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Die russische Blogosphäre: Ein Überblick

Diese Umschau wurde ursprünglich für einen Vortrag über das russische Internet beim GV Citizen Media Summit 2010 geschrieben.

Alexey Sidorenko presenting at the Global Voices Summit in Santiago, photo by Gregory Asmolov

Alexey Sidorenko bei seiner Präsentation auf dem Global Voices Summit in Santiago, Fotovon Gregory Asmolov

Grundlagen

2009 hatten 28% der Russen Zugang zum Internet (fast 40 Millionen Nutzer [RUS]). Die beliebteste Blog-Plattform ist Livejournal.com, aber auch blogs.mail.ru und liveinternet.ru sind wichtig [RUS] und einflussreich. Die Zugangskosten zum Internet sind in jeder Stadt unterschiedlich (zwischen $10 und $50 für das gleiche Produkt [EN]). Die Nutzung von Blogs ist sehr zentralisiert: 50% der Internetnutzer kommen aus Moskau oder St. Petersburg, 67% der Top-Blogger leben in Moskau [RUS]. Die Demographie ist ähnlich wie anderswo: Die meisten Blogger sind zwischen 15 und 30, man trifft häufiger auf Frauen als auf Männer.

Wichtige Tendenzen 2009-2010

  • Regionalisierung: Schnelles Wachstum von Blogs und Foren in den Regionen [EN].
  • Twitterfizierung: Wachsender Einfluss von Twitter (mehr und mehr Blogger haben in den letzten 6 Monaten begonnen Twitter zu nutzen. Gerade unter den Oppositionellen ist Twitter beliebt)
  • Zunehmende Einmischung der Regierung; sowohl negativ (Inhalts-Filterung, Zensur) als auch positiv (eigene Blogs und Social Networks, Blogger werden zu wichtigen Ereignissen eingeladen).
  • Blogs gewinnen Vertrauen als Quelle (für die Jungen ist das russische Internet glaubwürdiger als das Radio [EN])
  • Virtuelle Kampagnen werden immer beliebter.

Erfolge der russischen Blogosphäre

In Extremsituationen berichten als erstes die Blogger, sammeln Informationen und behalten das Thema im Auge. Die Rolle der Blogs und neuen Medien war entscheidend bei der Berichterstattung über das Attentat in Moskau [EN], dem „Nevsky Express” Unfall [EN], dem Feuer in Perm und anderen Fällen. Manche Kampagnen in Blogs führten tatsächlich zu Veränderungen (der Fall “Lebende Barriere” [EN], Rettung von Touristen in Indonesien [EN], das Thema um Oleg Kozlovskys Pass [EN] und weitere mehr). Trotz allem ist die Lage alles andere als ideal – es gibt weit mehr Fälle, in denen die Blogs keine Veränderungen erreichen konnten.

Russische Blogs und die Gesellschaft

  • In den meisten Fällen können virtuelle Kampagnen nichts bewirken (abgesehen von herausragenden Fällen). Ein wichtiges Beispiel ist die Lage des Falls um Dymovski [EN]. Obwohl seine Videobotschaft sehr beliebt war, wurde er verhaftet und nichts änderte sich in seinem Polizeibezirk. Das gleiche (also nichts) passierte mit dem Top-Manager von Lukoil Alexander Barkov, der wohl in einem Auto saß das zwei Frauen in Moskau anfuhr [EN]. Barkov verhinderte jede Verfolgung des Falles, obwohl die Beweise gegen ihn erdrückend waren.
  • Blogs werden von der Regierung genutzt, um kritische und sogar radikale Meinungen zuzulassen, während das autoritäre politische System intakt bleibt.
  • Blogs leisten keine unabhängige Recherche (obwohl sie es manchmal versuchen). Wenn Blogger investigativ ermitteln werden sie manchmal von der Polizei bestraft. Mikhail Afanasiev [RUS] ist das passiert, ein Blogger der eine alternative Version des Sayana-Shushenskaya Dammbruchs liefern wollte.
  • Die Hierarchien spiegeln die russische Sozialstruktur. Livejournal ist mit seinen Freundschaftsbeziehungen ein sehr hierarchisches System mit Top-Bloggern und allen anderen geworden. Um Gehör zu finden muss ein Top-Blogger auf einen aufmerksam machen.
  • Bezahlte Blogger:  Menschen, Bots, Spam Blogs. All dies gibt es auch im RuNet, was in mehreren Fällen zu befangenen Ansichten in Netzwerken beliebter Blogger führte.
  • Trolling (in manchen Fällen unterstützt von Behörden)

Der Einfluss der Regierung

Die Regierung beeinflusst das russische Internet immer deutlicher. Hier einige Beispiele:

Negative Einflussname:

  • Inhaltsfilter und Überprüfungen [EN] auf Basis einer Liste extremistischer Materialien [RUS]. Provider werden verfolgt [EN], wenn sie bestimmte Websites nicht sperren. Immerhin ist die rechtliche Grundlage der Sperren mehr oder weniger transparent, ganz im Gegensatz zu der Entscheidung, welche Materialien gesperrt werden. Wie der Fall von Dmitri Soloviev gezeigt hat, kann das Ergebnis eines soziolingistischen Tests davon abhängen, wo man sich befindet.
  • Direkte Sperre (Telefon Blockade) bedeutet, dass eine Seite nach direktem Eingreifen der Behörden geblockt wird.  Mehrere Fälle wurden hier und hier dokumentiert [EN]. Der Umgang mit Filesharing Seiten wie torrents.ru und ifolder.ru passen auch in diese Kategorie, auch wenn die Absichten hier nicht politisch sondern kommerziell sind.
  • DDOS Attacken auf Nachrichtenseiten (Vedomosti [EN], Kommersant, Novaya Gazeta [EN] wurden letztes Jahr per DDOS angegriffen).
  • Ermittlungen gegen Blogger und andere Formen der Schikane (unter anderen Irek Murtazin [EN], Sergey Peregorodiev [RUS]).
  • Anonyme Veröffentlichungen von Material, das Oppositionsführer kompromittiert (“Mumugate” [EN])

Positive Einflussname:

  • Mehrere neue Blogs von Politikern. Hier gibt es eine Bewertung [EN]
  • Die Parteien haben Social Networks gegründet: (Soratniki [EN], Berloga [RUS] und andere).
  • Aktive Beteiligung von Bloggern [RUS] (bislang nur in einer Region)

Das russische Internet wird zunehmend politisch und reguliert. Mit dem Vertrauen und der Leserzahl wächst auch die Aufmerksamkeit der Behörden. Gleichzeitig neigt die Blogosphäre dazu, die Gesellschaft zu spiegeln, mit all ihren Unehrlichkeiten und Hierarchien.

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