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Russland: Blogosphäre hilft Mann im Kampf gegen örtliche Behörden

Pumping station of Beyev's family.

Diese Geschichte hat alles, was es für einen ungewöhnlichen Blockbuster braucht: ein einsamer Held, der sich Dutzenden von bewaffneten bösen Typen, korrupten Polizisten, privaten Sicherheitsfirmen und Auftragsmördern entgegenstellt, und… Tausende von Bloggern, die gegen das System kämpfen.

„'Ich halte es nicht mehr aus’, so kann man meine Einstellung während der letzten Woche beschreiben“, schrieb Anatoly Beyev auf seinem Blog [RUS] am 1. August. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so verzweifeln könnte, ich habe meinen Mut verloren… zumindest war ich kräftig genug, um diesen Artikel zu schreiben.“

Beyev beschreibt, wie seine Familie – vor allem sein Vater – in den letzten sechs Jahren gekämpt hat, um eine Pumpstation, ein profitables, von Grund auf aufgebautes Familienunternehmen, vor einer Gruppe bewaffneter Männer mit guten Verbindungen zu einer örtlichen Behörde zu schützen. Beyev beschreibt minutiös alles, was seit 2004 geschehen ist, und es wird einem langsam klar, wie sechs Jahre erfolgloser Bemühungen, ein Familienunternehmen im Bundesbezirk Rostov zu verteidigen, einen zur Verzweiflung treiben können:

С 2004 года группа бандитов решила всё это захватить. Вначале они действовали по-простому: приезжали на машинах и с огнестрельным оружием в руках угрожали, требуя отдать им всё и убраться. Но мой отец смело защищал наше имущество.

2004 hat eine Gruppe Banditen beschlossen, sich alles zu nehmen. Zuerst gingen sie einfach vor: Sie fuhren mit Autos vor und drohten mit Waffen in den Händen. Sie verlangten, sie [die Pumpstation – GV] aufzugeben und zu gehen. Aber mein Vater verteidigte furchlos unser Eigentum.

В 3 часа ночи с огнестрельным и холодным оружием на 2 машинах без номерных знаков они приехали на насосную станцию. Отец тут же вызвал милицию и встретил злоумышленников с охотничьим ружьём, вдвоём с моим дядей против десятка бандитов. В ужасном напряжении они продержались до приезда милиции, не дав преступникам совершить каких-либо действий, ни скрыться.

Um 3 Uhr nachts kamen sie [diejenigen, die den Vater bedrohten – GV] an die Pumpstation mit Waffen und mit Autos ohne Nummernschilder. Mein Vater rief sofort die Polizei und trat den Eindringlingen mit einem Jagdgewehr entgegen. Nur mein Vater und mein Onkel gegen ein Dutzend Banditen. Sie schafften es, die Kriminellen bis zur Ankunft der Polizei in Schach zu halten.

Die örtliche Polizei entschied sich jedoch, den Vater zu beschuldigen „arme Touristen“ anzugreifen, die „vorbei kamen und in einem nahen Fluss schwimmen wollten“. Beyev schreibt:

Вопросы почему «туристы» были вооружены до зубов, почему на их машинах не было номерных знаков и зачем они полезли на огороженную и охраняемую территорию отмеченную табличкой «Частная собственность» в деле отражены не были. По приказу прокурора Дубовского района, у нас и у брата отца дома были произведены обыски.

In diesem Fall fragte niemand danach, warum die „Touristen“ schwer bewaffnet waren, warum ihre Autos über keine Nummernschilder verfügten, warum sie sich auf ein Gelände begaben, das umzäunt, bewacht und mit einem Schild „Privatgelände“ gekennzeichnet war. Der Staatsanwalt des Bezirks Dubrovsky ordnete die Durchsuchung unseres Hauses und das meines Onkels an.

Die Geschichte setzt sich mit wiederholten Drohanrufen gegen die Familie von Beyev, Einbruchsversuche in sein Appartment und, dem Höhepunkt, einem Mordversuch gegen Beyevs Vater fort, der ihn zwei Monate lang ins Krankenhaus brachte. Es stellte sich heraus, dass die Leute, die versuchten den Vater umzubringen, von jemandem beauftragt wurden, mit dem einzigen Zweck, den Mann aus dem Weg zu räumen. Die örtliche Polizei ignorierte absichtlich alle Versuche, die mutmaßlichen Auftragsmörder strafrechtlich zu verfolgen.

Im Jahr 2006 verschafften sich Unbekannte Zutritt zum Lagerhaus, das der Familie von Beyev gehört und sich in der Nähe der Pumpstation befindet, und stahlen das meiste, was sich darin befand, unter anderem ein Schweißgerät, ein Autoanhänger und Ersatzteile für einen Traktor. Die Diebe kamen sogar mit mehreren Autos, um das Diebesgut abzutransportieren.

Die Polizei tat nichts, bis Beyevs Vater den Ort fand, an dem die gestohlenen Sachen befanden, und herausfand, wem sie gehörten. Die Polizisten baten den Vater sogar darum, für ihre Fahrtkosten zu bezahlen, bevor sie gehen und die verantwortlichen Männer für den Diebstahl festnehmen konnten. Beyev beschreibt das Ergebnis der Verhaftungen:

Когда подозреваемого привели к следователю, цинизм и глумление просто зашкаливали! Следователь спросил его: «Ты крал?» – он в ответ: «Нет, не крал» – следователь, обращаясь к отцу: «Вот видишь, он не крал» – и тут же отпустил преступника. Отец чуть не упал со стула от удивления. После жалобы отца на действие этого следователя и обвинение его в коррупции, Дубовкое РОВД отреагировало незамедлительно – завело уголовное дело на отца, что он якобы привлекает незаконно иностранную рабочую силу. Как раз в то время по всей стране это была актуальная тема. Потом дело было прекращено за недоказанностью.

Als sie die Verdächtigen dem Ermittler vorführten, überstiegen Zynismus und Hohn jedes erträgliche Maß. Der Ermittler fragte ihn: „Hast du gestohlen?“ „Nein, habe ich nicht“, antwortete der Verdächtige. „Sieh, er hat nichts gestohlen“, sagte der Ermittler zu meinem Vater und setzte den Verdächtigen sofort auf freien Fuß. Mein Vater fiel vor Unglaube fast vom Stuhl. Nachdem mein Vater eine Beschwerde gegen diesen Ermittler eingereicht hatte und ihn der Korruption beschuldigte, reagierte das regionale Innenministerium sofort. Sie eröffneten die Ermittlungen in einer Strafsache gegen meinen Vater, für die Einstellung illegaler Einwanderer. Das war zu jener Zeit ein heißes Thema im ganzen Land. Der Fall wurde später aufgrund eines Mangels an Beweisen eingestellt.

Die Geschichte geht mit unzähligen Versuchen der Familie von Beyev weiter, Gerechtigkeit zu erlangen. Sie verloren laufend Rechtsstreite auf lokaler Ebene. Die Familie legte auf regionaler Ebene erfolgreich Berufung ein, aber das half ihnen in ihrer Situation nicht weiter. Korrupte Richter, Polizisten, Ermittler und Gerichtsvollzieher sorgten dafür, dass die Pumpstation am Ende in die Hände der Banditen fiel. Das Gelände in der Umgebung, das auch Beyevs Familie gehörte, wurde plötzlich von den gleichen Leute grundlos und in vollem Wissen, dass sie tun konnten, was sie wollten, besetzt.

Beyev schließt seinen Artikel mit einem Hilferuf ab:

Написал этот пост в надежде на вашу помощь, люди помогите нам!Я не могу больше держать всё внутри и изображать жизнерадостность.

Ich habe diesen Artikel geschrieben, weil ich auf eure Hilfe hoffe. Leute, helft uns! Ich kann nicht mehr alles in mich hineinfressen und so tun als sei ich überglücklich.

Zusammen mit dem Hilferuf veröffentlichte Beyev außerdem die eingescannten Kopien aller Dokumente in Zusammenhang mit dem Fall [RUS] und Fotos der betreffenden Pumpstation [RUS].

Es hat symbolischen Charakter, wie eine normale Person aus einer russischen Region sich entscheidet, die Blogosphäre als letzte Verteidigungslinie gegen Ungerechtigkeit einzusetzen. Beyev dachte vor der Veröffentlichung seines Hilferufs im Internet nicht daran, sich mit den Medien in Verbindung zu setzen. Er dachte auch nicht daran, an den russischen Präsidenten Dmitry Medvedev zu schreiben. Wie der Fall zeigt, wird LiveJournal.com, eine beliebte Bloggingplatform in Russland, langsam aber sicher zu dem Werkzeug, das einem als erstes einfällt, und zur Platform, auf der Bürger ihrem Frust über örtliche Behörden Luft machen und um Hilfe bitten können.

Viele Blogger sind sich der Macht bewusst, die die russische Blogosphäre allmählich erlangt und helfen bei der Bekanntmachung solcher Berichte über Ungerechtigkeit, indem sie auf den Arikel verlinken oder den ganzen Artikel auf ihrem Blog veröffentlichen. Auf der anderen Seite schenkt die russische Regierung, verletzlicher und ohne die überwältigende Unterstützung der Bevölkerung, die sie noch vor der derzeitigen Wirtschaftskrise besaß, den Geschichten normaler Bürger mehr Aufmerksamkeit und versucht, auf sie zu reagieren, wodurch sie wiederum die Macht von Online-Medienplatformen anerkennt. Beyevs Fall ist das perfekte Beispiel.

Russische Blogger hörten von Beyevs Geschichte und reagierten. Innerhalb von ein paar Tagen wurden Tausende von Kommentaren auf Beyevs Blog mit verschiedenen Empfehlungen zur Lösung der Situation hinterlassen (einschließlich des Angebots, die Banditen „umzunieten“). Etwa 600 Blogger haben Beyevs Hilferuf erneut veröffentlicht. Aufgrund dessen erschien der Artikel in den russischen Charts mit den beliebtesten Blogs und hielt sich mehrere Tage lang an der Spitze, wodurch sich die Sichtbarkeit der Geschichte erhöhte.

Russische Medien regten sich schließlich und förderten den Fall durch ein Interview mit Beyev noch mehr. Auf Anraten anderer Blogger beschrieb Beyev seine Situation auf mehreren Website mit starkem öffentlichen Interesse, wie der Website des russischen Premierministers Vladimir Putin (im Abschnitt „Brief an den Premierminister“) [RUS], der Website des russischen Präsidenten [RUS], dem Blog des russischen Präsidenten Dmitry Medvedev [RUS] etc.

Beyev, der schließlich die Macht der Online-Medien erkannte, berichtet freudig:

Друзья отдолжили ноутбук, так что теперь работаем сразу с 2 компьютеров днюм и ночью. Я 2 ночи уже совсем не спал, сегодняшнюю надеюсь посплю часа 3 хотя бы. Информация, информация и ещё раз информация. Как же Я раньше недооценивал блогосферы! Ух… каюсь… Спасибо друзья блогеры уговорили, почти заставили.

Freunde gaben mir einen Laptop und wir arbeiten jetzt Tag und Nacht gleichzeitig von zwei Computern aus. Ich bin seit 2 Uhr nachts auf. Ich hoffe, ich kann heute Nacht wenigstens drei Stunden schlafen. Informationen, Informationen und Informationen. Wie ich die Blogosphäre unterschätzt habe! Schuldig… Danke, Freunde-Blogger, dass ihr mich dazu überredet habt [die Blogosphäre zu nutzen, um den Fall voranzutreiben – GV], ihr habt mich fast dazu gezwungen.

Und sein anderer Kommentar über die Macht der Neuveröffentlichung:

Многие продолжают спрашивать, какая нужна помощь. Повторяю, главная помощь – это распространение информации. Причём очень прошу самим делать ссылки тоже, а то у меня не сто рук выполнять рекомендации “перепостите туда-то”. Очень буду признателен, если сами будите писать и делать ссылки туда, куда считаете нужным.

Viele fragen weiterhin, welche Art von Hilfe ich brauche. Ich wiederhole: Die größte Hilfe ist, die Informationen zu verbreiten. Ich bitte euch freundlich, die Links zu veröffentlichen, wo ihr denkt, dass es notwenig ist. Ich habe keine hundert Hände, um allen Empfehlungen „sie dort neu zu veröffentlichen“ zu folgen. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr die Links dort schreiben und veröffentlichen könntet, wo ihr glaubt, dass es nötig ist.

Die Geschichte ist noch lange nicht vorbei. Aber, wie Beyev schrieb, hatte der Gouverneur des Bezirks von der Geschichte gehört und beschlossen, sich selbst um die Sache zu kümmern. Er hat sogar den Regionalstaatsanwalt angerufen und ihm befohlen, den Fall aus der Welt zu schaffen.

„Nun, ich denke, der Gouverneur will helfen“, schrieb Beyev, „Wir werden sehen.”

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