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Einen Iranexperten gibt es vielleicht nicht, die persische Blogosphäre schon

Alle Links in diesem Artikel führen, soweit nicht anders gekennzeichnet, zu englischsprachigen Webseiten.

From "Whither Blogestan" by CGCS/Annenberg School. Used with permission.

Aus dem Bericht “Wohin Blogistan” von CGCS/Annenberg School. Nutzung genehmigt.

Wir leben im Zeitalter des “Iranexperten” – in einer Zeit, in der Wissen über das, “was Iraner wirklich tun und denken”, zu einem Mittel geworden ist, bei Twitter einen Treffer zu landen oder unter Journalisten eine große Leserschaft zu gewinnen. Der Twitterhashtag #YouMayNotBeAnIranExpert, [du bist wohl kein Iranexperte] und die jüngste Kritik an der Berichterstattung von CNN über den Iran zeugen von diesem Phänomen. Eine Gruppe aber, die immer wertvolle Einschätzungen der Trends und des Verhaltens von iranischen Internetnutzern geliefert hat, sind die Blogger, Wissenschaftler und Journalisten, die innerhalb des iranischen Cyberspace arbeiten. Im Rahmen des “Iran Media Program” der Annenberg School wurde beispielsweise mit dem Bericht “Wohin Blogistan: Evaluation der Verschiebungen im persischen Cyberspace” vor kurzem ein Überblick über die Diskussionen, Netzwerke und die Politik veröffentlicht, die die persische Blogosphäre ausmachen.

Den Iran zu verstehen ist nicht leicht. Die Definitionen und gewählten Begriffe zeigen schnell, ob die Autoren die Nuancen kennen, die im Spiel sind innterhalb des komplexen sozio-politischen Ökosystems des gegenwärtigen Irans. Was ist ein persischer Blog? Wer sind die Schlüsselfiguren innerhalb des Irans und in der Diaspora?

In dieser Studie, so wie in vielen vor ihr, werden persische Blogs definiert als persischsprachige Plattformen, die von gewöhnlichen Iranern inner- und außerhalb des Landes betrieben werden. Diese Plattformen sind zunehmend zur Öffentlichkeit des Irans geworden, berücksichtigen, dass viele Iraner den Iran verlassen haben und dass Einschränkungen die Iraner oft daran hindern, sich innerhalb des Irans öffentlich zu äußern.

Bücher wie “Blogistan”, eine Studie über die Rolle des Internets in der aktuellen iranischen Politik, versuchen, dieses Thema anzugehen. Die Autoren A. Sreberny und A. Khiabany räumen mit dem Missverständnis auf, reformistische oder demokratisch-orientierte Autoren dominierten die persischsprachigen Blogs. Diese Vorstellung entstand ganz natürlich, als Autoren sich innerhalb des Irans während der reformistischen Zeit von Mohammad Khatamis Präsidentschaft von Print ab- und den Onlineberichten zuwandten, da es damals ein scharfes Durchgreifen gegenüber Printmedien gab. Um 2000 hatte die Zahl der Internetnutzer im Iran bereits die Millionen erreicht. Während Reformer innerhalb des Irans früh das Internet als politische Plattform nutzten, sind alle politischen Lager des Irans in der persischsprachigen Blogosphäre präsent. Unter der konservativen Bevölkerung des Irans, die heute weniger geeint ist als zur Zeit Khatamis (zur bestehenden Kluft zwischen den Hardlinern und den traditionell Konservativen des Irans siehe hier), wurden mehrere konservative Onlinepublikationen veröffentlicht wie beispielsweise Javan, Daricheh und Baztab, die alle von Regierungsorganisationen unterstützt werden, einschließlich der Sepah [die Iranischen Revolutionsgarden], der Polizei und der Justiz.

2008 gelang dem Thema ein Durchbruch mit der Veröffentlichung “Kartierung der Internetöffentlichkeit des Irans: Politik und Kultur in der persischen Blogosphäre” des Berkman Centers. Es handelt sich dabei um eine computerbasierte Analyse sozialer Netzwerke, bei der über 60.000 Blogs berücksichtigt wurden. Es ist die erste umfassende, systematische Auswertung des Gehalts der iranischen Blogosphäre. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen die heftigen Debaten, die unter sekularen und reformistischen Autoren sowie unter konservativen und religiösen stattfinden. Sie legen außerdem dar, dass sekularer und reformistischer Inhalt weniger gefiltert wird als allgemein angenommen. Die Studie betont die Unfähigkeit der Regierung, die Sichtbarkeit von reformistischen Bloggern zu dämpfen, da wichtige politische und soziale Diskussionen in der iranischen Blogosphäre Einlass gefunden haben. Die Studie schließt mit dem Hinweis, Wissenschaftler sollten prüfen, ob diese Bedingungen Bestand haben. Letzte Woche ist eine Folgestudie in Form des Berichts “Wohin Blogistan” erschienen.

From "Whither Blogestan" by CGCS/Annenberg School. Used with permission.

Aus dem Bericht “Wohin Blogistan” von CGCS/Annenberg School. Nutzung genehmigt.

John Kelly, einer der Autoren der Originalstudie von Berkman, verweist in dem Vorwort des Berichts auf Bereiche der Kontinuität und des Wandels seit 2008 und hebt hervor, dass sich der weiche Krieg über das Cyberspace zwischen bestimmten iranischen politischen und religiösen Lagern verstärkt. Die Studie zeigt aber vor allem auf, welche profunden Wandel soziale Netzwerke der Blogophäre gebracht haben und eröffnet eine Diskussion darüber, ob dieses neue Medium die persische Blogosphäre ersetzt oder eher ergänzt. Der Bericht verfolgt die Spuren von 24.205 aktiven persischen Blogs zwischen 2008 und 2012 mit Hilfe eines Computerprogramms, das automatisch das Internet durchsucht und Webseiten analysiert. Er basiert zudem auf einer Befragung von 165 Bloglesern sowie einer Reihe von Interviews mit 20 Bloggern inner- und außerhalb des Irans. Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie zeigen, dass Menschen immer noch Blogs lesen, ungefähr in gleicher Anzahl, aber dass die meisten die Qualität der Art, wie sie mit Blogs interagieren, geändert haben. Entweder besuchen sie sie weniger oder sie suchen nach Informationsquellen für Nachrichten, Außenpolitik und Wirtschaft und nicht mehr nach Erzählungen und Alltagsschilderungen von Bloggern.

Die computergestützte Analyse von Webseiten zeigt, dass 40,89% der untersuchten Blogs, die gefiltert wurden, reformistischen Autoren gehören. Von konservativen Blogs wurden nur 1,58% gefiltert. 12,2% der Blogs, die gelöscht wurden oder nicht auffindbar waren, gehören Reformisten und nur 3,9% der konservativen Blogs wurden gelöscht oder nicht mehr gefunden. Diese Zahlen erinnern daran, dass der Kampf gegen die Zensur durch die Regierung und des Filterns in der Blogosphäre seinen Tribut gefordert hat. Qualitative Daten durch die Blogger selbst bestätigen diese Ergebnisse. 35,2% sagen aus, sie hätten mit dem Bloggen begonnen, um das zu sagen, was sie öffentlich nicht sagen konnten. 32,7% nennen Angst vor Zensur und 21,1% das Filtern als den Grund dafür, das Bloggen zu beenden.

Interessant ist, dass die “persönliche Befriedigung”, die viele Blogger zum Bloggen motiviert hat, zunehmend an die Gründe gebunden scheint, die genannt werden, um zu erklären, warum das Bloggen beendet wurde. Während 52,7% der Blogger angaben, zur persönlichen Befriedigung zu bloggen, sagten 27,3% aus, sie hätten aus privaten Gründen mit dem Bloggen aufgehört. Die Hoffnungen, die in die persische Blogosphäre als Raum für Demokratisierung gesetzt wurden, scheinen um ihr Überleben zu kämpfen.

Das könnte als Signal verstanden werden dafür, dass es weniger Möglichkeiten für einen freien Fluss von Informationen gibt. Aber 35,2% der Blogger geben an, dass sie nicht mehr bloggen, weil sie so viel Zeit in den sozialen Medien verbracht haben. Das ist davon zu unterscheiden, das Teilen von Informationen und den Austausch von Meinungen online aufzugeben. Das ist ein Trend, der weltweit seit dem Aufschwung von Plattformen wie Facebook und Twitter zu beobachten ist. Auch wenn es auf beiden Seiten Blockaden gibt, schätzen Experten, dass circa vier Millionen Iraner innerhalb des Landes Facebook nutzen. Um beobachten zu können, wie iranische Stimmen online Gehör finden, untersuchen die Autoren die Frage, ob soziale Netzwerke die persische Blogosphäre ersetzen oder ergänzen. Neben sozio-politischen Verschiebungen, die Blogistan seit seinem Beginn in den frühen 2000ern betroffen haben, fühlen sich einige Autoren im Vergleich mit früher nicht mehr so wohl dabei, Details aus ihrem Alltag der Öffentlichkeit preiszugeben. Gründe dafür reichen von der Empfindung, dass sich die Leserschaft dafür nicht interessiert bis zu einem Unwohlsein dabei, ihre Leben und politischen Einstellungen öffentlich zu teilen. Blogger beschreiben soziale Netzwerke außerdem als nutzerfreundlicher, was nach weltweiten Normen eine ebenfalls relativ typische Verschiebung ausmacht. Blogs haben weiterhin Schlagkraft, da sie innerhalb dieser Räume oft geteilt werden, aber Diskussionen finden zunehmend in sozialen Netzwerken und nicht auf Blogs statt. Die Autoren schreiben, Blogistan habe sich in eine neue Phase weiterentwickelt und werde durch die derzeitige Realität und die Mittel umgestaltet, die die Leben iranischer Internetnutzer 2014 bestimmen.

“Wohin Blogistan” ist das starke und bewunderungswürdige Bemühen, Daten und Statistiken zur Aktivität iranischer Bürgermedien zu sammeln, aber gründet nicht genug auf der gegenwärtigen Politik. John Kelly deutet einen möglicherweise bevorstehenden Beginn gelockerter Gesetze zum Internetgebrauch an, aber der Bericht sagt dennoch wenig zur neuen Atmosphäre rund um die Regierung Rouhani. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Studie vor allem während des Endes der vorigen Regierung geplant und durchgeführt wurde. Weitere Folgestudien sind abzuwarten, um die Richtung einzeichnen zu können, die Blogistan für die nächsten Jahre unter der neuen Regierung einschlagen wird. Facebook und Twitter verändern bereits als Plattform für die Kommunikation zwischenV ertretern der Regierung Rouhani sowie iranischen und nicht-iranischen Internetnutzern die Natur der iranischen, öffentlichen Diplomatie, auch wenn weiterhin Filter eingesetzt werden. Unnötig zu erwähnen, dass die sozio-politische Dynamik im persischen Cyberspace ein unüberschaubares Thema ist, das weiter erforscht werden muss. Vor allem, da es eine der größten Variablen darstellt, sowohl den Inhalt als auch die Instrumente der iranischen Politik, Gesellschaft und der Kultur zu formen.

 

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