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Italien: Arbeiter besetzen sardisches Kohlenbergwerk

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

[Sofern nicht anders angegeben, führen alle Links zu englischsprachigen Webseiten.]

Rund 460 gefährdete Arbeitsplätze, 350 Kilogramm Sprengstoff und über 100 Bergarbeiter 373 Meter tief unter der Erde: Das sind die Zahlen in Verbindung mit dem jüngsten Drama, das sich in Italien zutrug und das auf die Finanzkrise zurückgeht, die ganz Europa erschüttert.

Die Hauptakteure sind Minenarbeiter des Carbosulcis-Kohlenbergwerks in Nuraxi Figus, einem kleinen Ort in Gonnesa auf der Insel Sardinien. Carbosulcis wird von der regionalen Regierung geleitet und betreibt das einzige Kohlenbergwerk in Italien. Das Gebiet gehört zu den Teilen Italiens, die am schlimmsten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Am 26. August 2012 besetzten 50 Bergarbeiter (zu denen sich am darauffolgenden Tag 80 weitere gesellten) ihren Arbeitsplatz und verkündeten, dass sie „alles tun“ würden; sie würden sogar das Bergwerk in die Luft sprengen. Das geschah nachdem eine mögliche Schließung des Bergwerks zum Jahresende bekannt wurde. Acht ganze Tage verbrachten die Männer in einer Tiefe von fast 400 Metern und beendeten ihren Protest erst am 3. September, als die Regierung meldete, dass die Mine nicht geschlossen werde.

Demonstration in support of the Nuraxi Figus miners. Photo via "Sulcis in Fundo" Facebook group.

Demonstration zur Unterstützung der Bergleute von Nuraxi Figus. Foto der "Sulcis in Fundo" Facebook-Gruppe.

Hingehalten von den Politikern gehen die Proteste weiter

Während sich die Auswirkungen der Finanzkrise weiter verbreiten, versuchen die Politiker, Zeit zu gewinnen und die Proteste dauern an. Ähnliche Demonstrationen wurden von den Arbeitern der Ilva Stahlwerke in Taranto und jenen des Alcoa Aluminiumwerkes auf Sardinien veranstaltet.

In der Carbosulcis-Grube ist nicht genug Kohle vorhanden, um einen weiteren Abbau rechtfertigen zu können, deshalb werden neue Geschäftsinitiativen gebraucht, vor allem jene, die CCS-Technologien (engl. Initialen für CO2-Abscheidung und -Speicherung) [de] fördern.

Am 28. August, zwei Tage nach der Besetzung der Mine, wurde auf Facebook die Gruppe Sulcis in Fundo [it] gegründet, um die Bergarbeiter zu unterstützen. Die folgenden Kommentare wurden dieser Facebook-Seite entnommen.

Mariano Attardi [it] schreibt:

SICURAMENTE CI RICORDEREMO ALLE ELEZIONI CHI HA RIDOTTO COSì I MINATORI SARDI,TENETE DURO SIAMO CON VOI

BEI DEN WAHLEN WERDEN WIR ZWEIFELLOS DARAN DENKEN, WER DIE SARDISCHEN ARBEITER DAZU VERANLASST HAT, BLEIBT STARK, WIR STEHEN HINTER EUCH

Franco Giannoni [it]:

[…] la Miniera e’ un Industria e come tale deve essere gestita guardando ai mercati Internazionali coi giusti costi e non con passivi da spavento come la intendono in Italia negli ultimi 30 anni!

[…] der Bergbau ist eine Industrie, und als solche muss sie auch im Hinblick auf den internationalen Markt geführt werden, mit fairen Kosten und nicht mit Besorgnis erregenden Passiva, so wie es anscheinend in den vergangenen 30 Jahren in Italien der Fall war!
Transparente an den Toren der Carbosulcis-Mine. Foto von the "Sulcis in Fundo" Facebook-Gruppe.

Transparente an den Toren der Carbosulcis-Mine. Foto der "Sulcis in Fundo" Facebook-Gruppe.

Zu diesem Thema schreibt Roberto Serra [it], ein in den Streit verwickelter Bergarbeiter und aktives Mitglied der Facebook-Gruppe Sulcis in Fundo:

Naturalmente non mancano i timori di quel che può causare una nuova tecnologia,ma non ci si può fermare nel progresso: o si va avanti crescendo o si resta fermi e non si va avanti nel tempo restando in uno stato di arretratezza.

Es ist normal, dass die Menschen Angst vor den Auswirkungen der neuen Technologien haben, aber man kann den Fortschritt nicht stoppen. Entweder man geht vorwärts und wächst oder man bleibt stehen, geht nicht mit der Zeit und entwickelt sich nicht weiter.

Die Europäische Union plant, sechs CCS-Projekte in Europa zu finanzieren, wovon sich aber nur eines in Italien befindet. Die Bergleute verlangen von der Regierung ein klare Stellungnahme zur Zukunft des Unternehmens, und jener der fast 500 Familien die an seinem Bestehen hängen.

Giovanni Matta, der Regionalsekretär des Gewerkschaftsbundes CISL (Confederazione Italiana Sindacato Lavoratori) [de] erklärt in einem Interview auf Sussidiario.net [it]:

La responsabilità del governo è che a oggi, nonostante gli impegni, non si pronuncia . . . Si parla di produrre energia da carbone, andare verso alcune opportunità alternative agli idrocarburi, ma il governo non ha scelto e nel caso della miniera del Sulcis addirittura pare che voglia scegliere di non intervenire e di non valorizzare il progetto.

Es ist der Fehler der Regierung, dass sie es trotz der Notwendigkeit sich zu positionieren, nicht tut…Es wurde von Energieerzeugung aus Kohle und Alternativen zu Kohlenwasserstoffen gesprochen, aber die Regierung traf keine Entscheidungen. Im Falle des Sulcis-Bergwerks scheint sie kaum gewillt zu sein, zu intervenieren und das Projekt zu würdigen.

Danach teilt er im selben Interview [it] mit:

La protesta è esplosa adesso perché solo ora il governo afferma che non intende perorare la causa e sostenere il progetto in sede comunitaria. Nel marzo scorso il presidente Ugo Cappellacci aveva dichiarato che era tutto a posto, in quanto era arrivato il via libera per il progetto e quindi finalmente i 400 posti della miniera erano salvi.

Nun ist der Protest noch geladener, denn die Regierung bestätigte gerade, dass sie nicht beabsichtige, für den Fall einzutreten und das Projekt auf lokaler Ebene zu unterstützen. Erst letzten März gab Ugo Cappellacci, der Präsident der Region, bekannt, dass alles auf dem besten Weg sei, dass sie grünes Licht erhalten hätten, was eine Sicherung der Arbeitsplätze der 400 Bergleute bedeute.

In einem Interview [it] am 28. August mit der Nachrichtenseite Tiscali erklärt der Minenangestellte Sandro Mereu, was ihn und seine Kollegen dazu motivierte, das Bergwerk zu besetzen:

La miniera è la nostra vita e vogliamo tenerla aperta. Dicono che ciò è roba del passato, ma negli anni abbiamo anche presentato dei progetti innovativi di sfruttamento del carbone Sulcis, e ogni volta che la soluzione sembrava vicina, qualcuno ci ha messo i bastoni tra le ruote, portandoci a un nulla di fatto.[…]Noi in miniera abbiamo dell’esplosivo per le necessità lavorative, ed abbiamo però paura che qualche minatore possa perdere la testa e fare qualcosa di sconsiderato, visto che la situazione può diventare ingovernabile.

Die Mine ist unser Leben und wir wollen, dass sie geöffnet bleibt. Sie sagen, dass sie veraltet sei, aber über die Jahre hinweg schlugen wir viele innovative Projekte zum Abbau der Sulcis-Kohle vor. Doch jedes Mal, wenn wir knapp vor einer Lösung standen, legte jemand Steine in den Weg und es führte zu nichts. […] In der Mine befindet sich Sprengstoff, den wir für unsere Arbeit benötigen, und wir befürchten, dass einer der Bergleute den Verstand verliert und etwas Unüberlegtes tut, denn die Situation könnte außer Kontrolle geraten.

Die Situation wurde am folgenden Tag noch dramatischer als sich Stefano Meletti, Angestellter und Gewerkschaftsmitglied der RSU (Rappresentanze sindacali unitarie), vor Journalisten ins Handgelenk schnitt [it] [ACHTUNG: Bildmaterial]. Die Bilder verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.

Im Netz sorgte die Geste für gemischte Reaktionen. yyuri51 kommentierte auf Youtube:

..che idiozia! Cosa insegna a suo figlio un uomo che fa finta di suicidarsi? Che i problemi si risolvono con atti folli? Se avesse voluto suicidarsi non lo avrebbe fatto davanti alle telecamere…complimenti ha un posto di lavoro assicurato come sindacalista. Le aziende assistite e non sono competitive è giusto che chiudano! I lavoratori devono avere un supporto economico ma non si aiutano le aziende fallimentari. Questo vale anche per la Fiat.? La Sardegna è piena di laureati disoccupati!

…was für ein Idiot! Was zeigt dieser Mann seinem Sohn indem er versucht sich umzubringen? Dass Probleme durch verrückte Aktionen gelöst werden? Wenn er sich wirklich hätte umbringen wollen, hätte er es nicht vor laufenden Kameras getan… Gratulation, eine Anstellung als Gewerkschafter ist dir sicher. Es ist ganz richtig, dass subventionierte und nicht konkurrenzfähige Firmen geschlossen werden. Die Arbeiter sollen finanzielle Unterstützung erhalten aber man sollte nicht versuchen gescheiterte Unternehmen zu stützen. Kann man das auch bei Fiat [Automobilhersteller] anwenden? Sardinien ist voll mit arbeitslosen Akademikern!

Viele haben sich aber für die Minenarbeiter ausgesprochen. Auf der Webseite der sardischen Zeitung La Nuova Sardegna [it] kommentierte Andrea Randaccio:

E così nel paese che si interroga sul nuovo centrocampista del milan irrompe il minatore disperato. Gli scioperi, le manifestazioni anche eclatanti, non servono a nulla. Vogliono il sangue.

Und so verschafft sich ein verzweifelter Bergarbeiter Gehör, mitten in den landesweiten Spekulationen darüber, wer [AC] Milans neuer Mittelfeldspieler wird. Streiks, sogar herausragende Demonstrationen sind zwecklos. Sie wollen Blut sehen.

Am 30. August schrieb Carolina Duepuntozero [it] im Blog Running Life [it]:

Ho visto ieri il servizio al tg e sono rimasta davvero colpita da tutta questa vicenda e dal gesto disperato di quell'uomo. In effetti, se non ci fosse stato di mezzo l'esplosivo.. forse i giornali nemmeno se ne sarebbero accorti

Ich habe diesen Bericht gestern in den Nachrichten gesehen und war wirklich entsetzt über die Angelegenheit und der verzweifelten Geste des Mannes. Tatsache ist, dass es die Zeitungen wahrscheinlich nicht einmal zur Kenntnis genommen hätten, wenn sie nicht von Sprengstoff umgeben gewesen wären.
Die Flaggen und Transparten der Gewerkschaften, die die Arbeiter vertreten. Foto von "Sulcis in Fundo" Facebook-Seite.

Flaggen und Transparte der Gewerkschaften, die die Arbeiter vertreten. Foto der "Sulcis in Fundo" Facebook-Gruppe.

Am 31. August, nach fast einer Woche unterirdischen Protestes, fand ein Marsch von Carbonia ins 14 Kilometer entfernte Gonessa statt. Rund 200 Menschen nahmen an der Demonstration teil, unter ihnen Arbeiter der Sulcis-Unternehmen, die von der Krise betroffen sind, und Einwohner, die für ihre Lage Verständnis haben; eine Lage, die zum Großteil ungelöst bleibt.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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