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Spanien: Kreative Alternativen zur Wirschaftskrise

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

[Sofern nicht anders angegeben, führen alle Links zu spanischsprachigen Webseiten.]

Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise haben die spanischen Politiker keine Maßnahmen ergriffen, um das Wachstum zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen. Ganz im Gegenteil, sie nehmen zahllose Einsparungen vor, die ganze Gesellschaftssektoren und soziale Bürgerrechte gefährden. Dieses Vorgehen verschlechtert die Situation der Staaten, da sie sich von vornherein am Rande des Bankrotts befinden. In einer solchen Lage haben die Bürger das Gefühl, die Zügel und ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen zu müssen. In Spanien entstehen immer noch viel versprechende Bewegungen und Phänomene; viele setzen auf die Entwicklung von realistischen Alternativen, sei es nun durch Sparen oder die Schaffung von nachhaltigen Systemen.

Teilen, um zu sparen

Wie ein kürzlich erstellter Bericht der UNO über den Fall Spanien aufzeigt, sind zwei der Konsequenzen der Krise die Ausbreitung der Armut auf die Mittelschicht und die Verschlimmerung der Konditionen der verwundbarsten Sektoren. Inzwischen setzt ein großer Teil der Bevölkerung auf Selbstverwaltung und die Teilung oder der Tausch von Gütern entwickeln sich zur solidarischsten und günstigsten Alternative. Vor der Krise gab es zwar bereits einige diese Mechanismen, in diesen Zeiten gewinnen sie jedoch an Bedeutung.

Damit Reisen nicht zum Luxus wird und um Fahrtkosten zu sparen, gibt es das bekannte Prinzip des “Auto teilens” (in Deutschland und Österreich “Mitfahrgelegenheit” [de]). Das Konzept besteht darin, dass sich Personen, die sich nicht kennen, aber den gleichen Weg zurücklegen wollen, ein Fahrzeug teilen. Benzinkosten werden unter den Mitfahrern aufgeteilt und so können alle zu einem vernünftigen Preis reisen. Angelehnt an dieses Modell entstand das Kollektiv-Taxi, bei dem man die Kosten dieser Dienstleistung auf die höchstmögliche Zahl aufteilen. Ebenfalls in Verbindung mit Reisen kann man sich an die Webseite Couch-surfing [en] wenden, um eine billigere Unterkunft im Ausland zu finden.

Die Erhöhung der Umsatzsteuer von 18% auf 21% in Spanien, die nicht im Wahlprogramm des derzeitigen Präsidenten Mariono Rajoy erwähnt wurde, führte zu einer deutlichen Verteuerung und ist ein harter Schlag für die Geldbörsen der Bürger. Sie wurde im September eingeführt, genau zu Schulbeginn, d.h. zur Zeit des Kaufes von Schulmaterial. Diverse Kollektive, wie die Nachbarschaftsversammlungen und die 15M-Bewegung, wurden aktiv, um Spenden von Schulmaterial zu koordinieren. Für die gebräuchlichen Bücher gibt es gemeinnützige Webseiten, wie Libroscompartidos.com [Geteilte Bücher], die sich mit dem Austausch von Büchern beschäftigen. Das funktioniert sogar zwischen unterschiedlichen Städten, denn die Seite verfügt über einen Bestell- und Abholservice.

Trueque de libros de texto en Móstoles (Madrid) el 16 de septiembre de 2012. Fotografía publicada por Fotogracción.

Tausch von Lehrbüchern in Mósteles (Madrid), am 16. September 2012. Foto veröffentlicht von Fotogracción.

Entwicklung von verwantwortungsvollen Systemen

Die neuen Technologien, vor allem das Internet, erlauben es, die konstruktiven Ideen weiter zu verbreiten und sogar alternative virtuelle Gemeinschaften zu gestalten. So macht es die Webseite Etruekko, die inmitten der Proteste und Anschuldigungen, in die Spanien, verwickelt ist, versucht, eine positive Botschaft zu senden und ein anderes Gesellschaftsmodell aufzubauen. Die Seite ist ein soziales Netzwerk aus virtuellen Gemeinschaften, das die soziale Veranwortung steigert. Zur Zeit befindet es sich noch in der Entwicklungsphase. Etruekko bietet die Verwendung einer sozialen Währung, genannt Truekko, die man durch den Austausch von Gütern und Dienstleistungen erhält. Auf diese Weise kommt es zu einer Stärkung der Gesellschaft, einem verantwortungsvollen Konsumverhalten und einer Verbreitung von ethischen Werten über das Web. Sogar für jene, denen der Umgang mit den neuen Technologien schwer fällt, ist das System zugänglich.

Der Blog Konsumo responsable (verantwortungsvoller Konsum) veröffentlicht die folgende Definition eines “sozialen Markts”:

El Mercado Social implementa un circuito de moneda complementaria que basa una parte de su funcionamiento en bonificaciones aplicadas a los consumidores con cada compra, y que para el proveedor supone un descuento en la venta. Es algo parecido a los programas de puntos que tienen algunas empresas grandes para fidelizar clientes y aumentar ventas, pero con el objetivo de ampliar la incidencia de la economía solidaria y desarrollar redes amplias que puedan funcionar con una “moneda” basada en criterios económicos no capitalistas.

Der soziale Markt verwendet eine komplementäre Währung, deren Funktionieren zum Teil auf Rabatten für die Konsumenten bei jedem Kauf basiert und die für den Anbieter einen Preisnachlass im Verkauf darstellt. Es ist ein ähnliches System wie das der Punkteprogramme, die einige große Unternehmen zur Kundenbindung und Verkaufssteigerung anbieten. Der soziale Markt hat jedoch das Ziel, die solidarische Ökonomie auszudehnen und weite Netze zu entwickeln, die mit einer “Währung” funktionieren können, die sich auf ökonomische Werte stützt und nicht auf kapitalistische.

 
Eine wichte Rolle in dieser Dynamik spielen die besetzten und selbstverwalteten sozialen Zentren. Tabacalera, Patio Maravilla und Casablanca gehören zu den bedeutendsten in Madrid. Am Anfang steht die gewaltfreie Besetzung eines unbenutzten Gebäudes; danach folgt die Schaffung eines organisierten und für die Öffentlichkeit zugänglichen Bereichs, in dem unterschiedlichste Kultur- und Freizeitaktivitäten angeboten werden. Sie verlangen eine ständige Organisation von den Kollektiven und Vereinen, die das Zentrum besuchen, und haben sich eine wesentlichen Platz in der Gemeinschaft geschaffen. Die Zentren bieten, neben Aktivitäten und Diskussionen zu unterschiedlichen Themen, Musik- und Tanz-Workshops, Konzerte, Ausstellungen, gratis Kleidung und Gemeinschaftsräume.

Stadtgärten und Gemeinschaftsgärten sind kollektive Angebote, die Wissen über den Anbau auf unbenutzen Grundstücken in Städten verbreiten. Sie unterstützen vor allem den Austausch zwischen Personen, die breit sind über das Wirtschaftsmodell nachzudenken und ethisch korrekte Lösungen für den derzeitigen Markt zu finden. Daraus entstehen Konsumentengruppen und Kooperativen, die den Kauf von biologischen Lebensmitteln ermöglichen und es gleichzeitig ablehnen, am Missbrauch der kleinen Bauern durch die großen Produktionsketten teilzunehmen.

Huerto urbano instalado en Sol por los Indignados españoles en mayo de 2011. Fotografía de Lecamaleon (cc)

Stadtgarten, errichtet im Mai 2001 in Sol von den Empörten Spanieren. Foto von Lecamaleon (cc).

Räumung des besetzten sozialen Zentrums Casablanca in Madrid.Nachbarn protestierten nach dem Polizeieinsatz. Veröffentlicht in 15Mpedia.

Räumung des besetzten sozialen Zentrums Casablanca in Madrid. Engagierte Nachbarn protestierten nach dem Polizeieinsatz. Veröffentlicht auf 15Mpedia.

Die Menschen, die sich der Selbsverwaltung, der Ethik und der sozialen Veranwortung verschreiben, werden immer mehr, ganz gleich, ob man es schafft, ein System zu entwicklen, das es mit dem aktuellen Markt aufnehmen kann. Durch Nachdenken und solidarische Aktionen hinterfragen sie den derzeitigen kapitalistischen Markt und verkünden eine klare Botschaft an die Gesellschaft und jene, die sie anführen: Eine andere Welt ist möglich.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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