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Afrika: Die vergessene Geschichte des Kontinents

Oft hat man zu Recht oder zu Unrecht die Kolonialzeit in Afrika für die diversen Probleme verantwortlich gemacht, mit denen der Kontinent zu kämpfen hat. Selten wird man sich darüber einig, welche Auswirkungen die Kolonisierung tatsächlich auf die Entwicklung der afrikanischen Länder und die dort immer wieder ausbrechenden Krisen hatte. Eine andere Folge jener Zeit liefert scheinbar viel weniger Diskussionsstoff: das fehlende Wissen über die Geschichte Afrikas vor der Kolonisierung.
Nicht selten stellt man fest, dass ein nicht geringer Teil der afrikanischen Studenten der Kolonialzeit und der Zeit danach nur sehr wenig über die Geschichte Afrikas weiß. Eben diese Studenten kennen die Geschichte der Kolonialmacht oft besser als die ihrer eigenen Länder, was die Redewendung “unsere Vorfahren, die Gallier” verdeutlicht, die man an der Elfenbeinküste und im Senegal hört [fr] (pdf).

Sich kämmende Frauen -Antananarivo, Madagaskar von postalectrice auf flickr CC-license-BY-NC-3.0

Die Gefahren einer verkannten Geschichte

Entgegen der Meinung des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zur Stellung des Afrikaners in der Geschichte [fr] die er in seiner Rede von Dakar äußerte, ist die Geschichte des afrikanischen Kontinents reich an Hochkulturen und symbolträchtigen Persönlichkeiten [fr]. Aber diese Geschichte wird noch viel zu oft verkannt oder ignoriert. Als Antwort auf jene berühmte Rede von Dakar hatte Adame Ba Konaré [en], eine Historikerin aus Mali, mit der Hilfe anderer Historiker eine Sammlung von Essays verfasst, die den Titel  ein kleiner Auffrischungskurs zur afrikanischen Geschichte, Präsident Sarkozy gewidmet” trägt. Im Vorwort zu dieser Sammlung erklären die Autoren, warum es nötig ist, die Geschichte Afrikas bekannter zu machen und wie dies vor sich gehen soll :

Il faut surtout se préoccuper de disséminer le plus largement possible l’histoire, la vraie histoire de l’Afrique et des peuples africains, en Afrique et hors d’Afrique. La jeunesse africaine est avide de savoir. Elle se pose légitimement des questions qui reviennent presque toujours à celle-ci : comment se fait-il que nous en soyons là où nous sommes aujourd’hui ? Parallèlement à l’écrit, nous disposons désormais de toutes sortes de moyens techniques pour procéder au mieux à cette dissémination.

Das Hauptanliegen muss sein, Wissen über die Geschichte, die wahre Geschichte Afrikas und der afrikanischen Völker innerhalb und außerhalb Afrikas zu verbreiten. Die afrikanische Jugend dürstet nach Wissen. Sie stellt sich berechtigte Fragen, die fast immer auf eine einzige Frage hinauslaufen: Wie kommt es, dass wir dort stehen, wo wir heute stehen? Parallel zur schriftlichen Ebene verfügen wir heute über alle Arten von technischen Hilfsmitteln für die Verbreitung dieses Wissens.

http://www.youtube.com/watch?v=EI-ugayMWTc

Von Dembeto zur Verfügung gestelltes Video einer Sendung, in der über Afrikas vergessene Geschichte diskutiert wird

In Guineau warnt Papa Attigou Bah angesichts der wiederkehrenden politischen Krisen, die den Kontinent erschüttern, vor den Folgen eines Vergessens der Geschichte. In seinem Artikel “DAS POLITISCHE AFRIKA, EINE VERGESSENE GESCHICHTE?” stellt er die Frage [fr]:

La nouvelle génération africaine, celle née pendant et après les indépendances, pourra-t-elle objectivement bénéficier de l'enseignement de l'histoire des luttes politiques successives engendrées par nos anciens pendant la période postcoloniale intitulée l'époque des indépendances africaines? Aussi, quel bilan l'Afrique tire-t-elle aujourd'hui de ses douloureuses décennies de lutte politique et démocratique gérée cette fois par cette même génération qui a milité pour les indépendances africaine ? [..] L'Afrique peut et doit être le continent de l'avenir dans ce 3ème millénaire, à condition que la nouvelle génération africaine prenne toutes ses responsabilités devant l'histoire.

Wird die neue afrikanische Generation, die während und nach der Erlangung der Unabhängigkeit geboren wurde, objektiv von Informationen über die aufeinanderfolgenden politischen Kämpfe profitieren können, die unsere Vorfahren während der Zeit nach der Kolonisierung ausgefochten haben, die man die Zeit der afrikanischen Unabhängigkeit nennt? Und was für eine Bilanz kann Afrika heute über die entbehrungsreichen Jahrzehnte des politischen Kampfs und des Kampfs um Demokratie ziehen, der diesmal von der gleichen Generation ausgefochten wurde, die auch für die Unabhängigkeit Afrikas gekämpft hat? [..] Afrika kann und muss in diesem dritten Jahrtausend der Kontinent der Zukunft sein, vorausgesetzt, dass die neue afrikanische Generation ihre gesamte geschichtliche Verantwortung annimmt.

In Madagaskar gibt es nicht gerade viele von Madagassen geschriebene Bücher [fr] zur Geschichte des Landes. Eine Erklärung hierfür liefert die Tatsache, dass die französische Sprache in einer theoretisch zweisprachigen Umgebung noch immer die wichtigste Unterrichtssprache ist. Rakotoarisoa Victor James erklärt [fr] (pdf):

Le bilinguisme est effectif, au profit Français. Parmi les huit principales matières officielles en Terminale, seul le Malgache se fait en malgache et deux autres (la Philosophie et l’Histoire-Géographie) pour lesquelles l’enseignant (en dispensant ses
cours), et les élèves (quand ils traitent leurs sujets d’examens) ont le choix. Cette interprétation nous montre en effet que, dans le cadre de l’enseignement apprentissage, le Malgache est légèrement moins important que le Français.

Bei der Zweisprachigkeit wird das Französische bevorzugt. Von den acht offiziellen Hauptfächern für die Abschlussklasse wird nur Madagassisch auf Madagassisch unterrichtet, bei zwei weiteren Fächern (Philosophie und Geschichte-Geographie) haben der Lehrer (für die Abhaltung des Unterrichts) und die Schüler (für die Bearbeitung der Prüfungsaufgaben) die Wahl. Diese Auslegung zeigt uns, dass das Madagassische im schulischen Rahmen etwas weniger wichtig ist als das Französische.

Geschichte neu lernen

Es gibt mehrere Initiativen, die Afrikaner dabei unterstützen wollen, sich ihre eigene Geschichte neu zu eigen zu machen. So startete die UNESCO 1964 ein Projekt [en] zur Erarbeitung einer Allgemeinen Geschichte Afrikas dessen Ziel es war:

..remédier à l’ignorance généralisée sur le passé de l’Afrique. Pour relever ce défi qui consistait à reconstruire une histoire de l’Afrique libérée des préjugés raciaux hérités de la traite négrière et de la colonisation et favoriser une perspective africaine, l’UNESCO a fait appel aux plus grands spécialistes africains et internationaux de l’époque. [..] Supervisée par un Comité scientifique international dont deux tiers étaient africains, l’élaboration des huit volumesde l’Histoire générale de l’Afrique a mobilisé plus de 230 historiens et autres spécialistes pendant plus de 35 années.

..etwas gegen den verbreiteten Mangel an Kenntnissen über die Vergangenheit Afrikas zu tun. Um die Herausforderung zu bewältigen, die darin bestand, eine afrikanische Geschichte zu rekonstruieren, die frei von vom Sklavenhandel und von der Kolonisierung herrührenden rassischen Vorurteilen sein sollte, und eine afrikanische Sichtweise der Dinge zu fördern, hat sich die UNESCO an die damals größten Spezialisten aus Afrika und der ganzen Welt gewandt. [..] Unter der Aufsicht eines internationalen wissenschaftlichen Komitees [fr] (pdf], bei dem zwei Drittel der Mitglieder aus Afrika stammten, waren an der Erstellung der acht Bände [fr] der Allgemeinen Geschichte Afrikas über 35 Jahre lang mehr als 230 Historiker und andere Spezialisten beteiligt.

Die Facebook-Gruppe “afrikanische Erinnerungen”  wünscht sich:

Un débat autour d’une figure de l’histoire africaine ou des peuples noirs. L’objet est de libérer la parole sur des questions souvent taboues, de dépoussiérer le panthéon noir [..] notre modeste objectif est juste de faire découvrir à nos enfants, à la grande famille panafricaine et ses diasporas, de susciter le débat et peut-être des passions. [..] Vous pouvez vous exprimer sur un sujet qui vous passionne et qui rentre dans le champ qui nous intéresse ici. Sans jamais tomber dans la polémique, l'insulte ou l'intolérance [..] il faut espérer que notre passion pour l'histoire de notre continent continuera de nous unir.

Eine Diskussion darüber, wie die Geschichte Afrikas oder der schwarzen Völker aussehen soll. Ziel ist es, einen Austausch über oft tabuisierte Fragen möglich zu machen, das schwarze Pantheon vom Staub zu befreien [..] wir haben das bescheidene Ziel, unseren Kindern und der großen gesamtafrikanischen Familie sowie der Diaspora Entdeckungen zu ermöglichen, den Anstoß für Diskussionen zu geben und vielleicht Leidenschaften zu wecken [..] Ihr könnt euch zu jedem Thema äußern, das euch begeistert und in unser Interessengebiet passt. Ohne jemals in Polemiken, Beleidigungen und Intoleranz zu verfallen [..]  müssen wir die Hoffnung behalten, dass unsere gemeinsame Leidenschaft für die Geschichte unseres Kontinents uns auch weiterhin vereinen wird.

Eine reiche und viel zu umfangreiche Geschichte, um ihr hier in Kurzform gerecht zu werden. Also werden ausgewählte Stücke diskutiert, wie z. B. die Geschichte von Togbè Agokoli [fr], König der Ewe, Begründer des Königreichs Notsé [fr] in Togo [Video]:

Sendung “L'invité de l'histoire” vom 4.6.2012 über König Togbui [fr] von telesud [fr]

In Accra in Ghana, wurde im vergangenen März ein “Monat der schwarzen Geschichte” [en] organisiert, um die gesamtafrikanische Geschichte zu feiern. Zahlreiche Internetnutzer äußern sich positiv zu diesen Bemühungen, die die afrikanische Geschichte bekannter machen wollen.

Nachdem er sich das Video weiter oben angeschaut hat, schreibt Boris Amouzou:

Moi ce que j'aime dans cette émission, c'est qu'elle nous permet de revivre cette partie de l'histoire du Togo qui nous échappe..

Was mir an dieser Sendung gefallen hat, ist dass wir mit ihrer Hilfe einen Teil der Geschichte Togos nachempfinden können, die uns entgangen ist…

Aber um die Geschichte des Kontinents neu zu lernen, ist viel Zeit und Mühe nötig. Jacques Binet erinnert uns daran, dass auch die Entscheidungsträger in Afrika selbst zum Teil für dieses Vergessen der Geschichte verantwortlich sind [fr] (pdf):

Il faut rappeler en effet que l’opinion publique et les parlementaires africains voulaient une école e t des programmes exactement conformes à ceux en usage en France.

Man darf nicht vergessen, dass die öffentliche Meinung und die Parlamentarier in Afrika eine Schule und Programme wollten, die genau den französischen entsprachen.

Malassem ist seinerseits der Meinung, dass das Nichtvorhandensein von Wissen über die afrikanische Geschichte nicht mehr durch einen Mangel an Resourcen zu erklären ist, sondern durch einen Mangel an Willen [fr]:

Afrique mon Afrique. Afrique des fiers guerriers. L'histoire a toujours une trace. Il est juste dommage pour celui qui veut rester à tout jamais dans l'ignorance.

Afrika, mein Afrika. Das Afrika der stolzen Krieger. Geschichte hinterlässt immer Spuren. Wer für immer unwissend bleiben möchte, ist zu bedauern.

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