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Armenien-Aserbaidschan: Knoblauchkriege

[Alle Links sind auf Englisch.]

Die Entscheidung der UNESCO, ein sowohl in Armenien als auch in der Türkei gegessenes Gericht in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen, hat einen Streit zwischen den beiden Ländern entfacht. Gleichzeitig haben sich die kulinarischen Streitigkeiten in der Region wieder einmal auch auf Aserbaidschan ausgeweitet.

Armenien und Aserbaidschan befinden sich in einer verbitterten Pattsituation bezüglich der umstrittenen Region Berg-Karabach. In den frühen Neunzigerjahren hat der Konflikt etwa 25.000 Menschen das Leben gekostet und eine Million zur Flucht gezwungen. Ein langfristiger Frieden ist immer noch nicht in Sicht.

Infolgedessen ziehen es Armenier und Aserbaidschaner natürlich vor, ihre vielen Gemeinsamkeiten zu übersehen. Aber die Rivalität der beiden Völker hinsichtlich ihrer Kulturen und Traditionen ist wohl am erbittertsten, wenn es ums Essen geht. Kebabistan beleuchtet die Hintergründe:

Eine andere Gruppe von Armeniern, die die Entscheidung der UNESCO als Beleidigung empfindet, macht sich nun daran, den ihrer Meinung nach armenischen Ursprung von Tolma zu sichern, einem Gericht aus gefüllten Weinblättern oder anderem Gemüse, das unter dem Namen Dolma auch in der Türkei oft gegessen wird.

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Unterdessen scheinen die Aserbaidschaner sogar noch mehr erpicht darauf, ihre Kochkunst vor angeblichen armenischen Übergriffen zu schützen. Aserbaidschan unterhält eigens eine Essenswächterorganisation namens Nationales Zentrum für Kochkunst, deren Leiter Tachir Amiraslanow anscheinend die meiste Zeit damit zubringt, der Welt klarmachen zu wollen, dass die armenische Küche in Wahrheit dasselbe ist wie die aserbaidschanische Küche.

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Dranbleiben lohnt sich – in diesem kulinarischen Kampf wird es sicher noch eine Fortsetzung geben.

Arthur Chapman auf Flickr

Und in der Tat dauerte es nicht lange, bis es eine Fortsetzung gab, wenngleich eher ungewöhnlicher Art: Berichten zufolge entdeckte ein armenischer Lokalhistoriker, dass sein örtlicher Supermarkt aserbaidschanischen Knoblauch verkaufte. Ein örtlicher Händler sagte, dies sei einfach der beste und billigste Knoblauch, der zu haben gewesen sei; doch einige lokale Medien reagierten hysterisch.

Tamada Tales erklärt die Angelegenheit.

Die Armenier sind immer wachsam gegenüber möglichen Angriffen des Erzfeindes Aserbaidschan, aber wer hätte mit einer so unglaublich niederträchtigen Infiltration rechnen können? Im feindlichen Boden von Aserbaidschan gewachsener Knoblauch hat anscheinend einen Weg gefunden, die hermetisch abgeriegelte Grenze zwischen den beiden Ländern zu durchdringen, und hat dann die Unverfrorenheit besessen, auf den Gemüseständen der armenischen Hauptstadt Jerewan zu erscheinen.

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Als besorgter Bürger schlug Herr Karapetian Alarm, und die Presse begab sich sogleich vor Ort. “Knoblauch eines Unternehmens mit Sitz in der [nach Ex-Präsident Heidar Alijew benannten] Alijewstraße in Baku wird fröhlich in einem armenischen Supermarkt verkauft,” sagte der Historiker verblüfft.

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Einige scheinen nun zu fürchten, dass der Knoblauch ein Vorbote von gefährlicheren Formen der Kriegsführung sein könnte. Ermittlungsbeamte haben die anstößigen Knollen bereits beschlagnahmt, aber haben sie rasch genug gehandelt, um zu verhindern, dass arglose Bürger den aserbaidschanischen Knoblauch in ihrem Tolma oder der Soße für ihr Chorowaz verwenden? Eine Zeitung schrieb düster: “Heute ist es Knoblauch, morgen wird es etwas anderes sein.”

Ironischerweise war dies jedoch nicht das erste Mal, dass Armenier aserbaidschanische Produkte kaufen konnten. So entdeckte Liana Aghajanian, eine Bloggerin auf Ianyan und Autorin für Global Voices, Ende November ein anderes Beispiel in einem armenischen Supermarkt in den Vereinigten Staaten.

Aber anders als die armenischen Medien zeigte sie sich in ihrem Blog auf Tumblr eher begeistert von der unerwarteten Entdeckung.

Granatapfeldiplomatie: Granatapfelsaft aus Aserbaidschan, den ich in meinem örtlichen armenischen Supermarkt gekauft habe und der jetzt wahrscheinlich in vielen anderen armenischen Haushalten in Los Angeles steht. Und man sieht es auf dem Foto nicht, aber die Marke heißt “Real Deal” [echtes Schnäppchen/echtes Abkommen]. Einfach zu gut.

Währenddessen haben die Armenier in Berg-Karabach immer noch eine Schwäche für die aserbaidschanische Küche, und auch in Aserbaidschan werden armenische Produkte nachgefragt, wie eine karabachische Journalistin vom Kaukasischen Arbeitskreis für Friedensjournalismus erklärt.

In den Restaurants von Karabach gibt es immer noch eine große Nachfrage nach aserbaidschanischen Gerichten. In der ganzen Region sprechen die Menschen respektvoll über die aserbaidschanische Küche. Trotz dem seit mehr als zwanzig Jahren andauernden Konflikt zwischen den beiden Ländern können Gäste in vielen Restaurants neben der reichhaltigen karabachischen Küche auch typisch aserbaidschanische Gerichte kosten.

[…]

Obwohl die Geschäfte heute eine große Auswahl bieten, hat Igor Davtian nicht vor, seine Gewohnheiten zu ändern: Er trinkt ausschließlich aserbaidschanischen Tee, den ihm Verwandte aus Russland schicken.

“Ich braue meinen Tee auf eine sehr besondere Art und Weise. In dieser Angelegenheit traue ich meiner Frau überhaupt nicht – der Tee schmeckt einfach nicht gleich, wenn sie ihn macht. Ich bestelle den Tee und meine Verwandten schicken ihn mir aus Russland, aber sie selbst bestellen ihn in Baku. Auf der anderen Seite habe mir meine Verwandten gesagt, dass ihre Nachbarn in Russland armenischen Cognac nach Baku schicken. Was kann man machen – soweit ist es in unserem Leben nun einmal gekommen,” sagt Igor Davtian.

[…]

Der Streit zwischen Armenien und Aserbaidschan ist nicht nur ein territorialer: Es gibt auch viele Auseinandersetzungen über Musik, Teppichknüpfmuster – und natürlich über den Ursprung einiger Gerichte. Armenier und Aserbaidschaner streiten noch immer darüber, wer das Lied “Sari Gelin” komponiert und wer Tolma erfunden hat. Und wenn es um den “ethnischen Ursprung” von Schaschlik geht, mischt sich auch Georgien in die Diskussionen ein. Aber das ist eine andere Geschichte…  

Die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan waren seit Jahren nicht mehr so groß wie heute, und so werden die hitzigen kulinarischen Debatten wohl auch weiterhin verhindern, dass kulturelle Gemeinsamkeiten oder auch einfach nur Handelsbeziehungen die beiden Seiten näher zusammenbringen. Zumindest was einige Medien in der Region angeht, scheint dies definitiv der Fall zu sein.

 

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