Wir übersetzen die Beiträge von Global Voices in viele Sprachen, damit die Bürgermedien aus aller Welt für alle zugänglich werden.

Erfahre mehr zu Lingua-Übersetzungen  »

Die spanische Sprache, die Real Academia Española und das Urheberrecht

Dieser Artikel wurde von Anne Neuhaus, Studierende des FTSK Germersheim, unter der Leitung von Dr. Eva Katrin Müller im Rahmen des Projektes „Global Voices“ übersetzt.

Kann eine Sprache, die von Millionen von Menschen verwendet wird, einer Institution gehören und urheberrechtlich geschützt sein? Ist die Aneignung durch Dritte rechtlich und ethisch vertretbar?

Diese Fragen kursieren im Internet, seit vor Kurzem bekannt wurde, dass die Real Academia de la Lengua Española (RAE, „Königliche Akademie für die spanische Sprache“) und der spanische Medienkonzern Grupo Planeta [es] den uruguayischen Journalisten Ricardo Soca dazu aufgefordert haben, Inhalte, die angeblich Eigentum von Grupo Planeta sind, sowie Links zur Seite der RAE von seiner Website elcastellano.org [es] zu nehmen. In einem Auszug aus dem Schreiben [es] der RAE, das Ricardo Soca ins Internet gestellt hat, heißt es:

queríamos informarle que dicha Institución es el único y legítimo propietario de la marca RAE y de la información contenida en la Web www.rae.es, por lo que queda expresamente restringido el uso de los mismos.

Wir möchten Sie darüber informieren, dass unsere Institution der einzige rechtmäßige Eigentümer der Marke RAE und der Inhalte der Website www.rae.es [es] ist, wodurch die Nutzung dieser durch Dritte ausdrücklich verboten ist.

Das Schreiben besagt weiter:

Con el propósito de evitar prácticas desleales así como de proteger los legítimos derechos de propiedad industrial e intelectual de la RAE, queda prohibida la introducción de enlaces que faciliten el acceso directo a cualquiera de los contenidos de los sitios web de la RAE, salvo en el caso de que se utilicen los procedimientos que la RAE implemente para ello, bien sea por medio de botones integrables en el navegador o de otro tipo de recursos de software.

Um gesetzeswidrigem Verhalten vorzubeugen und die Urheberrechte sowie das gewerbliche und geistige Eigentum der RAE zu schützen, ist die Verwendung von Links, die den direkten Zugang zu jeglichen Inhalten der Website der RAE ermöglichen, verboten. Ausgenommen sind technische Lösungen, die von der RAE selbst bereitgestellt werden, wie beispielsweise die Verwendung von Schaltflächen, die sich in die Browseroberfläche integrieren lassen, oder andere Softwarelösungen.

Die RAE und das Urheberrecht

Das Dokument ist eine typische „Abmahnung“, die von Anwälten verwendet wird, um Eigentums- und andere Rechte zu schützen. Die Forderung könnte vernünftig erscheinen, schließlich bezieht sie sich ja nicht auf die Sprache, sondern nur auf die Ressourcen und Inhalte der RAE. Dennoch hat der Fall seine Tücken: Der Betroffene, Ricardo Soca, nahm an [es], dass eine Institution wie die RAE nicht gewinnorientiert sei:

Pero la RAE retacea el fruto de su trabajo por razones comerciales: su diccionario no ofrece en la web todos los servicios de su versión comercial en disco, el Nuevo Tesoro Lexicográfico de la Lengua Española no ofrece en la red los mismos servicios que su versión de pago en DVD, y no permite la divulgación de sus trabajos fuera de su página web por razones comerciales.

Aber die RAE teilt die Früchte ihrer Arbeit aus kommerziellen Gründen nur häppchenweise mit der Öffentlichkeit: Im Onlinewörterbuch werden nicht alle Funktionen angeboten, die auf der im Handel erhältlichen CD vorhanden sind, die Onlineversion des Nuevo Tesoro Lexicográfico de la Lengua Española, eine Zusammenstellung von Daten aus 50 verschiedenen Wörterbüchern, bietet nicht dieselben Funktionen wie die kostenpflichtige DVD und die Verbreitung der Arbeit der RAE außerhalb ihrer Website ist aus kommerziellen Gründen verboten.

Soca fährt fort:

En efecto, es sorprendente que una compañía poderosa como el Grupo Planeta pueda presentarse en nombre de la Real Academia, presionando para impedir la divulgación en la internet de obras en cuya elaboración han participado las veintidós academias, como es el caso del Diccionario de la lengua española y pretende imponer las leyes del reino a los países hispanohablantes.

Es ist tatsächlich überaschend, dass ein mächtiges Unternehmen wie Grupo Planeta im Namen der RAE handeln darf, um die Verbreitung von Werken zu verhindern, an deren Entstehung alle 22 Akademien der spanischen Sprache beteiligt waren, wie es beim Diccionario de la lengua española der Fall ist. Auf diese Weise versucht Grupo Planeta, allen spanischsprachigen Ländern die spanischen Gesetze aufzuzwingen.

Die Beziehung zwischen der RAE und Grupo Planeta mag zunächst seltsam erscheinen, doch Juan Luis Sánchez liefert auf der Website Periodismo Humano eine Erklärung [es]:

La Academia es una corporación pública financiada al 50% por las grandes empresas españolas […] a través de la Fundación pro RAE, precisamente creada en 1993 para ‘canalizar la ayuda’ de la sociedad civil. El presidente de honor de la Fundación pro RAE es el Rey de España.

Die RAE ist eine öffentliche Körperschaft, die über die Stiftung Pro RAE zu 50 % von großen spanischen Unternehmen […] finanziert wird. Diese Stiftung wurde 1993 gegründet, um „die Unterstützung für die RAE durch die Zivilgesellschaft zu bündeln“. Ehrenvorsitzender der Stiftung ist der spanische König.

Sánchez informiert außerdem über weitere Folgen des Vorgehens der RAE:

Esta estrategia […] ha provocado indirectamente el cierre de otra página relacionada con la RAE. Esta vez se trataba de una “versión mejorada” para consultar el Diccionario Panhispánico de Dudas elaborada por Franz Mayrhofer, un hispanista colaborador del Instituto Cervantes (aquí su ficha profesional) en California.

Dieses Vorgehen […] hat indirekt dafür gesorgt, dass eine andere Website, die auch auf die RAE verwies, geschlossen wurde. Bei diesem Fall handelte es sich um eine „verbesserte Möglichkeit“ [es], auf das Wörterbuch Diccionario Panhispánico de Dudas zugreifen zu können, die von Franz Mayrhofer ausgearbeitet wurde. Mayrhofer ist Hispanist und arbeitet mit dem Instituto Cervantes in Kalifornien zusammen (hier seine digitale Visitenkarte [es]).

Juan Luis Sánchez erwähnt außerdem den Fall von Gabriel Rodríguez von dirae.es [es]. Auf dieser Seite wird man durch einen Link zur Seite der RAE weitergeleitet. Aber die Copyrightpolitik der RAE duldet auch kein Zitieren oder Weiterleiten.

En defensa de Dirae, su autor explica que “hace exactamente lo mismo que buscadores como Google”. Es decir, “busca en los contenidos de los sitios, muestra un extracto del texto coincidente y enlaza a la página”. De hecho, si usamos Google podemos hallar resultados muy parecidos de “tela”. ”Con la diferencia”, dice Gabriel Rodríguez, “de que Dirae no tiene publicidad y no genera lucro alguno, al contrario que Google o Bing. Pero claro, la carcajada que produciría una amenaza de Planeta a Google se escucharía en todo Mountain View”.

Um dirae.es zu verteidigen, erklärt ihr Autor, dass die Seite „nach dem gleichen Prinzip wie Google und andere Suchmaschinen funktioniert“. Das heißt, „sie durchsucht die Inhalte der Seiten, zeigt einen passenden Textausschnitt an und verlinkt auf die entsprechende Seite“. Genau gesagt kann man mithilfe von Google, z. B. für den Suchbegriff „tela“, sehr ähnliche Resultate erzielen wie mit der Suchfunktion von dirae.es. „Mit dem Unterschied“, sagt Gabriel Rodríguez, „dass www.dirae.es keine Werbung enthält und im Gegensatz zu Google oder Bing keinen Gewinn macht. Aber klar: Eine Drohung von Grupo Planeta an Google würde ein Gelächter auslösen, dass man bis an den Stadtrand von Mountain View hören würde.“

Nachdem Juan Luis Sánchez diese Beispiele angebracht hat, wie sich die RAE durch die Privatisierung von Informationen zu bereichern versucht, fasst er zusammen:

mientras que la web del diccionario de la RAE es tosca y poco usable, alternativas sin ánimo de lucro como las de Franz Mayrhofer o Gabriel Rodríguez ofrecen, por un lado, una experiencia más agradable y, por otro, servicios que directamente la RAE no desarrolla.
¿Debería la RAE permitir el uso sin ánimo de lucro de sus bases de datos, sus definiciones, sus normas? ¿Debería permitirlo incluso con fines comerciales? Todo este asunto sería un debate sobre la propiedad intelectual de lo público, parecido al que suscitan las políticas de transparencia, si no fuera porque el ecosistema de la Academia no es meramente institucional.

Während die Website der RAE eher einfach gehalten und nicht besonders benutzerfreundlich ist, bieten andere, nichtkommerzielle Seiten wie die von Franz Mayrhofer oder Gabriel Rodríguez eine wesentlich angenehmere Benutzeroberfläche und Funktionen, die von der RAE nicht direkt angeboten werden.
Sollte die RAE die nichtkommerzielle Nutzung ihrer Datenbanken, Definitionen und Normen gestatten? Sollte sie diese auch dann erlauben, wenn sie mit kommerziellen Absichten verbunden ist? Wenn das Umfeld der RAE nicht zum Teil von privaten Unternehmen, sondern ausschließlich institutionell geprägt wäre, wäre das Ganze nichts anderes als eine Debatte über das geistige Eigentumsrecht öffentlicher Institutionen, ähnlich wie die Diskussionen über politische Transparenz [es].

Kritik und Reaktionen in Blogs
Der Fall Soca hat eine Debatte über diese Vorgehensweise ausgelöst. In Zeiten, in denen Konzepte wie #opendata (frei zugängliche Daten) öffentliche Einrichtungen zugunsten der Transparenz mehr und mehr durchdringen, muten Aktionen wie die der RAE stark veraltet an. Dennoch ist dieses Vorgehen eine Folge der Liberalisierung oder vielleicht der äußersten Form der Kommerzialisierung des Staates und seiner Ressourcen „im weitesten Sinne“. Dann würde Grupo Planeta einfach nur die Arbeit (oder vielmehr die finanziellen Mittel) verteidigen, die es in die RAE investiert hat. Daher sind viele der Meinung [es], dass man die RAE entweder privatisieren oder wieder zu einem vollständig öffentlichen Unternehmen machen sollte – mit den jeweiligen Konsequenzen.
Im Blog Crónicas desde el Molino kritisiert Eduardo Basterrechea die RAE in mehreren Punkten und vertritt die Ansicht [es], dass diese Institution vom Kurs abgekommen ist und in einer schwerwiegenden Identitätskrise steckt. Zu den Urheberrechten der RAE merkt er an:

Muchos de estos trabajos, especialmente los diccionarios, han sido desarrollados a lo largo de 300 años por muchas personas de un modo desinteresado o pagado por todos. No es aceptable que ahora se le apliquen restricciones de derechos de autor en beneficio de grupos editoriales privados.

Viele dieser Werke, insbesondere die Wörterbücher, wurden im Laufe von 300 Jahren von vielen verschiedenen Personen uneigennützig oder von der Gemeinschaft finanziert entwickelt. Es ist nicht akzeptabel, dass private Verlagsgruppen das Urheberrecht für ihre Zwecke missbrauchen.

Im Blog Alt1040 schreibt Geraldine Suárez über das grundlegende Prinzip der Verlinkungen im Internet und darüber, dass die RAE Links zu ihrer Website verbietet. Außerdem äußert Suárez ihre Meinung [es] zum Urheberrecht:

En defensa de la RAE solo me gustaría señalar que no es una obligación adaptarse a la sociedad de la información, aunque es deseable, especialmente en el ámbito académico. Claro, si la RAE solo está interesada en el lucro y no en la difusión, podemos esperar que siga estancada en el siglo pasado, apropiándose del dominio público y además, reclamando que es de su propiedad™.

Zur Verteidigung der RAE möchte ich sagen, dass man sich nicht an die Informationsgesellschaft anpassen muss, auch wenn es, besonders im akademischen Bereich, erstrebenswert ist. Aber wenn die RAE natürlich nur am Gewinn und nicht an der Verbreitung von Wissen interessiert ist, sich öffentliches Eigentum aneignet [es] und darüber hinaus sogar behauptet, es sei eine eingetragene Marke, ist wohl zu erwarten, dass sie im vergangenen Jahrhundert stecken bleibt.

Jorge Fondebrider vom Blog Club de Traductores Literarios de Buenos Aires versucht, das Gesamtbild zu betrachten. Er ist der Meinung, dass die Reaktion der RAE nur die Spitze des Eisbergs ist, und begründet seine Meinung mit der angekündigten [es] Website der RAE, die vom Unternehmen Telefónica finanziert werden soll. Mit einigen Zitaten aus dem Blog Addenda et Corrigenda [es] schreibt er Folgendes [es]:

“Desengañémonos –concluyen en Addenda et Corrigenda– : todos ellos, y no nosotros, son los amos de la lengua y la cultura en español.” […] La noticia del atropello a Ricardo Soca no circuló en los diarios, […] En el ámbito privado, salvo unos pocos amigos españoles conscientes de la gravedad de los hechos, la mayoría de quienes estaban al corriente se mostraron indignados en primera instancia, pero al saber que en el trasfondo hay una política económica y geoestratégica del Estado español que tiene la lengua como eje central (política de la que come toda empresa española relacionada con la lengua, a no olvidarlo) muchos fueron archivando la cuestión. Y así están las cosas.

La pregunta entonces es qué se puede esperar de España y qué van a hacer los gobiernos y las asociaciones latinoamericanas frente a esta privatización encubierta de la lengua que es patrimonio de todos.
Im Blog Addenda et Corrigenda wird zusammengefasst: „Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen: Sie alle und nicht wir sind die Herren über die spanische Sprache und Kultur.“ […] Die Nachricht vom Fall Ricardo Soca erschien nicht in den Tageszeitungen, […] im privaten Bereich war die Mehrheit derer, die auf dem Laufenden waren zunächst empört. Aber mit Ausnahme einiger weniger spanischer Freunde, die sich der Schwere der Tat bewusst waren, haben viele den Fall schnell zu den Akten gelegt, als sie erfuhren, dass dahinter eine wirtschaftlich und geostrategisch motivierte Politik des spanischen Staates steckt, in deren Mittelpunkt die Sprache steht (eine Politik, von der – das sollte man nicht vergessen – jedes spanische Unternehmen profitiert, das mit Sprache zu tun hat). So ist es nun mal.

Nun stellt sich die Frage, was man von Spanien erwarten kann und was die Regierungen und Verbände in den lateinamerikanischen Ländern vor dem Hintergrund dieser Privatisierung – unter dem Deckmantel der Sprache, die doch eigentlich allen gehört – tun werden.

Aber die Menschen sind nicht untätig geblieben und haben den Blog RAE: Dominio Público (Porque la lengua es de todos) [es] („RAE: öffentliches Eigentum (weil die Sprache allen gehört)“) ins Leben gerufen. Im Bereich Über uns [es] heißt es:

Convertir el patrimonio de todos en un monopolio es una aberración y un abuso. Por eso, exigimos que la información recopilada y gestionada por la RAE – recordamos, con dinero público – pase al Dominio Público de forma inmediata.

Aus dem Eigentum aller ein Monopol zu machen ist Unsinn und Missbrauch zugleich. Daher fordern wir, dass die von der RAE – wohlgemerkt mit öffentlichen Geldern – zusammengestellten und bearbeiteten Informationen unverzüglich in öffentliches Eigentum umgewandelt werden.

Außerdem gibt es eine Onlinepetition mit dem Titel „La lengua es de todos, no de las corporaciones” [es]
(„Die Sprache gehört allen und nicht den Unternehmen“), die an die RAE gerichtet ist.
Und auch im bereits erwähnten Blog Addenda et Corrigenda [es] werden in dem Beitrag „Todo sobre mi RAE®. La larga cola del asunto Ricardo Soca“ [es] („Alles über meine RAE®. Die weitreichenden Folgen des Falles Ricardo Soca“) die aufschlussreichsten Informationen zu diesem Thema zusammengefasst. Die Hashtags auf Twitter sind #RAEcensura, #RAEdominiopublico, #defineRAE und #RAE.

Illustration zum Beitrag APOYO A R.SOCA [es] („Hilfe für R.Soca“) auf der Website SCH [es]. Die Originalversion [es] dieses Beitrags wurde am 12.10.2011 im Blog von Juan Arellano veröffentlicht.

Unterhaltung beginnen

Für Autoren: Anmelden »

Richtlinien

  • Alle Kommentare werden moderiert. Sende nicht mehrmals den gleichen Kommentar, damit er nicht als Spam gelöscht wird.
  • Bitte geh respektvoll mit anderen um. Hass-Kommentare, Obszönes und persönliche Beleidigungen werden nicht freigeschaltet..