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Russland: Kostenlose juristische Beratung im Netz

Die russische Onlinecommunity “Nepofigizm” [ru] [Anm. d. Übers.: Gegenteil von Pofigizm, umgangssprachlich für “Mir-doch-egal-Mentalität”] bietet kostenlose juristische Beratung. Die Gründer des Projekts legen keinen besonderen Schwerpunkt in der Beratung, ihre Priorität ist es, echte Hilfe für Menschen mit Problemen, egal welcher Art, zu bieten. Es ist eine Plattform für Experten und normale Verbraucher mit verschiedenen juristischen und alltäglichen Problemen (Verletzung der Verbraucherrechte, des Arbeitsrechts, Familienrecht).

Die Tatsache, dass die Website mehr als 52.000 Besucher monatlich zählt, zeugt von dem Interesse der russischen Bevölkerung an der Verteidigung ihrer Rechte. Wir haben Wladimir Beljajew, Autor und Leiter von “Nepofigizm”, interviewt. Er berichtet über die Praxis der juristischen Beratung im Netz und darüber, warum sein Projekt nie kommerziell sein wird.

Gründer des Projekts “Nepofigizm” Wladimir Beljajew. Foto von W. Beljajew

Juristische Beratung ist eine bekannte Methode, um rechtliche Probleme im echten Leben zu lösen. Woher kam die Idee, eine Onlineversion solcher Beratung zu erschaffen?

Wladimir Beljajew (W.B.): Nach dem Universitätsabschluss war ich auf der Suche nach beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten. Eine Anzeige mit Informationen über freie Stellen bei Gericht kam mir da sehr gelegen. Meine Karriere hat ganz unten auf der Leiter angefangen, ein paar Monate später wurde ich Assistent des Richters. Aufgrund ihrer Pflichten dürfen die Gerichtsmitarbeiter den Bürgern keine Beratung anbieten. Aber bestimmte Fragen müssen beantwortet werden. Deswegen musste ich einen Teil meiner Arbeitszeit mit solchen Miniberatungen verbringen, und konnte mich erst danach meinen unmittelbaren Aufgaben widmen. Ich hatte das Gefühl, dass der Strom der Beratungswilligen unendlich war, deswegen kam die Idee auf, diese Aktivität ins Netz zu übertragen.

Als Sie “Nepofigizm” gründeten, wussten Sie schon genau, wie es am Ende aussehen sollte, oder orientierten Sie sich an bereits vorhandenen Ressourcen?

W.B.: Zu Beginn, als ich über die Gründung meines Projektes nachdachte, gab es schon Onlineberatungen im Netz, aber sie waren alle kostenpflichtig oder wollten es werden. Ich war entschieden gegen diese Form von Beratung. Tatsächlich bringt die Beantwortung der meisten juristischen Fragen keinen enormen zeitlichen Aufwand mit sich, und es ist absurd, dafür Geld zu verlangen. Ich musste mich nicht auf eine konkrete Konzeption des Projektes festlegen, dafür wusste ich genau, was ich nicht wollte. Im Übrigen bleibt die Frage nach dem Format der Website selbst nach dem Start von “Nepofigizm” noch offen.

Sie sind ein praktizierender Jurist und Sie hatten keine Erfahrung mit der Gründung von Internetprojekten. Hatten Sie nicht Angst, ein solches Projekt zu starten? Was waren die Erwartungen an das Projekt?

W.B.: Vor der Gründung von “Nepofigizm” hatte ich ein Blog, in dem ich Artikel zu juristischen Themen veröffentlichte. Im Grunde habe ich diese Erfahrung in das neue Projekt übertragen. Ich wusste nicht, worauf ich mich einlasse und wie es funktionieren würde. Tatsächlich hatte ich keine Erfahrung mit der Durchführung von Projekten im Netz. Das Projekt entwickelte sich Schritt für Schritt, ich musste mich mit einigen technischen Fragen vertraut machen. Außerdem musste ich mehrere Male das CMS wechseln – das Projekt änderte sich, auch seine Konzeption, und so änderten sich auch die Anforderungen an das System, das das Funktionieren der Website gewährleistete. In der Praxis gab mir “Nepofigizm” die Möglichkeit, nicht nur Beratungen durchzuführen, sondern auch ein vielseitiger Experte zu werden. Vor allem ist es darin begründet, dass die Fragen vielfältig waren und verschiedene Rechtsgebiete betrafen.

Jetzt, wo “Nepofigizm” seit drei Jahren existiert und im RuNet bekannt geworden ist, kann man davon sprechen, dass sich die Aktivität der Internetcommunity von dem, was offline passiert, unterscheidet?

W.B.: Das sind zwei völlig unterschiedliche Arten von Anfragen, und dementsprechend auch der Nutzer. Soweit ich weiß, ist genau das auch der Grund, warum viele Internetprojekte, die mit juristischer Beratung zu tun haben, nicht besonders erfolgreich sind. Man muss verstehen, dass der Experte im Netz höchstwahrscheinlich vorwiegend mit jüngerem und aktiverem Publikum zu tun haben wird und mit Fragen, die kein aktives Eingreifen erfordern. Deswegen finde ich kostenpflichtige Onlineberatung nicht besonders zukunftsweisend. Es gibt Problemarten, die nicht auf Distanz gelöst werden können. Nicht zuletzt spielt bei der Unterscheidung die grundlegende technische Bildung der Bürger eine Rolle.

Eins der beliebtesten Formate im RuNet ist das Forum und es passt sehr gut zur Konzeption der juristischen Beratung. Sie entschieden sich bei “Nepofigizm” jedoch für das Format einer Community. Warum?

W.B.: Am Anfang existierte “Nepofigizm” in Form eines Blogs eines einzelnen Nutzers, später verwandelte es sich in etwas Größeres, eher ein Büro für Fragen und Antworten. Jetzt steht für uns an der Tagesordnung, innerhalb des Projektes einen Expertenstamm zu bilden. Im Rahmen von “Nepofigizm” versuche ich, den Nutzern einen einfachen Gedanken nahezubringen: Um auf bestimmtem Niveau seine eigenen Rechte zu vertreten, muss man nicht unbedingt ein Jurist sein. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es keine Aufteilung mehr gibt zwischen denen, die Beratungen anbieten, und denen, die die Beratungen in Anspruch nehmen. Jetzt kann jeder, der Erfahrung mit der Lösung von irgendwelchen juristischen Problemen oder Streitigkeiten hat, Teil des Projektes werden und anderen Nutzern helfen. Es ist so eine Art Staffellauf des juristischen Bewusstseins.

Es ist einfach, jemanden mit einem ungelösten rechtlichen Problem durch das Angebot kostenloser juristischer Beratung anzusprechen. Es ist viel schwieriger, Experten für das Projekt zu gewinnen, die bereit sind, diese juristische Beratung anzubieten. Wie funktioniert das bei “Nepofigizm”?

W.B.: In unserer Arbeit bei “Nepofigizm” versuchen wir, von den Kategorien “Experte” oder “Profi” wegzukommen. Am Anfang des Projektes habe ich versucht, mit irgendwelchen Firmen zu kooperieren, doch sie waren nicht bereit, ihre Zeit für kostenlose juristische Beratung zu verwenden. Die Website wird von Menschen mit einer juristischen Ausbildung besucht, sie betonen das aber nicht. Projekte wie “Nepofigizm” zeigen Mechanismen zur Lösung eines Problems auf und ermöglichen es den Nutzern, im Weiteren analog zu handeln.

Onlineberatung ist eine schnelle Methode, um Antworten auf eigene Fragen zu bekommen. Wie effektiv ist diese Methode? Verfolgen Sie die Lösung des Problems offline?

W.B.: Die meisten Nutzer informieren selbst über das Ergebnis und die Lösung ihrer Fragen. Seit Anfang des Projektes beobachte ich noch eine interessante Tendenz: Ich glaube, dass die Schweigeregel gilt. Wenn jemand eine Beratung erhalten hat und schweigt, dass ist er höchstwahrscheinlich mit der Qualität der Beratung zufrieden. Natürlich gibt es Beratungen, die nicht besonders nützlich waren oder deren Qualität nicht besonders hoch war, aber das zeugt auch davon, das hinter jeder Frage und jeder Antwort ein echter Mensch steckt.

Vor einiger Zeit haben Sie versucht, die Idee des Crowdfunding bei “Nepofigizm” umzusetzen. Was ist passiert, warum hat es nicht funktioniert?

W.B.: Ich hatte nie das Bestreben, mit “Nepofigizm” Geld zu verdienen. Die Versuche, Mittel zu sammeln, machte ich in der Hoffnung, die Kosten für das Hosting zu decken. Meine Hoffnungen wurden aber leider nicht erfüllt. Die Nutzer sagten, die Anzeigen mit der Bitte um Spenden würden sie ablenken. Im Grunde musste ich die Anzeigen deswegen wieder rausnehmen. Außerdem war das bei “Nepofigizm” nicht effektiv: Durch die Spenden kam nur eine insignifikante Summe zusammen.

Jetzt gibt es im Netz viele Projekte, die sich mit der öffentlichen Diskussion von Gesetzesentwürfen beschäftigen. Werden diese Projekte das Interesse der Nutzer wecken, wenn man das Interesse der Bürger für juristische Informationen und die Diskussion von Gesetzesinitiativen bedenkt?

W.B.: An sich ist die Idee, Gesetzesentwürfe der öffentlichen Diskussion zu unterziehen, sehr interessant. Aufgrund bestimmter Besonderheiten unseres Landes werden sich jedoch Initiativen, die dem Schutz der Mehrheit dienen sollen, niemals in Gesetzen niederschlagen, als Beweis dafür können die kürzlich angenommenen Gesetze dienen. Ich bin mir absolut sicher, dass Änderungen in Gesetzesentwürfen nur in der Phase möglich sind, in der die Öffentlichkeit noch nicht daran teilnimmt, und selbst in diesem Fall wird der Gesetzesentwurf nicht die Meinung der Mehrheit widerspiegeln. Das Publikum ist ziemlich passiv, und es ist schwierig, sie für die Diskussion solch spezifischer Themen zu gewinnen.

Vor Kurzem hat das Projekt das Design der Website verändert und wurde funktioneller. Was muss man in Zukunft von “Nepofigizm” erwarten?

W.B.: Ich kann nicht sagen, wie “Nepofigizm” sich weiter entwickeln wird, aus einem einzelnen Grund – ich weiß überhaupt nicht, in welche Richtung wir uns bewegen werden. Ich bin sicher, dass das Projekt nie kommerziell wird, obwohl die Entwicklung der Website und die Schaffung neuer Services bestimmte materielle Investitionen erforderlich macht. Dafür gibt es viele Ideen, die alle die aktive Teilnahme von Spezialisten erfordern. Das Problem liegt darin, dass all dies ohne ein Team von Entwicklern und ohne entsprechende Finanzierung kaum machbar ist. Ich komme jetzt zu dem Schluss, dass das Projekt ohne eine Art Durchbruch seine Aktualität verlieren könnte. Wir tun aber unser Bestes, damit das nicht passiert. Das Publikum wächst, das Ziel der Community ändert sich. Ich hoffe, dass alles gut wird.

Das Original des Interviews ist hier [ru] verfügbar.

Die Abbildung zum Artikel wurde entsprechend der Lizenz Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication genutzt.

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