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Brasilien: Gedanken über unsere eigenen Gasa-Streifen

Text des Graffitis:

ICH WURDE GEBOREN, WEIL SIE MICH LIEBTEN

ICH STARB, WEIL SIE MICH HASSTEN…

zum Gedenken an

RENAN

GABRIEL

FELIPE

MARCELÃO

THIAGO

Ruhet in Frieden

aus Morro de Samba (Hügel des Samba) in Rio de Janeiro – „Berühmt-berüchtigt für seinen Drogenschmuggel und seine Gewalt, ist Morro de Samba bekannt als eine der gefährlichsten Gemeinden in unserer Region“, Foto von carf unter einer Creative-Commons-Lizenz

Wie der Rest der Welt verfolgen die brasilianischen Blogger genau die Entwicklung des israelisch-palästinensischen Konflikts [en]. Die Meinungen gehen auseinander, aber der Konflikt hat trotz allem die Blogger dazu gebracht, über eines nachzudenken: manch einer spürt, dass die Geschehnisse in Gaza eine Parallele haben in den täglichen Kriegen in den Elendsquartieren quer durchs Land – genannt die eigenen Gazastreifen Brasiliens – wo [die Gewalt] jeden Tag viele unschuldige Leben [en] fordert. Sérgio Vaz [pt] erklärt:

Aqui no Brasil, na Baixa do Sapateiro, faixa de gaza baiana, menino Matheus morreu com um tiro de Fuzil quando saía de casa para comprar pão, no mesmo momento em que a polícia invadia sua favela.

Mera coincidência, ou são sempre os mesmos que sangram nas calçadas, quer seja na faixa de Gaza brasileira ou na Faixa de Gaza Palestina? Será que a sede de sangue nunca cessa?

A Periferia debaixo de tiros, a Palestina debaixo de bombas. Será que deus foi passar o réveillon em Copacabana?

Hier in Brasilien, in Baixa dos Sapateiros, dem Gazastreifen von Bahia starb ein Junge namens Mattheus durch einen Gewehrschuss, als er aus dem Haus ging um Brot zu kaufen in dem Moment in dem die Polizei in die Favela einmarschierte, in der er lebte.

Ist es nur Zufall, oder sind es immer die gleichen [unschuldigen Menschen], die auf dem Pflaster sterben, sei es im brasilianischen Gazastreifen oder im palästinensischen Gaza? Kann es sein, dass der Blutdurst nie endet?

Die Vorstädte unter Feuer, Palästina unter Bombenteppichen. Kann es sein, das Gott das Neujahrsfest an der Copacabana verbracht hat?

Als er die schockierenden Bilder des Konflikts im Internet sah, musste Anderson Vieira [pt] unwillkürlich an die Tage denken, als er regelmäßig in eine der Favelas von Rio de Janeiro kam, wo es nach seinen Worten normal war, dass stark bewaffnete Drogendealer Seite an Seite gingen mit Kindern, schwangeren Frauen und alten Menschen. Immer wieder würde die Polizei dort einen verheerenden Auftritt veranstalten:

Acontece que não foram poucas as vezes que em incursões da polícia em morros e favelas cariocas, na troca de tiros, no fogo cruzado, pessoas inocentes acabavam sendo atingidas pelas famosas balas perdidas, que de perdidas não têm absolutamente nada.

A situação da Faixa de Gaza é de certa forma parecida com a das favelas e morros cariocas. Ali em meio aos terroristas do Hamas há crianças, mulheres, homens, cidadãos palestinos inocentes e desprotegidos. À semelhança dos traficantes que se escondem em barracos e casas de moradores a fim de fugir da polícia, os terroristas do Hamas também se valem dessa estratégia no mínimo covarde e se infiltram em casas de inocentes.

Es ist so, dass es nicht selten vorkam, das beim Einfall der Polizei in die Favelas von Rio de Janeiro, im Schusswechsel, im Kreuzfeuer, am Ende unschuldige Menschen von den berühmten Irrläufern getroffen wurden, die in keinster Weise irrlaufen.

Die Situation im Gazastreifen ist gewissermaßen ähnlich wie in den Favelas in Rio. Dort inmitten der Terroristen der Hamas gibt es Kinder, Frauen und Männer, unschuldige und schutzlose palästinensische Bürger. Ähnlich wie die Dealer sich in den Hütten und Häusern verstecken um vor der Polizei zu flüchten, bedienen sich die Terroristen der Hamas dieser zumindest feigen Strategie und schleichen sich in die Häuser Unschuldiger ein.

Aparecido José do Rosário [pt] stimmt damit überein und fügt hinzu, dass in diesen Fällen, der Zweck die Mittel heilige:

Mas voltando a questão sobre o que Israel deve fazer contra esses ataques, e faço um paralelo com o problema dos morros no Rio de Janeiro. Desculpem-me mas sou um tanto radical nesse sentido. Tenho a minha opinião de que a polícia e/ou exército deve atacar os morros a todo custo. Aqueles que nada tem a ver com os traficantes, que são inocentes devem sair de lá e deixar que as forças militares façam o serviço completo, agora, aqueles que protegem tais traficantes, são cúmplices e tão criminosos quanto eles, e portanto que sofram as conseqüências. Estarei eu sendo insensível?

Um auf die Frage zurückzukommen, was Israel gegen diese Angriffe unternehmen solle, ziehe ich eine Parallele mit dem Problem der Hügel in Rio de Janeiro. Entschuldigen Sie mich, ich bin ein bisschen radikal in dieser Hinsicht. Ich bin der Meinung, das die Polizei oder das Militär die Hügel um jeden Preis angreifen muss. Wer nichts mit den Dealern zu tun hat, wer unschuldig ist, sollte von dort verschwinden und die Streitkräfte ganze Arbeit leisten lassen, wer aber die Kriminellen schützt, ist Komplize und daher selbst kriminell, und muss deshalb die Konsequenzen tragen. Bin ich vielleicht unsensibel?

“27.07.2005 – Die Polizei findet drei verbrannte Leichen in Inhaúma. Die Opfer wurden vermutlich getötet als sie in die Favela kamen um ein von Drogendealern gestohlenes Fahrzeug aus der Favela do Alemão abzuholen.” Foto: Andréa Farias, verwendet unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Sonia Fancine [pt], eine junge aufsteigende Politikerin aus São Paulo, sagt, der Hamas die Schuld für den Tod von Zivilisten zu geben sei genau was die brasilianische Polizei mache, wenn sie Todesopfer rechtfertige, indem sie vorgebe die Bevölkerung zu schützen, und „wenn ein Kind durch einen Irrläufer stirbt, dann ist das nur ein unerwünschter Nebeneffekt einer erfolgreichen Aktion“:

As mortes “acidentais” freqüentemente são justificadas como decorrentes de “autos de resistência” (aquelas trocas de tiros que, curiosamente, só deixam marcas de um dos lados) ou como sendo de ” pessoas ligadas ao tráfico” (aí fica fácil – se mora na favela, é ligado ao tráfico, pronto). Então ficamos assim: as crianças palestinas e das favelas do Rio morreram porque tiveram a idéia de jerico de estar em um lugar cheio de terroristas/ traficantes. E ainda foram botar o corpo bem na frente dos mísseis/ fuzis… Foi mal aê. Mas da próxima vez, as vítimas que tomem mais cuidado, pô!

Die „zufälligen“ Tode werden oft gerechtfertigt als Folge von „Widersetzen“ (diese Schießereien, die, seltsamerweise, nur auf einer Seite Spuren hinterlassen) oder von „Personen mit Bezug zum Drogenhandel“ (das ist dann einfach – wer in einer Favela lebt, hat Bezug zum Drogenhandel und fertig). So ist das also: die Kinder aus Palästina und die der Favelas von Rio sterben, weil sie auf die dumme Idee kommen, sich an einem Ort voller Terroristen / Dealer aufzuhalten, Und dazuhin bringen sie ihren Körper noch genau vor die Raketen / Gewehre… Tut uns leid. Aber das nächste Mal möchten die Opfer doch besser aufpassen, nicht wahr!

In einem Kommentar zu dem oben zitierten Post, fühlt sich ein Leser namens Fernando [pt] machtlos angesichts beider Konflikte:

E como acabar com tudo isso? Seja no Rio ou lá em Gaza é a mesma coisa: desrespeito ao comum – incompreensão do diferente! E como eu posso ajudar para acabar com tudo isso?

Und wie setzt man all dem ein Ende? Sei es in Rio oder dort in Gaza, es ist dasselbe: eine Missachtung des Gemeinsamen, ein Unverständnis der Unterschiede! Und wie kann ich helfen, das alles zu einem Ende zu bringen?

Alberto Ricardo Präss [pt] findet, das Brasilien mit dem Boykott israelischer Waren helfen solle, und erinnert sich an die Situation als er dort im Jahr 1985 sechs Monate lang lebte. Er schließt mit den Worten, dass Brasilien nicht weit entfernt davon sei:

Não é de se espantar que homens bombas surjam sem parar naquelas bandas. É muito evidente que pessoas acuadas tendem a ter reações radicais para sobreviver. Mais ou menos como os moradores das favelas do Rio, que reagem por estar sem muita saída.

Es nimmt nicht Wunder, dass in diesen Streifen ständig Bombenattentäter auftauchen. Es ist ganz offensichtlich, dass bedrängte Menschen zu radikalen Reaktionen tendieren um zu überleben. Mehr oder weniger wie die Bewohner der Favelas in Rio, die darauf reagieren, dass sie kaum einen Ausweg haben.

Andererseits meint Mr X [pt], ein Unterstützer Israels, dass der israelisch-palästinensische Konflikt nicht so viel Aufmerksamkeit der Medien [en] oder öffentliches Aufsehen verdient hat, im Vergleich zu anderen Konflikten auf der Welt, darunter dem in Brasilien:

Mata muito menos do que qualquer conflito na África hoje em dia, menos do que a cólera no Zimbabwe, menos até do que os tiroteios nas favelas do Rio de Janeiro.

Er tötet viel weniger als jeder Konflikt im heutigen Afrika, weniger als die Cholera in Simbabwe, weniger noch als die Schießereien in den Favelas von Rio de Janeiro.

Tania Celidonio [pt] sagt, dass sie schockiert ist von den täglichen Berichten über die Gewalt im Nahen Osten, aber dass die Gewalt in Rio de Janeiro zum Klischee geworden sei:

Motorista da ONU assassinado, trinta civis palestinos mortos num abrigo, fim da ajuda humanitária…. Juro que travei. E ainda por cima, aqui na faixa tupiniquim do Rio de Janeiro, os tiros não esperaram passar a primeira semana de 2009. Os morros da Babilônia e Chapéu Mangueira foram sacudidos por várias saraivadas. Nós, do asfalto, ficamos torcendo para que nada de muito ruim aconteça por lá. O pior são as centenas de trabalhadores que voltam para suas casas, no cair da noite, e são recebidos por esse ambiente de terror que já virou rotina nos morros da cidade.

Ein Fahrer der UNO ermordet, dreißig tote palästinensische Zivilisten in einem Schutzraum, die humanitäre Hilfe wird beendet… Ich schwöre, ich bin zusammengesackt. Und obendrein hier im Tupiniquim-Streifen [en] in Rio de Janeiro, warteten die Schüsse nicht bis zum Ende der ersten Woche von 2009. Die Hügel von Babilônia und Chapéu Mangueira wurden erschüttert durch allerhand Schießereien. Wir vom Asphalt [„vom Asphalt“ ist ein Slangwort für „aus den Favelas“] bitten und beten, dass hier nichts Schlechtes passiert. Das Schlimmste wäre, dass hunderte von Arbeitern in der Abenddämmerung in ihre Häuser zurückkehren und empfangen werden von diesem Umfeld des Terrors, das schon zur Routine geworden ist auf den Hügeln der Stadt.

„Alter Knabe, ist das die richtige Zeit um in Bonsucesso herumzulaufen?“ – Der Blog do Bonitão's charge [pt] verlegt den israelisch-palästinensischen Konflikt in einen Bezirk Rio de Janeiros, der von Favelas umgeben ist und von extremer Gewalt erschüttert wird.

In Pernambuco hat der Mordzähler des PEBodyCount-Blogs [pt], der tägliche Statistiken zur Kriminalitätsrate liefert, in den 11 ersten Tagen des neuen Jahres 81 Morde allein in diesem Staat gezählt. Der Blog zählte 4525 Morde im Jahr 2008, 4592 im Jahr 2007 und 4638 im Jahr 2006. Die Zahl nimmt ab, aber:

“Raciocinar que 78 pessoas a menos (pelas contas do Governo, pelas nossas, foram 67) perderam a vida não quer dizer que foram salvos 78 seres humanos. Continuamos tendo mais de 4.500 assassinatos. É um patamar que coloca nosso estado entre os locais mais violentos do mundo. São poucos os países que tem tantos crimes de morte por ano. A mudança tão apregoada precisa começar de verdade.”

„Zu denken, dass 78 Menschen weniger (nach der Zählung der Regierung, nach unserer waren es 67) ihr Leben verloren, ist etwas anderes, als das 78 Menschenleben gerettet wurden. Wir haben weiterhin mehr als 4500 Morde. Unter dem Strich katapultiert das unseren Staat unter die gewalttätigsten Gegenden der Welt. Der so viel verkündete Wandel muss wirklich beginnen.“
Geschrieben in Zusammenarbeit mit Deborah Icamiaba [en].

1 Kommentar

  • Diesen Vergleich halte ich für ziemlich gewagt und nicht wirklich plausibel. Die Gründe warum es in den Favelas von Rio de Janeiro so viele Tote gibt sind absolut nicht die gleichen wie im Gasastreifen. Während in Rio de Janeiro hauptsächlich die Rivalisierenden Drogenbanden und die Polizei –die in das Geschehen eingreifen will –für die vielen Toten verantwortlich ist sind es in dem Konflikt in Nahost doch ziemlich andere Gründe!

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