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Portugal: Zwangsräumung vor Tag der Freiheit rüttelt Hausbesetzerbewegung wach

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

Während seit der internationalen Rettungsaktion zur Minderung der Staatsverschuldung vor einem Jahr die angestaute Frustration der Portugiesen wächst und wächst, gewinnt die jährliche Feier anlässlich des Tages der Freiheit am 25. April an Bedeutung. An diesem Tag wird die Nelkenrevolution gefeiert, die 1974 der 41-jährigen Diktatur unter Salazar ein Ende setzte.

Ein paar Tage zuvor, am 19. April, wurde ein unabhängiges Gemeindezentrum in Porto gewaltsam geräumt. Aufgrund dieser Aktion haben viele die Feier am 25. April den Betroffenen der Zwangsräumung und auch anderen, die unter der gegenwärtigen Krise leiden, gewidmet.

Die Reaktion auf die neue Inspiration zur Begehung des Tages der Freiheit der historischen Associação 25 de Abril [Vereinigung des 25. April] – ins Leben gerufen von den Militärs, von denen 1974 der Putsch gestartet wurde – zeigt die damit verbundenen Spannungen deutlich: Der Verein weigerte sich [pt] an den diesjährigen traditionellen, von der Regierung organisierten Feierlichkeiten teilzunehmen. Damit drückten sie ihren Protest gegen die nationale Politik und die heftigen Sparmaßnahmen aus, die die früheren Soldaten [en] für widersprüchlich gegenüber den Idealen der Nelkenrevolution halten. Sie nahmen stattdessen mit vielen anderen an nicht offiziellen Feiern teil.

A man with carnations, a symbol of Freedom Day (Lisbon, 25/04/2012). Photo by Fernando Mendes copyright Demotix

Ein Mann mit Nelken, Symbol des Tages der Freiheit (Lissabon, 25. April 2012). Foto von Fernando Mendes copyright Demotix

"Lass es nicht zu, dass die Nelken von gestern, in der heutigen Revolution einnisten". Foto von Filipa Sequeira auf Facebook. Porto (25. April 2012)

“Lass es nicht zu, dass sich die Nelken von gestern, in der heutigen Revolution einnisten”. Foto von Filipa Sequeira auf Facebook. Porto (25. April 2012)

Trotz der von der Europäischen Kommission, der EZB und des IWF auferlegten Sparmaßnahmen sind 35% der portugiesischen Jungendlichen arbeitslos. Und während täglich die Häuser von 26 Familien durch die Banken entzogen [pt] werden, stehen in den wichtigsten Städten Portugals tausende Unterkünfte leer (siehe Übersicht für Lissabon [pdf] [pt]).

Die Tafel gegen die Hungersnot gab vor kurzem bekannt [pt], dass sie einen kritischen Punkt im Bezug auf das Versorgungspotenzial der steigenden Zahl der bedüftigen Familien und Institutionen erreicht hätten.

Vor diesem Hintergrund löste die von der städtischen Regierung verordnete Zwangsräumung der Es.Col.A (Akronym zur Bezeichnung eines selbstorganisierten, kollektiven Bereiches, bedeutet “Schule”) eine landesweite Welle der Empörung aus. In der Einrichtung, die sich in einem besetzten, öffentlichen Gebäude [en] in einem verarmten Viertel von Porto befand, wurden bis zu jenem Tag kostenfreie gemeinschaftliche Essen ausgeteilt, Freizeitaktivitäten angeboten und Nachmittagsunterricht abgehalten.

Wie João Martins (@jpsmartins) auf Twitter verkündete:

@jpsmartins: Eu sei o que responder quando me perguntarem onde estava no 25 de Abril: na #fontinha

@jpsmartins: Ich weiß, was ich zu sagen habe, wenn sie mich fragen, wo ich am 25. April war: In #fontinha

Marsch der Wiederbesetzung

Trotz der Ankündigung [en] der Regierung, dass die Polizei im Umgang mit Demonstrationen am Tag der Freiheit keine Toleranz zeigen würde, begaben sich Befürworter der Es.Col.A, unterstützt von der Clown Brigade und einem improvisiertem Soundsystem, in den Stadtteil Fontinha, um das Gebäude wiederzubesetzen.

Protestanten vor dem Rathaus, Porto (25. April 2012). Foto von José Ferreira (Verwendung genehmigt)

Protestanten singen einen gemixten traditionellen Song vor dem Rathaus, Porto (25. April 2012). Foto von José Ferreira (Verwendung genehmigt)

Um die 2.000 Personen schlossen sich dem Marsch an, wie das folgende, von olhorobot auf Youtube veröffentlichte Video zeigt:

Als sie Fontinha erreichten, besetzen die Bürger die Schule ein weiteres Mal:

Öffnen der mit Brettern verschlossenen Türen und Fenster der Es.Col.A. Foto von José Ferreira (Verwendung genehmigt)

Öffnen der mit Brettern verschlossenen Türen und Fenster der Es.Col.A. Foto von José Ferreira (Verwendung genehmigt)

Und dann ging die Feier des 25. April im Schulhof weiter:

Fotoreportagen von Bürgern, die diesen Tag zusammenfassen können in Renato Roques Album auf Picasa, in Indymedias Spezialberichten, in den Blogs von Gui Castro Felga, Joana Maltez und José Pacheco Pereira, und auf Facebook angesehen werden.

Photo by Jorge Almeida on Facebook

Foto von Jorge Almeida auf Facebook (Verwendung genehmigt)

Am Ende zwecklos

Am nächsten Morgen war Es.Col.A erneut verschlagen. Gui Castro Felga erzählt [pt], was geschehen ist:

Foto von Joana Maltez (Verwendung genehmigt)

Foto von Joana Maltez

desafiando claramente todos os ocuparam ontem o es.col.a, a CMP entrou pela escola vazia adentro e rebentou com canalizações, sanitas, arrancou portas e emparedou, já não com chapas, mas com tijolos e cimento, e cortou a água e a luz ao edifício.

All den Menschen, die Es.Col.A gestern besetzten zum Trotz, begab sich CMP [Stadtverwaltung] in die leere Schule und brach Rohre und Toiletten, entfernte Türen und mauerte sie zu, aber diesmal nicht mit Brettern sondern mit Ziegeln und Zement. Außerdem drehten sie Wasser und Licht im Gebäude ab.

Die Theatergruppe Visões Úteis (Nützliche Visionen) [pt], die sich in der gleichen Straße wie Es.Col.A befindet, teilt auf Facebook mit:

A nossa rua, quando chegam os ocupantes da Escola da Fontinha, enche-se de pessoas a sorrir; ouve-se música e palavras como “sonho”, “cultura” e “comunidade”.

A nossa rua, depois de vir a polícia com os seus tapumes, enche-se de um silêncio baço e temeroso. Como se tivesse levado uma grande descompostura por tocar em algo que não lhe pertence.

Wenn die Besetzter der Escola Da Fontinha kommen, ist unsere Straße voll mit lachenden Menschen, man hört Musik und Wörter wie “Traum”, “Kultur” und “Gemeinschaft”.

Nachdem die Polizei ihre Absperrungen durchführt, ist die Straße voll mit einer stumpfen und ängstlichen Stille. Als ob man ihr [der Schule] eine Rüge erteilt hätte, dafür, dass sie etwas anfasste, was nicht ihr gehörte.

Ach, wenn das zur Mode würde!

"My heart lives in Fontinha. We occupied Coimbra with Fontinha in our heart". From the Facebook page Jardins de Abril (Gardens of April)

“Mein Herz lebt in Fontinha. Wir haben Coimbra mit Fontinha in unseren Herzen besetzt.” Von der Facebook-Seite Jardins de Abril (Gärten des April)

Protestierende besetzten neue Orte in Coimbra und Lissabon, als sie am 25. April die Feierlichkeiten in Solidarität mit Es.Col.A. begingen. In Coimbra errichtet man einen öffentlichen Garten [pt] im Zentrum der Stadt, während eine Gruppe von Aktivisten ein verlassenes Gebäude in der Straße São Lázaro [pt] in Lissabon besetzte. Ihr Manifest wurde im Blog Spektrum veröffentlicht:

Antes emparedado que ocupado parece ser o último argumento de um poder que conseguiu sem grande esforço esvaziar as cidades dos seus próprios habitantes, empurrados para os subúrbios ou mesmo para a rua. São centenas de milhares de fogos vazios, deixados ao abandono. Abandono que também vemos nos olhos de quem fez da rua a sua casa. Cada vez mais olhares de abandono, cada vez mais abandono nos olhares. Decretamos, neste dia que se quer de liberdade, tolerância zero a este processo de requalificação urbana, que à custa da miséria de muitos ergue mansões e hotéis para alguns.

Besser verschlagen als besetzt: Das scheint das Argument der Mächtigen zu sein, die es mit Leichtigkeit geschafft haben, die eigenen Einwohner einer Stadt in die Vororte oder sogar auf die Straße zu vertreiben. Es gibt hunderte und tausende leerstehende, verlassene Häuser. Dieses Verlassen ist auch in den Augen jener zu sehen, die die Straßen zu ihrem Zuhause machten. Man sieht immer mehr verlassene Augen und immer mehr Verlassen in den Augen. Wir erklären hiermit, an diesem Tag der eigentlich für Freiheit steht, dass wir keinerlei Toleranz im Bezug auf den urbanenen Erneuerungsprozess zeigen werden, der auf Kosten des Elends von vielen, Villen und Hotels für wenige errichtet.
Dieser Bericht wurde in Zusammenarbeit mit Ana Vasquez verfasst.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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