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Tadschikistan: Tadschikische Stimmen in Debatte über Putin-Video schweigen

Ein Lied, das offenbar dem russischen Premierminister Wladimir Putin gewidmet ist [ru], wurde auf YouTube bereits über eine Million Mal aufgerufen und ist damit einer von mehreren politisch motivierten Videoclips, die sich im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im März rasend schnell im russischsprachigen Internet verbreiten.

Dass die Stimme von “WWP” (Wladimir Wladimirowitsch Putin, Putins voller Name und der Titel des Liedes) aus Tadschikistan kommt, steht bereits fest, genau wie der Name des Sängers: Tolibdschon Kurbanchanow. Aber davon abgesehen hat der Mangel an Informationen über den Ursprung des Hits Verschwörungstheorien und einwanderungsfeindliche Tiraden im Internet angefacht, während tadschikische Meinungen in der Diskussion in den Hintergrund gerückt sind.

WWP – er hat das Land gerettet / WWP – er beschützt uns / WWP – hat Russland wieder aufgerichtet /Und der Aufschwung geht immer weiter,” trällert [ru] Kurbanchanow im einprägsamen Refrain des Lieds in seinem persisch angehauchten Russisch.

Im Eurasianet-Blog Inside the Coccoon [en] bemerkt Katja Kumkowa, das Lied preise “die Tugenden von Russlands ehemaligem und wahrscheinlich auch zukünftigem Präsidenten wie kein anderes zuvor.”

Doch einige russische Kommentatoren sind skeptisch, ob das Video tatsächlich aus Putins PR-Abteilung kommt – Zweifel, die mehr mit Kurbanchanows Ethnizität zu tun haben als mit der Fähigkeit des Kremls, die eigenen Errungenschaften zu loben.

Eine besondere Beziehung

Es ist kein Geheimnis, dass sich der Nationalismus in Russland im Aufschwung befindet – eine Tendenz, unter der im Allgemeinen zentralasiatische Migranten am meisten zu leiden haben -, aber es scheint eine besondere Abneigung gegenüber Gastarbeitern aus Tadschikistan zu geben. Obwohl es in den meisten russischen Städten doppelt so viele [ru] usbekische wie tadschikische Arbeitsmigranten gibt, sind es zwei fiktionale tadschikische Handwerker, Rawschan und  Dschamsched, die in der beliebten Sketchshow Nasha Russia [en] wiederholt Zielscheiben [ru] von bösem Spott werden.*

Angesichts der Tatsache, dass die oft rassistischen Mainstream-Medien das Bild von den Tadschiken als den “Anderen” bestätigen [en], scheint ein Tadschike in der Tat ein unwahrscheinlicher Protagonist für eine Pro-Putin-Popkampagne. Daher also die Theorie, das Video sei in Wahrheit ein Versuch der Ultranationalisten, den russischen Premier zu diskreditieren, zu einer Zeit, da einwanderungsfeindliche Wähler – Putins besten Besänftigungsversuchen [ru] zum Trotz – im Vorfeld der Wahlen am 4. März immer mehr den Glauben an die politische Marke WWP verlieren.

Und tatsächlich zeigte sich in den Kommentaren zum WWP-Video derjenige Teil der Wählerschaft, der am russischen Entscheidungstag versucht sein könnte, für einen anderen Wladimir zu stimmen:

Was für ein tolles Land haben wir doch. Die “Elite” hat ihr Geld im Westen, ihre Kinder im Westen, Paläste und Fußballvereine… und wir haben Gastarbeiter und Tolibdschon Kurbanchanow,” schimpfte [ru] Prohor1990.

Eine allgemeine Tendenz der Kommentare war, über Kurbanchanow Putin anzugreifen:

In der besten Tradition des zentralasiatischen Despotismus. Der beste Beweis, dass wir unter WWP einem bucharischen Khanat näher sind als einer europäischen Demokratie,” schrieb [ru] walery1963, ein Kommentar, der 28 positive Wertungen bekam.

Ein anderer beliebter Kommentar deutete an, Kurbanchanow habe das Lied im Gegenzug für eine Arbeitsgenehmigung aufgenommen:

Was lässt man sich nicht alles einfallen, um an Papiere zu kommen?” fragte [ru] OttoZiverT.

Ein mutmaßlicher Tadschike antwortete auf diese rassistischen Angriffe mit einer trostlosen Zusammenfassung seiner Zeit als Migrant in Russland:

Ich kam mit Liebe und Hoffnung nach Russland, aber mit der Zeit habe ich Hass und Verachtung für die Russen entwickelt, und nun, da der HASS erloschen ist, bleibt nur noch die Verachtung,”  postete [ru] bejsimpatico.

Contessa111 riet [ru] bejsimpatico daraufhin, die Dinge nicht so eng zu sehen:

Nimm das alles nicht so persönlich. Das sind leider einfach die Gesetze des Gruppendenkens. In Kalifornien hassen zum Beispiel alle die Mexikaner, die da hinkommen, um Geld zu verdienen. In Deutschland hasst man türkische Gastarbeiter… die Leute sind immer froh, wenn sie auf jemand anderes herabschauen können,” kommentierte sie [ru].

Währenddessen in Tadschikistan…

In der Diskussion unter dem WWP-Video auf YouTube glänzten Kommentare auf Tadschikisch durch Abwesenheit; tadschikische Migranten waren Gegenstand der Unterhaltung anstatt aktive Teilnehmer. Nachrichtenagenturen und Blogging-Plattformen mit der tadschikischen Länderdomain .tj schienen hingegen eher amüsiert über die Aufmerksamkeit, die das Video erhalten hat.

Ein Bericht von Kloop.tj, einer Seite, die sowohl auf Russisch [ru] als auch in der offiziellen Landessprache Tadschikisch [tg] publiziert, widersprach Behauptungen russischer Medien, Kurbanchanow sei ein “in Tadschikistan recht bekannter Popstar”. Wie ein Interview mit dem Stabschef des tadschikischen Kultusministeriums ergab:

Der Name Tolibdschon Kurbanchanow sagt mir nichts. Wir haben bis jetzt noch nie von ihm gehört. Dieser Sänger ist niemandem bekannt, und er hat in Duschanbe an keinerlei Veranstaltungen oder Konzerten teilgenommen. Ich halte ihn für einen Hochstapler,” sagte Abdughaffor Abduschaborow.

Nach Einschätzung eines anonymen Posts [ru] auf seb.tj lautet die Botschaft der Kommentare zum WWP-Clip auf YouTube “Nehmt Putin mit zurück nach Tadschikistan”. Unter dieser Teilüberschrift gibt der Verfasser eine lange Liste wenig schmeichelhafter Kommentare über Tadschiken wieder, die russische Besucher der Seite unter dem WWP-Video zurückgelassen haben.

Auch im Blog 2shanbe.tj [ru] (ein Wortspiel: Duschanbe ist die Hauptstadt von Tadschikistan) listet ein Eintrag des Administrators unter der folgenden Einleitung eine große Anzahl abfälliger Kommentare von russischen YouTube-Nutzern auf:

Die Qualität von [Kurbanchanows] Gesang, den Reimen und dem Videoclip allgemein ist, um es milde auszudrücken, dürftig. Die Mehrzahl der Leute, die sich diesen Clip angesehen haben, zeigen nichts als Ironie und Sarkasmus gegenüber dem tadschikischen Volk.”

Doch diese beiden Posts haben keine große Diskussion angeregt, und viele beliebte tadschikische Blogs [en] haben das WWP-Video gar nicht erwähnt. Dies zeigt die allgemeine Ambivalenz der Internetnutzer in Tadschikistan gegenüber der zunehmenden Verbreitung nationalistischer Inhalte im russischsprachigen Internet – einer Tendenz, die vorhersehbarerweise im Wahlkampf noch zunimmt.

* Es sollte auch erwähnt werden, dass die Nasha-Russia-Sketche mit Rawschan und Dschamsched genauso eine Parodie des Rassismus in der russischen Gesellschaft und der Vorurteile gegenüber Zentralasiaten sind wie eine Parodie der tadschikischen Arbeitsmigranten selbst. Trotzdem ist die Darstellung der beiden eine sehr bissige, die den ohnehin schwierigen diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern einen weiteren wunden Punkt hinzugefügt hat. Und obwohl nur 6,7% der Einwanderer in Russland Tadschiken sind, werden auch andere zentralasiatische Migranten auf Moskaus Straßen oft als “Tadschiken” bezeichnet. Das war die Erfahrung von Aida Kasymaliewa, die auf Radio Free Europe/Radio Liberty einen ausgezeichneten Artikel mit dem Titel [en] “First Person: Life In Russia As A Non-Russian Child” (Aus erster Hand: Das Leben in Russland als nichtrussisches Kind) veröffentlicht hat.

Anmerkung: Obwohl er über Nacht zum Star geworden ist, sind Tolibdschon Kurbanchanows wahre Ansichten über Putin und die politische Situation in Russland nicht bekannt, ebenso wenig wie sein Wohnsitz. In einem Interview [ru], das von demselben User hochgeladen wurde wie das ursprüngliche Video, sieht man Kurbanchanow mit einer Reisetasche in der Hand, wie er sich bei seinen Fans bedankt, sich dafür entschuldigt, nicht alle Fanbriefe beantworten zu können, und ein Nachfolgelied zu “WWP” andeutet. Dazu sieht man die ganze Zeit den internationalen Flughafen der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe im Hintergrund…

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