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Spanien: Im Kampf um das Recht auf ein Zuhause

Dieser Artikel wurde von Kristin Geier, Silja Koble, Eva Luttenberger, Gesina Osterndorff, Ina Stütz, Marina Walter und Melanie Weber, Studierende des FTSK Germersheim, unter der Leitung von Nadine Scherr im Rahmen des Projektes „Global Voices“ übersetzt.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

Durch den explosiven Cocktail aus Immobilienblase, Finanzkrise und hohen Arbeitslosenzahlen haben tausende von Familien in Spanien ihr Zuhause verloren. Aber die Opfer der Zwangsräumungen sind nicht anonym – sie haben Namen und Geschichten zu erzählen.

Francisco musste diese Woche Getafe (Madrid) verlassen; Die Wohnungen von Sheila und Madeleine, alleinerziehende Mütter von fünf Kindern, sollen zwangsgeräumt werden; Alex und seine Familie sind als Okupas (Besetzer) in ihr Haus zurückgekehrt, das sie im katalanischen Terrassa verloren hatten.

In den Jahren vermeintlichen Wohlstands und der leichtfertigen Vergabe von Krediten, schlossen sie alle Hypotheken ab, die sie nun aufgrund fehlenden Einkommens nicht mehr zahlen können. Sie haben nicht nur ihre Wohnungen verloren, sondern sind zudem noch verschuldet. Es befinden sich noch wesentlich mehr Leute in dieser Situation, insgesamt sind Tausende davon betroffen. Nun sind sie aus ihrer Anonymität herausgetreten. Dies verdanken sie den Aktivisten, die sich aus Betroffenen und Unterstützern zusammensetzen und sich zu einer pazifistischen Widerstandsbewegung zusammengeschlossen haben, um der Krise Herr zu werden. Das Motto ist eindeutig: „Wir werden nicht zulassen, dass die Bank uns auf die Straße setzt.“
Diese Art von Guerilla gegen die Zwangsräumungen entstand 2009 in Barcelona, als eine Gruppe von Betroffenen die Plattform für Personen, die durch Hypotheken verschuldet sind (PAH auf Spanisch) gründete, um diesen Missbrauch und den rechtlichen Schutz der Finanzinstitute anzuprangern. „Weder Banken noch öffentliche Stellen interessieren sich für unseren Protest“, bekräftigen sie in ihrem Blog. „Sich den Zwangsräumungen zu widersetzen bedeutet, die Banken und politischen Verantwortlichen herauszufordern und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen (…). Unser Zuhause ist unser Werkzeug im Kampf, unser Druckmittel, unser größter Verbündeter.“

Im November 2010 konnten sie schließlich einen bahnbrechenden Erfolg erzielen: Sie konnten die erste Zwangsräumung nahe Barcelona verhindern und bewahrten so Lluís und seinen 13 Jahre alten Sohn vor einem Leben auf der Straße.

Die PAH arbeitete weiter, bis sie in diesem Frühjahr unerwartet Verstärkung erhielt – Unterstützung durch die Gemeinschaft, die einen Teil der Bewegung 15. Mai bildet. Heute gibt es ähnliche Gruppen, einschließlich Nachbarschaftsvereinen, sowie soziale und lokale Organisationen in vielen spanischen Städten, die für das Recht auf ein angemessenes Zuhause eintreten. Die PAH versichert, man habe insgesamt 109 Zwangsräumungen verhindert.
Auch wenn diese Zahl zunächst hoch erscheint, bleibt noch eine Menge Arbeit zu tun, vor allem wenn man bedenkt, dass zwischen 2007 und 2011 fast eine halbe Million Zwangsvollstreckungen in Spanien zu erwarten sind (es gab 32.000 Verfahren in der ersten Hälfte dieses Jahres und fast 48.000 im Jahr 2010, dies lässt sich den Daten des Generalrates der Rechtsprechenden Gewalt entnehmen [es].)
Ein digitales Bündnis

Die Bewegung ist vor allem online sehr aktiv. Im Internet werden Aktionen organisiert und Betroffene, Aktivisten und andere Interessierte zusammengebracht. Die Website von Stop Desahucios (Stoppt Zwangsräumungen) [es] ging im Juni online, um ein Netzwerk für aktuelle Meldungen und eine Übersicht über den Status der dramatischen Situation zu schaffen. Jedem, der wegen Hypothekenschulden von einer Zwangsräumung betroffen ist, wird hier eine Plattform geboten, um seinen Fall zu schildern und Unterstützung zu organisieren.

Diese Meldungen können auch über die Twitter-Accounts der Bewegung, @LA_PAH und @stopdesahucios, sowie über die Hashtags #stopdesahucios (#stopevictions) und #stopdesnonaments („Stoppt Zwangsräumungen” auf Katalanisch) abgerufen werden. Und es funktioniert: Die Tweets werden verbreitet und Informationen werden weitergegeben. So finden sich Sympathisanten, Nachbarn und Aktivisten zusammen, um Zwangsräumungen zu stoppen. Hier einige aktuelle Beispiele:

@oscartaxibcn: Mañana pararemos un desahucio 13D, Barcelona – Ciutat Meridiana. A las 08:30h, C/ Les Agudes 58b, bloque K #stopdesnonaments via @LA_PAH

@oscartaxibcn: Morgen werden wir eine Zwangsräumung in 13D, Barcelona, Ciutat Meridiana, stoppen. Um 8:30 Uhr, Calle Les Agudes 58b, Block K #stopevictions via @LA_PAH

@alertadesahucio: L'Hospitalet. Parado hoy desahucio en la C. Jardín. Próxima cita el jueves a las 8 en C. Llançà, 7 miguel-delamo.blogspot.com/2011/12/otro-d…#stopdesahucios

@alertadesahucio: L'Hospitalet. Haben heute eine Zwangsräumung in der Calle Jardín gestoppt. Nächste Aktion am Donnerstag um 8 Uhr in der Calle Llançà 7. miguel-delamo.blogspot.com/2011/12/otro-d… #stopevictions

@GetafeAsamblea: Si conseguimos ayudar a Antonia, el miércoles hay que apoyar a Paco ¿venís?#stopdesahuciosbit.ly/sMs2pi

@GetafeAsamblea: Wenn es uns gelingt Antonia zu helfen, müssen wir am Mittwoch Paco unterstützen. Kommst du mit? #stopevictions bit.ly/sMs2pi

„Familie auf die Straße gesetzt, Haus wieder in Besitz genommen! “
Im Laufe der Zeit haben die PAH und die Bewegung des 15. Mai weitere Aktionen in Angriff genommen. Neben dem Verhindern von Zwangsräumungen geht es infolge der Immobilienspekulationen nun auch darum, Familien in leer stehenden Gebäuden unterzubringen: Familie auf die Straße gesetzt, Haus wieder in Besitz genommen! Die ersten Aktionen ereigneten sich am 15. Oktober in Barcelona und Madrid im Anschluss an die weltweit organisierten Proteste gegen die derzeitige Situation. Unter dem Motto „von der Empörung zur Tat schreiten” besetzten die Demokratie-Bewegungen PAH und 15M ein ehemaliges Gebäude einer Baufirma in Barcelona, das gepfändet wurde, und das „Hotel Madrid” in Madrid, das zur Versteigerung stand.
Zu beiden Besetzungen wurden Blogs erstellt: Edifici 15O [es] und Hotel Madrid [es]. Obwohl die Polizei die in das Hotel Madrid umgesiedelten Familien wieder auf die Straße setzte, gab die Bewegung nicht auf. Twitter-Nutzer @Arganda15m schrieb an diesem Tag: „Sie singen im Chor: ‚Eine Räumung, eine weitere Besetzung’ #withoutahome.”

Einen Monat später, am 18. November, fand eine ähnliche Aktion in Barcelona statt, als Mitglieder der Indignados (Spanisch für „Empörte“) aus dem Stadtteil Sants, ebenfalls Mitglieder der 15M, einen Wohnblock besetzten, der mehrere Jahre leer gestanden hatte. Sie brachten dort fünf Familien unter, die auf die Straße gesetzt worden waren, und erstellten einen Blog [es] und einen Twitter-Account [es], um Informationen zu der Aktion, die als „Habitatge18N“ (Katalanisch für „Haus18N“) bekannt wurde, zu verbreiten. Zwölf Tage später breitete sich die Nachricht aus [ca]:

@La_Directa: Els #Mossos tenen previst desallotjar @habitatge18n d'Hostafrancs aquesta matinada

@La_Directa: Die #Mossos (katalanische Polizei) hat vor @habitatge18n aus Hostafrancs heute Vormittag auf die Straße zu setzen

@Acampadabcn: Va, som-hi! Hashtag per seguir tot el que (no) passi aquesta nit a @habitatge18n ->#totesambH18n Recordem: c/ Hostafrancs, 3

@Acampadabcn: Auf geht’s! Hashtag, um allem zu folgen, was heute Nacht bei @habitatge18n -&gt (nicht) passiert; #everyonewithH18n Denkt dran: Hostafrancs, 3

Das Gebäude wurde an diesem Morgen tatsächlich während eines kontrovers diskutierten Polizeieinsatzes geräumt. Laut Aussagen der Aktivisten wird dieser Einsatz von Amnesty International untersucht. Die Aktionen werden dennoch fortgeführt und die Anhänger der Bewegung bleiben weiterhin sehr aktiv.

Die Bewegung gegen Zwangsräumungen hat das Interesse der Medien geweckt und einige Vorschläge der Bewegung werden in die politische Agenda aufgenommen. So geschehen bei der “dación en pago [es],” die unterstützt, dass die Schulden erlassen werden, wenn die Immobilie von der Bank übernommen wurde, wie es in anderen europäischen Ländern üblich ist. Sie haben eine Vielzahl an Familien in Sozialwohnungen umgesiedelt und einige Stadträte dazu gebracht sich für eine Änderung der Hypothekengesetze einzusetzen.

Es gibt ganz offensichtlich Anlass zum Feiern und so sah dies am 30. November auf Twitter aus:

@acampadasol Cumpleaños feliz para @La_PAH: 100 desahucios paralizados, ¡sí se puede! bit.ly/tBUefB#stopdesahucios

@acampadasol Herzlichen Glückwunsch zu @La_PAH: 100 verhinderten Zwangsräumungen, ja, wir schaffen das! bit.ly/tBUefB#stopdesahucios

Die Antwort sah so aus:

@LA_PAH: “@acampadasol felicidades tb a vosotr@s! es una victoria de tod@s!”

@LA_PAH: “@acampadasol Auch an euch herzlichen Glückwunsch! Das ist ein Sieg für alle!

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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