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Spanien: Die rebellischen Großeltern des 15M

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

Sie nennen sich selbst die “Kinder” des 15M (15. Mai Bewegung), obwohl die meisten von ihnen schon weit über 60 sind. Sie sind Rentner, “iaios” (katalanisch für Großeltern), und sie sind Veteranen des langfristigen Aktionismus. Celestino Sánchez [es], Antonia Jover [es], Adrián Rísquez und Rosario Cunillera gehören zu den Mitgliedern der “iaioflautas”, einem Kollektiv, das letzten Oktober in Barcelona während der stürmischen Zeit der Zeltlager am Plaça Catalunya (Katalonienplatz) entstand. Ihr Ziel ist es, die Jüngeren auf ihre eigene Art zu unterstützen. Aber der Kampf sei der gleiche [en], bekräftigen sie: “Für eine Demokratie, die ihrem Namen gerecht wird und für soziale Gerechtigkeit, gegen Banker und deren Komplizen, die Politiker.

Der Name “iaioflautas” wurde aus Solidarität mit den “perroflautas” (Penner) erfunden. Diesen abwertenden Begriff gebrauchte die Präsidentin der Autonomen Gemeinschaft Madrid, um von den jungen Campern zu sprechen. Die “iaioflautas” kombinieren einige der Methoden, die sie in den Kämpfen gegen Franco, Gewerkschafts- und Nachbarschaftskämpfen oder den Kämpfen der Linken verwendeten, mit neuen Technologien. Kurz gesagt: Fast heimlich wird einmal pro Monat eine “direkte Aktion” auf den Straßen organisiert, die bis zu ihrem Beginn nicht auf ihrer Twitter-Seite @iaioflautas [es, en] und ihrem Blog [es] veröffentlicht wird. Dadurch ersparen sie sich Ärger mit der Polizei.

Bei der ersten Aktion im November wurde eine Filiale der Bank Santander in Barcelona besetzt. Die letzte, die sogenannte “Operation #RebelionBus” [es], fand am Mittwoch, dem 1. Februar, statt. Ungefähr 60 “Großeltern” kamen am Morgen im Zentrum der katalanischen Hauptstadt zusammen und “entführten” einen Bus, um gegen die übertriebene Tarifsteigerung der öffentlichen Verkehrsmittel zu protestieren. Sie wählten die Linie 47, um Manuel Vital [es], dem verstorbenen Busfahrer und Gewerschafter, der im Mai 1978 einen Bus der selben Linie entführte um zu beweisen, dass er bis in sein Viertel gelangen konnte, zu gedenken. Dies ist ein Teil der Twittersequenz, die sie einige Tage davor mit Hilfe von jungen Aktivisten zu schreiben begannen:

30. Januar:

@iaioflautas: #eldía1F los @iaioflautas vamos a hacer algo muy loco. (puenting…como que no). Filosofía #occupy 99% ¿Le dais un meneito? Gracias!

@celescolorado: Miércoles 1 por la mañana nueva travesura de @iaioflautas, síguenos

@iaioflautas: #Feb1 werden die @iaioflautas etwas ziemlich Verrücktes machen (Bungee-Jumping…was sonst). #occupy [en] 99% Philosophie – Werdet ihr sie ein bisschen aufrütteln? Danke!

@celescolorado: Neuer Streich der @iaioflautas am Mittwoch, dem 1., am Morgen! Folge uns!

31. Januar:

@iaioflautas: Tic-tac, tic-tac…cuenta atrás para una travesura más. Será #eldia1f ¡especuladores, os vais a enterar! Somos el 99%. No olvidamos.

@iaioflautas: Tick-tack, tick-tack…sogleich kommt der nächste Streich. Es wird der #eldia1f (#1Feb) sein! Spekulanten, ihr werdet es schon mitbekommen! Wir sind die 99%. Wir vergessen nicht.

1. Februar:

@iaioflautas: En marcha! Hoy será un día largo. No olvidéis el bocadillo, medicaciones varias… Hoy entramos en acción. ¡Atentos!

@iaioflautas: Los geht's! Heute wird ein langer Tag. Vergesst eure Sandwiches und diverse Medikamente nicht…Heute treten wir in Aktion! Passt auf!

@iaioflautas: Calentando motores, q frío que hace!

@iaioflautas: Lasst die Motoren warmlaufen. Was für einen Kälte!

@iaioflautas: Hemos ocupado un autobús, el 47, en pl. Catalunya. Somos más de 70 @iaioflautas, la acción ha empezado, seguidnos en #rebelionbus

@iaioflautas: Wir haben einen Bus eingenommen; die Linie 47 am Plaça Catalunya. Wir sind über 70 @iaioflautas. Die Aktion hat begonnen, folgt uns auf #rebelionbus.

@iaioflautas: [Calle] Industria con Sardenya. Que se escuche: rechazamos las reducciones de tarifas y el plan de recortes salariales #rebelionbus

@iaioflautas: [Ecke] Industria mit Sardenya. Hört zu: Wir lehnen die Tariferhöhungen [Anm. d. Ü. im Orignal Tarifsenkungen] und die Gehaltskürzungen ab! #rebelionbus

@iaioflautas: Aquí podéis ver algunas fotos de #rebelionbus. Vamos por Ronda Guineueta. Estamos ocupando el bus 47 iaioflautas.org/2012/02/operac…

@iaioflautas: Hier könnt ihr ein paar Fotos von #rebelionbus sehen. Wir sind gerade auf der Ringstraße Ronda Guineueta und besetzen den Bus 47. iaioflautas.org/2012/02/operac…

@ioflautas: Bueno, el trayecto de ida ha acabado. Ahora, volviendo para la Plaza Catalunya. Sobre las 12:30 haremos una asamblea allí #rebelionbus

@ioflautas: Okay, das war's mit der Hinfahrt. Wir sind auf dem Weg zurück auf den Plaça Catalunya. Gegen 12:30 werden wir dort eine Versammlung abhalten. #rebelionbus

@iaioflautas: Final del trayecto mañanero de la #rebelionbus. La lucha continúa con #yonopago esta tarde. pic.twitter.com/8GaRmzSw

@iaioflautas: Ende der morgendlichen #rebelionbus-Fahrt. Der Kampf geht heute Nachmittag mit #yonopago [es] (ich zahle nicht) weiter. pic.twitter.com/8GaRmzSw

@celescolorado: En la asamblea final en pz. Catalunya @iaioflautas hemos cantado el cumpleaños feliz a un compañero, Manolo González cumplía 80 años

@celescolorado: Bei der Endversammlung am Plaça Catalunya #iaioflautas. Gerade haben wir Happy Birthday für Manolo González, einem unserer Kollegen, gesungen. Er wird heute 80.

Hier seht ihr das Video, das von @15Mbc_tv [es, cat] gedreht und geschnitten wurde:

Die Operation #RebeliónBus wurde eine Woche vorher organisiert und ich war bei der Sitzung dabei. Schon seit einiger Zeit hatte ich die “iaioflautas” im Internet verfolgt und wollte sie kennenlernen. Bei der Versammlung klärten sie die Details und begannen den “Streich” zu planen, der im März durchgeführt werden wird. Hier sind Ausschnitte aus den Geschichten, die mir einige von ihnen erzählt haben.

Celestino Sánchez, 61 Jahre:

Celestino (Screenshot, aufgenommen von der Autorin)

El 15M representó para gente como nosotros una especie de aire fresco. La situación ha cambiado y hay un nuevo escenario y tenemos que volver a aprender. Eso no quiere decir que nuestro pasado no sirva, pero las cosas son diferentes. Por ejemplo, hace diez años era impensable que se convocara a través de las redes sociales la ocupación de la plaza Catalunya. Se decía que la gente joven no hacía nada, y hace, hace mucho. La gente de las generaciones futuras vivirá peor que la del pasado, ese es otro cambio. Lo que creo que no ha cambiado son los objetivos: una sociedad en las que las personas podamos vivir libremente, que tengamos vivienda, transporte, que estudiemos. Eso lo queríamos hace treinta años y ahora también, sigue siendo vigente.

Die 15M-Bewegung war für Menschen wie uns wie eine frische Brise. Die Situation hat sich verändert und auch der Schauplatz ist ein anderer und wir müssen wieder beginnen zu lernen. Das bedeutet nicht, dass unsere Vergangenheit nichts wert ist, aber die Dinge haben sich verändert. Zum Beispiel wäre es vor zehn Jahren undenkbar gewesen, über soziale Netzwerke zur Besetzung des Plaça Catalunya aufzurufen. Über die Jugend wurde gesagt, dass sie nichts machen würde, aber sie machen viel, sehr viel. Der nächsten Generation wird es schlechter gehen, als der vergangenen; das ist eine weitere Veränderung. Ich denke, dass die Ziele noch immer die gleichen sind. Die haben sich nicht verändert. Man kämpft für eine Gesellschaft, in der die Menschen frei leben können, dafür, dass wir Unterkunft und Transportmittel haben und dass wir studieren können. Diese Dinge wollten wir schon vor 30 Jahren und wir wollen sie auch jetzt noch.

Antonia Jover, 72 Jahre:

Antonia (Screenshot, aufgenommen von der Autorin)

Me gusta mucho esta forma de lucha, porque pienso que es una forma directa y, además, responde a la concepción que siempre he tenido de la democracia. La democracia es poder del pueblo, ningún gobierno puede ser democrático, porque los gobiernos son represivos. La verdadera democracia está en el pueblo y en la vigilancia del pueblo de que los gobiernos cumplan lo que prometen. Los iaioflautas podemos aprovechar las experiencias que teníamos del franquismo. Entonces los que queríamos una sociedad democrática teníamos un enemigo común, el franquismo, un sistema bárbaro y represivo. Y ahora, ¿por qué no hacer una misma experiencia de la unidad contra los especuladores y los financieros? Nos afecta al 99% de la población y sólo es el 1% el que se beneficia. Ésta es la idea.”

Mir gefällt diese Art des Kampfes sehr. Ich denke es ist eine sehr direkte Art und außerdem stimmt sie mit der Auffassung, die ich schon immer von der Demokratie hatte, überein. Die Demokratie ist die Macht des Volkes. Keine einzige Regierung kann demokratisch sein; Regierungen sind repressiv. Die richtige Demokratie liegt im Volk, und in der Überwachung durch das Volk, dass die Regierungen auch halten, was sie versprechen. Wir, von den “iaioflautas”, profitieren von den Erfahrungen, die wir unter Franco gemacht haben. Zu jener Zeit hatten wir, diejenigen, die eine demokratische Gesellschaft wollten, einen gemeinsamen Feind – den Franquismus, ein barbarisches und repressives System. Warum sollten wir nicht jetzt die gleiche gemeinschaftliche Erfahrung gegen die Spekulanten und die Finanzexperten machen? Es betrifft 99% unserer Bevölkerung, und nur 1% zieht einen Vorteil daraus. Das ist die Idee.

Adrián Rísquez, 77 Jahre:

Adrián (Screenshot, aufgenommen von der Autorin)

En los iaioflautas me siento muy bien. Llevo cinco años encerrado en la Federación de Asociaciones de vecinos hablando de la sanidad sin salir a la calle y como nuestra trayectoria fue en la calle, dentro de los locales no me aguantaba. Con los iaios hacemos lo que me gusta, en la calle, porque lo hicimos en aquellos tiempos y lo estábamos echando en falta. Decíamos que era necesario que la juventud saliera a la calle, pues ya está en la calle y ahora lo que tenemos que hacer es estar con ellos, que ellos aprendan de nosotros y nosotros de ellos. No se puede estar en casa porque las cosas que tenemos no las hemos conseguido en casa. La sanidad pública se consiguió en la calle y tenemos que conseguir en la calle para que no nos la quiten.

Bei den “iaioflautas” fühle ich mich sehr wohl. Fünf Jahre lang sperrte ich mich im Verband der Nachbarschaftsvereine ein und redete über das Gesundheitswesen, ohne auf die Straßen zu gehen. Da aber unser bisheriger Werdegang auf der Straße stattfand, hielt ich es in den Lokalen nicht aus. Mit den “iaioflautas” gehen wir auf die Straße und machen somit das, was mir gefällt. Denn früher machten wir es genauso und wir haben es vermisst. Wir sagten, es sei notwendig, dass die Jugend auf die Straßen hinaus gehe. Nun tun sie es und es ist an uns bei ihnen zu sein, sodass sie von uns lernen können und wir von ihnen. Wir können nicht zu Hause bleiben, denn die Dinge, die wir erreicht haben, haben wir nicht von zu Hause aus erreicht. Das öffentliche Gesundheitswesen haben wir auf den Straßen erkämpft. Jetzt müssen wir wieder dorthin, damit sie es uns nicht wieder wegnehmen.

Rosario Cunillera, 66 Jahre:

Rosario (Screenshot, aufgenommen von der Autorin)

Todo empezó cuando fuimos a la plaza Catalunya a ver a los jóvenes y saber qué pensaban. No entramos en su lucha, porque, para mí, era totalmente diferente a cuando vine a Barcelona, a los 18 años, a luchar contra Franco. Pero fue un impulso nuevo. Ellos van a encontrar su forma de luchar, pensé, con el Twitter y todo esto. Y me apunté a los iaioflautas y cada vez que hay algo de los jóvenes, procuramos ir. Los jóvenes del 15M nos han dado un poco de ilusión y eso es algo que nos faltaba a la gente mayor.

Alles begann, als wir auf den Plaça Catalunya gingen, um die Jugend zu sehen und zu erfahren, was sie dachte. Wir mischten uns nicht in ihren Kampf ein, denn für mich war es vollkommen anders als damals, als ich mit 18 Jahren nach Barcelona kam, um gegen Franco zu kämpfen. Aber es war ein neuer Impuls. Ich dachte, dass sie schon ihre Art zu kämpfen finden würden, mit Twitter und alldem. Dann meldete ich mich bei den “iaioflautas” an und jedes Mal, wenn es eine Aktion der Jugend gibt, versuchen wir auch hinzugehen. Die jungen Menschen der 15M Bewegung haben uns ein bisschen Hoffnung gegeben, und das war etwas, das uns Älteren fehlte.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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