierer, erklärt in einem Blogeintrag [ru], er habe jedem Nutzer die Möglichkeit geben wollen, gesperrte Seiten aufzurufen – also auch Nutzern, die nicht das nötige technische Know-How für spezialisierte Dienste wie Tor, i2p, VPN und Proxyserver [ru] besitzen. Der Zugriff erfolgt deshalb auch über das gute alte World Wide Web.

Das System besteht aus einem Netz von Spiegeln, also exakten Kopien der gesperrten Webseiten, und einer “aktiven Verteidigung”. Roskomnadzor lässt die Internetprovider ständig prüfen, ob eine Seite ihre IP-Adresse ändert, um die Sperre zu umgehen. Ein spezieller Code in den gesperrten Seiten leitet einige dieser IP-Anfragen auf andere Webseiten um. Die Provider sollen die Weiterleitung bemerken und – so die Theorie – die zweite Webseite ebenfalls sperren. Leitet eine Seite also beispielsweise auf Kremlin.ru weiter, würden die Provider irgendwann auch diese Seite sperren – was natürlich nicht lang gedultet werden könnte.

Der Weiterleitungstrick wurde zum ersten Mal am 17. März 2014 getestet, als die bekannte regierungstreue Webseite LifeNews von vielen Providern gesperrt [ru] wurde. Verantwortlich dafür war eine der gespiegelten Webseiten des Nawalny-Blogs. LifeNews erhob später Einspruch gegen die Sperre, woraufhin Roskomnadzor den Spiegel wieder freigab. Damit zeigte sich, dass Zensur mit der Methode umgangen und sogar umgekehrt werden kann. Leviev berichtete auf Twitter von seinem Erfolg, mit einem Screenshot des nun nicht mehr gesperrten Spiegels im Register von Roskomnadzor:

So bescheißt man das System ;)

Wie alle Waffen kann natürlich auch diese Weiterleitungstechnik für gute und schlechte Zwecke eingesetzt werden. Jede Webseite kann damit gesperrt werden, also beispielsweise auch die Webseite eines Mitbewerbers. Roskomnadzor kann dem Angriff auch entgegentreten, indem sie “weiße Listen” erstellen, mit Webseiten die unter keinen Umständen gesperrt werden dürfen.

Der Twitter-Nutzer @unkn0wnerror schlägt eine Methode vor, mit der Roskomnadzor selbst auf die schwarze Liste gesetzt und das System so unterwandert wird. Versuchen Zensoren dabei auf einen Spiegel von Nawalnys Webseite zuzugreifen, so sehen [ru] sie nur das Foto eines Kätzchens:

 Navalny.us aus Sicht der Zensoren von Roskomnadzor.

Navalny.us aus Sicht der Zensoren von Roskomnadzor.

Leviev und seine Mitstreiter denken sich ständig neue Möglichkeiten aus, die Onlinezensur zu umgehen. Am 24. März kündigte Leviev in seinem Blog an [ru], dass Freiwillige eine Erweiterung für Google Chrome entwickelt haben, die den Zugriff auf die Nawalny-Spiegel automatisieren. Manch einer fragt sich vielleicht, warum Leviev ausgerechnet die Zensur des Nawalny-Blogs unbedingt umgehen will. Schließlich werden Nawalnys Texte auch auf Facebook veröffentlicht, wo sie aus Russland problemlos aufrufbar sind. Anton Nosik weist außerdem auf die sehr einfache Lösung [ru] hin, gesperrte Webseiten über einen RSS Feed zu lesen. Eine mögliche Erklärung ist, dass es sich bei dem Projekt um einen Machbarkeitsnachweis handelt – es soll auf eine düstere aber mögliche Zukunft vorbereiten, in der alle oppositionellen Stimmen im RuNet im Keim erstickt werden könnten.

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