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Portugal bekommt vor den Protesten gegen Sparmaßnahmen einen Lachanfall

Dieser Artikel ist Teil unserer Sonderberichterstattung Europa in der Krise.

Im Kampf gegen die harten Sparmaßnahmen der Regierung, versuchen es krisenmüde Portugiesen mit Gelächter.

Neben der Begleitung von Politikern mit dem historischen und revolutionären Lied Grândola Vila Morena bei öffentlichen Auftritten wehren sich die Menschen in Portugal auf kreative, gewaltfreie und lustige Weise gegen die harten Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen der Regierung.

Humor erweist sich laut den 10 Taktiken der Tactical Technology Collective als nützliche Methode, „wenn die Menschen, die von den Problemen betroffen sind, nicht miteinbezogen werden“. Da die Wirtschaft des Landes durch die Troika (Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds und Europäische Kommission) verwaltet wird, spielen die Bürger Portugals, die von der Entscheidungsfindung des Landes ausgeschlossen wurden, wenig überraschend die Absurditäten politischer Macht hoch.

Der größte Freind der Autorität ist ihre Verachtung und sie lässt sich am sichersten durch Gelächter untergraben.

– Hannah Arendt

Ihre Steuernummer bitte?

Quittungen im Namen von Ministern zu verlangen hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Seit Januar 2013 hat die Regierung eine neue Verordnung verhängt, bei der Strafen von bis zu 2.000 Euro fällig werden, wenn Verbraucher nicht um eine Quittung bitten. Daraufhin wurde bald eine Liste der Steuernummern [pt] mehrerer Minister über soziale Medien in Umlauf gebracht.

"To identify a pimp, use the adequate number." Image by Filipe Roque shared on the Facebook page "Eu já pedi factura em nome de ministros" (I´ve already asked for a receipt under the name of a minister).

Eine Sammlung crowdgesourcter, gescannter Quittungen, die auf die Facebook-Seite „Eu já pedi factura em nome de ministros“ hochgeladen wurden (Ich habe bereits um eine Quittung unter dem Namen eines Ministers gebeten – für die Seite wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels bereits über 2.500 Mal „Gefällt mir“ angeklickt). In diesem Bild von Filipe Roque steht: „Benutzen Sie die entsprechende Nummer, um einen Zuhälter zu erkennen.“

Man nenne es entweder „Rache für die Sparmaßnahmen“ oder die „Piraterie“ der Steuerangelegenheiten von Minister, wie internationale Medien berichteten, Fakt ist, dass die Finanzämter von Tausenden von Rechnungen im Namen von Ministern [pt] überflutet werden und das System der ausgewiesenen Einnahmen von Politikern auf den Kopf stellen.

Wer tweetet das?

Falls ihr ein bisschen auf Twitter mitlachen wollt, dann folgt „Pedro dem Premier“ (@Passos_PM), einem falschen Alter Ego von Premierminister Pedro Passos Coelho (auch auf Facebook). Seid aber nicht enttäuscht, wenn er euch nicht folgen möchte: Er folgt nur der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel (@Angela_Merkel), und dem deutschen Finanzminister, Wolfgang Schäuble (@Wolf_Schauble).

Am 22. Februar 2013 tweetete er:

O Sr. Ministro Gaspar deseja saber quem foram os 500 engraçadinhos q compraram 500 calculadoras com factura em nome dele.

[Finanz-]Minister Gaspar möchte wissen, wer die 500 Spaßvögel waren, die 500 Taschenrechner gekauft und Quittungen in seinem Namen angefordert haben.

Zu einem späteren Zeitpunkt in der Woche dachte er sich:

Durante o ajustamento temos vindo a acumular credibilidade. Também acumulámos recessão, falências e desemprego, mas não servem p negociar.

Wir haben im Rahmen des Rettungsschirmprogramms der Europäischen Union jede Menge an Glaubwürdigkeit angehäuft. Ebenso haben wir Rezession, Insolvenz und Arbeitslosigkeit angehäuft, doch das lässt sich bei Verhandlungen nicht verwerten.

Und er fügte hinzu:

Aos portugueses e às famílias deixo um conselho: não têm pão, comam credibilidade.

Hier ein Ratschlag für Portugiesen und Familien: Wenn ihr kein Brot hab, esst Glaubwürdigkeit.

Ebenfalls auf Twitter und auch mit einem Blog verspottet Manuel Parreira (@manuelparreira) die portugiesische Linke mithilfe extrem rechter Ansichten.

Zum Beispiel schlug am 6. Februar 2013 vor:

Porque não encerrar metade dos hospitais? Ao menos mantínhamos a TAP e a RTP.

Und warum sollte nicht die Hälfte der Krankenhäuser geschlossen werden? Zumindest könnten wir dann TAP [das staatliche nationale Luftfahrtunternehmen, das zurzeit privatisiert wird] und RTP [öffentliche Rundfunkanstalt, die inmitten von Kontroversen ebenfalls privatisiert wird, wie Global Voices berichtete] behalten.

Er parodiert häufig die portugiesische Gesellschaft, z. B. in dieser Tweet-Serie Anfang Februar, in der er sich über das Gejammer der Bürger auf Twitter und die ziemlich dumme und veraltete Rede der kommunistischen Partei lustig macht. Außerdem stellt er die lächerliche Bürokratie auf europäischer Ebene an den Pranger. In einem Tweet, in dem er sich beispielsweise in die Rolle von Edite Estrela, Mitglied des Europäischen Parlaments von der portugiesischen sozialistischen Partei (PS), versetzt, heißt es:

TwitEstrela: Estou numa reunião para estabelecer o regulamento preliminar para a uniformização das cores Pantone dos semáforos europeus.

TwitEStrela: Ich bin in einer Sitzung, in der die vorläufige Verordnung zur Vereinheitlichung der Pantone-Farben für europäische Ampeln festgelegt wird.

Untergrabung öffentlicher Personen

Die Zeitung „The Independent“ nannte ihn „den Betrüger, der ein ganzes Land zum Narren hielt“. Artur Baptista da Silva wurde häufig von den portugiesischen Mainstream-Medien als Wirtschaftsexperte interviewt. Es stellte sich jedoch heraus, dass er über gefälschte Referenzen und keine Erfahrung hinsichtlich des Themas verfügte, zu dem er Stellung nehmen sollte.

Verschiedene soziale Medienwebsites haben es sich auf die Fahne geschrieben, den Schwindler zu verspotten: Es gibt ein Tumblr-Blog und eine Facebook-Seite mit dem Namen Eu trabalhei na ONU com o Artur Baptista da Silva (Ich habe bei der UN mit Artur Baptista da Silva gearbeitet) [pt]. Dort finden sich bearbeitete Bilder von „Artur Baptista da Silva, ehrenamtlicher Berater der UN, an verschiedenen Orten“:

"Me, at UN's Christmas party".

„Ich, bei der Weihnachtsparty der UN“

Ein Foto von Ende letzten Jahres zeigt einen Demonstranten in einem pinken Badeanzug, der ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe die Akten über die U-Boote!“ hält. Die ironische Aussage bezieht sich auf einen undurchsichtigen U-Boot-Handel zwischen dem derzeitigen Außenminister Paulo Portas, der 2004 Verteidigungsminister war, und dem German Submarine Consortium (GSC), der zwischen 712 Millionen und einer Milliarde Euro an öffentlichen Finanzmitteln gekostet hat, wie es auf Wikipedia heißt:

Der Kaufbetrag war 2010 fällig und spielte eine wichtige Rolle in der Haushaltkrise, die sich in diesem Jahr einstellte, und führte zu politischen Schuldzuweisungen im Rahmen dessen, was auf Portugiesisch der caso dos submarinos (der U-Boot-Fall) genannt wird.

Als die Untersuchungen in dem Fall begannen, in dem es auch zu Korruptionsvorwürfen kam, sagte Paulo Portas, der vom Generalstaatsanwalt als Verdächtiger angesehen wurde, die Akten über den Kauf der U-Boote seien „verschwunden“.

"I have the documents of the submarines!" Photo shared by RiseUP Portugal.

„Ich habe die Akten über die U-Boote!“ Foto geteilt von RiseUP Portugal im August 2012.

Portugiesische Bürger wollen nächsten Samstag, den 2. März 2013, bei einer Protestaktion der Bewegung Que se Lixe a Troika (Scheiß auf die Troika) [pt] erneut auf die Straße gehen. Sie hatte sich infolge der riesigen Proteste vom September 2012 gebildet.

Dieser Artikel ist Teil unserer Sonderberichterstattung Europa in der Krise.

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