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Guatemala: Ex-Diktator Efraín Ríos Montt wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt

Der ehemalige guatemaltekische Diktator Efraín Ríos Montt wurde wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit, erfuhren die Ixil [en], ein Maya-Volk in Guatemala, endlich Gerechtigkeit.

Die Urteilsverkündung konnte live auf Twitter und in einem Online-Stream [es] mitverfolgt werden.

Während Ríos Montt schuldig gesprochen und zu 80 Jahren Haft verurteilt wurde, wurde der ehemalige Chef des militärischen Geheimdienstes, José Mauricio Rodriguez Sanchez, freigesprochen.

Ríos Montt herrschte während des 36-jährigen Bürgerkrieges von März 1982 bis August 1983 in Guatemala. “Dem 86-jährigen ehemaligen General und Staatschef wurden Verbrechen im Rahmen einer Kampagne zur Aufstandsbekämpfung von 1982-1983 vorgeworfen, bei der 1771 Ixil getötet wurden”, schreibt Xeni Jardin bei BoingBoing [en].

Rios Montt Genocide Trial Day 26

Ríos Montt, Völkermord-Prozess Tag 26. Foto: James Rodriguez, MiMundo.org. Verwendung mit Genehmigung.

Guatemalas indigene Bevölkerung litt besonders stark unter dem Krieg: die Menschen verloren ihr Land, ihre Häuser, Tiere und Ernte und mussten versteckt in den Bergen leben. Nach Kriegsende erhielten sie nur wenig Unterstützung vom Staat.

Heute zählen die Ixil-Gemeinschaften zu den ärmsten des Landes. Bis zu 77% der Ixil leben in Armut [es]. In Guatemala, einem Land, in dem rund 40% der Bevölkerung indigener Abstammung ist, gelten vier Fünftel [en] der indigenen Bevölkerung als arm. Des Weiteren sehen sie sich in unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens, so zum Beispiel in Ausbildung und Beruf [en], Rassismus ausgesetzt.

Trotz Armut forderten die Überlebenden keine Reparationszahlungen – sie forderten Gerechtigkeit, so Benjamín Jerónimo, Kläger in diesem überaus komplexen Gerichtsverfahren, in seinem Plädoyer [en]. Amnesty International fasste dies folgendermaßen zusammen [en]:

Es wurden Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Und heute sind 100 Zeugen hierher gekommen, um die Wahrheit zu erzählen und um Gerechtigkeit zu fordern, für all das, was wir erleiden mussten … Wir wollen keine Vergeltung, wir wollen einen echten Frieden mit Gerechtigkeit, mit Respekt, mit Gleichheit, mit Würde. Deswegen sind wir hier.

Es dauert mehr als zehn Stunden, um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von der Ixil-Region nach Guatemala-Stadt, wo der Prozess stattfand, zu gelangen. Trotz geringen Einkommens und der großen Entfernung, waren täglich Mitglieder der Ixil-Gemeinschaft im Gerichtssaal anwesend. Dies dokumentieren Fotos von James Rodriguez bei MiMundo.org [en] sowie die Berichterstattung von Xeni Jardin bei Boing Boing [en]. Xeni twitterte die Urteilsverkündung live aus dem Gerichtssaal.

Picture by James Rodríguez, Mimundo.org used with permission.

Foto: James Rodriguez, MiMundo.org. Verwendung mit Genehmigung.

Der Sender PBS veröffentlichte in dieser Woche in den USA ein Video [en], in dem dargestellt wird, wie die verfügbaren Beweise zu der Anklage geführt haben. Dieser Beitrag löste eine Debatte über die Unterstützung Ríos Montts durch den ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten Reagan [en] aus. In dem Artikel “The Final Battle: Rios Montt's Counterinsurgency Campaign: U.S. and Guatemalan Documents Describe the Strategy Behind Scorched Earth” des Nationalen Sicherheitsarchives wird mit Hilfe diverser Dokumente Ríos Montts “Politik der verbrannten Erde” [en] beschrieben:

Ríos Montts Politik der verbrannten Erde ist in einer Sammlung von Akten des guatemaltekischen Militärs dokumentiert, die im Juli und August 1982 im Rahmen der sogenannten Operation Sofía angelegt wurden. Die Operation Sofía bestand aus einer Reihe von militärischen Aktionen zur Aufstandsbekämpfung in der Ixil-Region mit dem Ziel, Kämpfer der Guerillero-Gruppierung EGP (Ejército Guerillero de los Pobres, Guerrillaarmee der Armen) zu töten und ihre “Unterstützungsbasis” (die Ixil-Bevölkerung) zu zerstören. Die Dokumente der Operation Sofía wurden 2009 dem Nationalen Sicherheitsarchiv übergeben. Das Archiv wiederum stellte der Staatsanwaltschaft die Dokumente in dem Verfahren gegen Ríos Montt als strafrechtliche Beweismittel zur Verfügung.

Das Gerichtsverfahren war ein Beispiel eines transparenten Prozesses, mit Übersetzungen für die Ixil während des gesamten Verfahrens, uneingeschränktem Zugang für die Presse sowie einer regen Interaktion in den sozialen Medien.

Parallel zur Debatte vor Gericht fand auch online eine Auseinandersetzung – ein Kampf der Ideen und Fakten – statt.

Netizens verwendeten die Hashtags #riosmontt, #genocidegt und #sihubogenocidio (“Ja, es war Genozid”) und es standen Livestreams hier (audio), hier (audio) und hier [es – alle Links] zur Verfügung.

Es gibt auch Netizens, die den Völkermord leugnen. Sie benutzen den Hashtag #nohubogenocidio (“Es gab keinen Genozid”), um ihre Meinung zu verbreiten.

Während des Prozesses zeigten Menschen weltweit ihre Unterstützung, indem sie ein Versprechen unterzeichneten und ein entsprechendes Foto von sich online stellten [en].

Freiwillige aus unterschiedlichen Ländern unterstützten während des Gerichtsverfahrens mit Nichtregierungsorganisationen wie NISGUA [en], Peace Brigades International [en] und Collectif Guatemala [fr] die Familien der Überlebenden. Sie veröffentlichten zudem Informationen in englischer und französischer Sprache, um die gesamte Welt daran teilhaben zu lassen.

Nach 30 Jahren ist dieses historische Urteil, das den Geist der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes verwirklicht und durch das der Tatbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit bestätigt wird, eine Garantie für jeden einzelnen Menschen, da es einen Präzedenzfall für gegenwärtige Konflikte weltweit schafft. Es stellt einen Hoffnungsschimmer dar für ganze Dörfer in Syrien, die als “der Feind” bezeichnet werden, für die verfolgten Rohingya [en] in Myanmar und für alle zukünftigen Konflikte.

Es kennzeichnet auch den Neuanfang eines inklusiven Guatemalas, das die Werte und Unterschiedlichkeiten seiner 24 Nationen annimmt und davon lernt, angefangen mit dem Vorbild der Ixil, die Mut, Geduld und einen gewaltfreien Kampf für Gerechtigkeit gelehrt haben. Wie man in dem salvadorianische Onlinemagazin El Faro lesen kann, haben die Ixil schon einen Sieg errungen [es].

Photo via @xeni: "Juana Sanchez Toma, Ixil rape victim whom we interviewed for @newshour. 'I dreamed of justice. And now here it is.'"

Foto via @xeni: “Juana Sanchez Toma, Ixil-Vergewaltigungsopfer, mit der wir für @newshour ein Interview geführt haben. ‘Ich habe von Gerechtigkeit geträumt. Und jetzt ist sie hier.'”

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