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Krise der Eurozone: Wie geht es mit der Wirtschaft weiter?

Dieser Artikel wurde von Larissa Burkart, Johanna Friedel, Carolin Nanz, Marina Rast, Ramona Schaaf, und Alina Schulze, Studierende des FTSK Germersheim, unter der Leitung von Nadine Scherr im Rahmen des Projektes „Global Voices“ übersetzt.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

Wirtschaftswissenschaftlern würde es schwerfallen, die Zukunft von Europas Rettungspaketen und die Konsequenzen der aktuellen Finanzkrise vorauszusagen. Während die Meinungen auseinandergehen, wimmelt es im Internet nur so von Versuchen zu verstehen, welcher Zukunft die Eurozone entgegenblickt.

Wie geht es mit der Wirtschaft weiter? Diese Frage wurde der griechischen Auslandskorrespondentin für MEGA TV Maria Karchilaki gestellt. Sie antwortete:

@karhilam[en]: @efleischer Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin jedoch nicht optimistisch. Das Ausmaß dieser Krise ist vergleichbar mit der katastrophalen Zerstörung, die der Wirbelsturm Katrina angerichtet hat. Und wir stecken noch immer mittendrin.

Euromünze. Bild von Civitas (CC BY-NC-SA 2.0)

Keine der größten Banken [en] dieser Region besteht einen Stresstest. BNP Paribas[en] hat sein Italien- und Griechenland-Exposure verringert, ebenso wie die Royal Bank of Scotland (RBS)[en], obwohl bei dieser Liquidität im Überfluss vorhanden ist[en]. Dexia, Commerzbank, Credit Agricole, und HSBC beabsichtigen[en] ebenfalls, ihr Exposure zu verringern.

Frankreich[en] plant eine Reduzierung seines Haushaltsdefizits um 20%, Irland[en] eine Haushaltskürzung von 12,4 Milliarden und der Leitzins der Europäischen Zentralbank[en] (EZB) bleibt weiterhin bei 1,25%.

Auf der Mikroebene sind die Menschen nicht sonderlich gnädig. Ein pensionierter LKW-Fahrer aus Griechenland ging sogar so weit, der New York Times zu sagen[en]:

[Ich bin] beeindruckt, dass die Leute noch nicht das Parlament gestürmt und die Politiker bei lebendigem Leib verbrannt haben – wie ein Souvlaki [eine Art Kebab].

Die Frage „Was wird mit der Wirtschaft im Laufe der nächsten zwei Monate geschehen?” wurde den folgenden Reportern und Twitter-Nutzern vor dem Rücktritt des ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten Papandreou und des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi gestellt.

Die griechische Journalistin Efthimia Efthimiou schreibt:

@EfiEfthimiou[en]: @efleischer …derzeit schwer zu sagen. Die Dinge ändern sich von Stunde zu Stunde…

Yannis Koutsomitis, ein weiterer Journalist, antwortet:

@YanniKouts[en] @efleischer Es ist sehr wahrscheinlich, dass die politische Logik in Italien und Griechenland in den nächsten Tagen die Oberhand gewinnt. Das könnte die Märkte eine Weile lang beruhigen. Sollten sich die politischen Unruhen in diesen Ländern fortsetzen, besteht eine reelle Chance, dass die Krise der Eurozone ihren Höhepunkt mit unvorhersehbaren Auswirkungen erreichen wird.

Zur Zeit sehen diese wie folgt aus: John Reed von der Financial Times schreibt, dass der italienische Reifenhersteller Pirelli “
einen Notfallplan aufgestellt hat, der einen Rückgang von 10% des PKW-Absatzes und einen Rückgang von 20% des LKW-Absatzes weltweit berücksichtigt. Dies entspräche etwa dem Rückgang, der sich nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers einstellte.“ (Obwohl dies das Worst-Case-Szenario darstellen würde.)

In der Zwischenzeit wurden in einem WikiLeaks-Bericht aus dem Jahr 2010 die Konsequenzen eines Antrags auf Gläubigerschutz nach ‘Chapter 11 für alle Eurozonen-Staaten’ [en] erläutert. [Anm. d. Ü.: Während dieses Verfahrens kann ein Unternehmen seine Geschäfte unter gerichtlicher Aufsicht und geschützt vor den Forderungen seiner Gläubiger weiter führen, sich reorganisieren und sanieren.]

Douglas Fraser von der BBC erörtert die Folgen eines möglichen mehrfachen Zahlungsausfalls:

Wenn Griechenland, Portugal und Irland diese Schuldenhöhe erreichten, würden die deutschen Banken die Hälfte ihrer Kapitalpuffer verlieren, die belgischen Banken ein Drittel und die französischen und britischen Banken ein Viertel.

Indirekte Folgen wie Einlagensicherungen und Interbank-Kredite würden allerdings 100% des Tier-1-Kapitals deutscher Banken vernichten.

Belgien blieben nur noch 7%, Frankreich 25% und Großbritannien 50%. Großbritannien wäre insbesondere durch Irland stark getroffen, doch die RBS und die Lloyds Banking Group haben bereits viele ihrer Exposures abgeschrieben.

Und was wäre, wenn auch Italien und Spanien zahlungsunfähig würden? Die Zahlen sind schwindelerregend.

Die direkten Folgen würden dazu führen, dass die Regierungen die deutschen und französischen Banken mit 125% ihres derzeitigen Kernkapitals rekapitalisieren müssten, d.h. es käme zu Verstaatlichungen.

Betrachtet man zusätzlich die indirekten Folgen, lässt sich feststellen, dass 275% des deutschen, 270% des belgischen, 225% des französischen und 130% des britischen Kernkapitals nötig wären.

In diesem Fall wäre Deutschland nur in der Lage, die Bedingungen zur Rettung seiner eigenen Banken zu erfüllen (hoffentlich), und dasselbe träfe auf jedes andere Land der Eurozone zu.

In einem anderen Blog der Financial Times schreibt Alan Beattie:

[…] wenn die EZB sich nicht dazu durchringen kann, Italien direkt zu retten (Risiko staatlicher Kreditnehmer, kein Fachwissen bezüglich der Kreditvergabebedingungen) könnte sie dem IWF theoretisch, laut Artikel 23 ihres Protokolls, hohe Kredite gewähren.

Der IWF würde dann beginnen, Italien zu retten, (was laut Megan Greene zu erwarten ist [en] (‘Bail-in statt Bail-out’). Dem stimmt auch The Economist [en] zu einem gewissen Grad zu.), und das ist letztendlich besser als gar nichts.

Via E-Mail antwortete Reporter Paul Cunningham, Journalist beim irischen Rundfunksender RTE, auf die Frage “Haben Sie noch Hoffnung, dass die EZB ihre Position als Zentralbank nutzt, um das Wachstum anzukurbeln, anstatt einen Sparkurs zu verfolgen?” (veröffentlicht mit der Zustimmung des Senders):

Der neue EZB-Präsident hat durch die Zinssenkungen seine Bereitschaft zum pragmatischen Handeln gezeigt. Es stellte sich die Frage, ob Mario Draghi es als notwendig erachten würde, die in Deutschland bestehenden Erwartungen zu erfüllen, oder eine Zinssenkung bis zum Dezember aufschieben würde, da die Inflation bei über 2% lag. Die Tatsache, dass die Senkung in seiner ersten Ratssitzung als EZB-Präsident durchgesetzt wurde, deutet darauf hin, dass er eigenständig handelt. Die Debatte darüber, ob man den Leitzins hätte anheben sollen oder nicht, wird wohl noch Jahre andauern.

Im Hinblick auf die Rolle der EZB im Allgemeinen scheint es so, als ob der Präsident die Strategie seines Vorgängers Jean-Claude Trichet weiterverfolgt, auf dem Sekundärmarkt gehandelte Anleihen zu kaufen. Allerdings nicht in einem Umfang, der die Krise eindämmen würde. Nichts deutet darauf hin, dass Draghi bereit ist, die EZB zum „Lender of Last Resort“ (Kreditgeber Letzter Instanz) werden zu lassen. Meiner Meinung nach kann sich das nur ändern, wenn Deutschland seine Meinung ändert, d.h. wenn die Krise sich so ausweitet, dass der deutsche Steuerzahler mit der wahren Krise konfrontiert wird; wenn wir an unseren Prinzipien der Finanzkontrolle festhalten, bricht der Euro zusammen.

Es wird oft behauptet, dass Europa bei der Konfrontation mit einer Krise erst am Rande des Zusammenbruchs stehen muss, bevor etwas geschieht. Dieses Mal scheint Deutschland am Abgrund stehen zu müssen: Wenn der Euro abgeschafft und die Deutsche Mark wieder eingeführt würde, wird Deutschlands exportstarke Wirtschaft unmittelbar gefährdet. Wer würde deutsche Produkte kaufen, wenn der Preis aufgrund der Deutschen Mark regelrecht explodiert?
Eher früher als später werden tief verankerte Prinzipien mit der Realität der unbeständigen Anleihemärkte zusammenstoßen.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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