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Weltkarte der Web 2.0-Zensur

[Video] Access Denied Map

Die explosionsartige Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien und die Verbreitung leicht zu handhabender, oft kostenfreier, Software und günstiger Methoden für eigene Veröffentlichungen vom Bloggen bis zu Multimediaportalen, haben aus Internetnutzern Prosumenten und potentielle Konkurrenten für die traditionellen Medien gemacht. Und noch wichtiger, sie wurden zu bürgerlichen Wächtern gemacht, die sensible Angelegenheiten im Zusammenhang mit Menschenrechten angehen und oft als inoffizielle Kanäle für regimekritische Stimmen dienen.

 

Die Grenzen zwischen bürgerlichem und professionellem Journalismus sind zunehmend fließend. Dies wurde unter anderem dadurch hervorgerufen, dass der bürgerliche Journalismus immer mehr in der Lage ist, die Arbeit von Menschenrechtskämpfern und NGOs mittels Berichten aus erster Hand über neueste Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Folter und Belästigung zu stärken. Der neueste Erfolg dieser Armee von Bürgerjournalisten und zivilen Wächtern in Pakistan, Burma, Tunesien, Ägypten und Marokko hat wieder einmal das enorme Potential nutzergenerierter Web-Inhalte als Beratungsinstrument sowie als alternative und unabhängige Informationsquelle bestätigt. Das gemeinsame Merkmal all dieser Fälle ist, dass sie die Technologien des Web 2.0 effektiv nutzen, um Vergehen und Unrecht aufzudecken.

 

Aber trotz des Potentials von Web 2.0 ist freier Zugang zum Internet in Regionen, wo Zensur allgegenwärtig ist und der Staat das Monopol über die Verbreitung von Informationen hat, oft schwer, besonders wenn man den „autoritären Reflex“ bedenkt, der jedes Mal aktiviert wird, wenn sich ein repressives Regime bedroht fühlt. Regierungen, die sich bereits darin hervortun, die traditionellen Medien mundtot zu machen, wenden ihre Anstrengungen seit neuestem dem Internet zu, um alles mögliche zu unternehmen, diesen letzten Zufluchtsort der Kommunikation zu kontrollieren. Der Anstieg nutzergenerierter Web-Inhalte wird von immer mehr Staaten als Bedrohung angesehen, die die Verbreitung mittels legaler und technischer Mittel unterbinden und kontrollieren wollen. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass von der Sperrung einer weiteren wichtigen Webseite durch repressive Staaten berichtet wird. Multimediaportale, soziale Online-Netzwerke, Kartendienste und populäre Web 2.0-Seiten werden in immer mehr Ländern zunehmend Ziele staatlicher Zensur.

 

Im vergangenen halben Jahr haben die Regierungen in China, Tunesien, Syrien, Türkei, Burma, Thailand und Marokko den Zugang zu Videoportalen gesperrt. Innerhalb von zwei Monaten, zwischen dem 3. September und 2. November 2007, hat Tunesien den Zugang zu den zwei beliebten Videoportalen Dailymotion und Youtube gesperrt. Tunesische Internetnutzer können keine Videos mehr anschauen oder veröffentlichen. Beide Webseiten sind in Tunesien immer noch gesperrt. Der Zugang zum Fotoportal Flickr ist in China seit kurzem wieder möglich, aber im Iran und den VAE weiterhin gesperrt. Metacafe und Photobucket sind ebenfalls in einigen Ländern des Nahen Ostens, wie Iran und VAE, gesperrt.

 

Bloganbieter sind ebenfalls betroffen. Innerhalb der letzten drei Monate haben die Türkei, Thailand und China wordpress.com gesperrt. Während Blogspot in Syrien und Pakistan dauerhaft gesperrt ist, ist die Seite in China seit kurzem wieder zugänglich. Der Bloganbieter Livejournal ist in Marokko und im Iran nicht zugänglich und wurde auch aus China als gesperrt gemeldet. Weitere beliebte Seiten wie Technorati, Blogrolling, Xanga, Movable Type, Typepad, Feedburner und Blogsome wurden z. B. in China und im Iran in den letzten paar Jahren immer wieder gesperrt.

 

Soziale Online-Netzwerke wie Orkut, Hi5, MySpace, Friendster, ZillR, Multiply, Facebook, Meetup, Digg und My Opera sind in einigen Ländern gesperrt oder gefährdet. Sogar Wikipedia, die freie Enzyklopädie, ist in China, Tunesien und im Iran von Zeit zu Zeit gesperrt. Aus dem Iran wird berichtet, dass das beliebte Online-Versandhaus Amazon.com gesperrt ist. Google Earth war in Bahrain für einige Tage nicht zugänglich und ist in Marokko weiterhin gesperrt.

 

Glücklicherweise stehen diesem umfangreichen und höchst einschränkenden Filtersystem, das in verschiedenen Ländern auf Web 2.0-Anwendungen abzielt, viele Bewegungen gegen Internetfilterung entgegen. In fast jedem Land mit vorherrschender Zensur gibt es Bürgerinitiativen gegen Zensur. Zusätzlich zu Demonstrationen gegen Zensur arbeiten Aktivisten vor Ort ständig an neuen Möglichkeiten, die Blockaden zu umgehen und treten für ein offenes Internet ein. Dabei kommunizieren sie miteinander und überbrücken sprachliche und kulturelle Barrieren.

 

Um etwas Licht in den Kampf zwischen staatlicher Zensur und Anti-Zensur-Gruppen zu bringen, habe ich die Weltkarte der Web 2.0-Zensur (Access Denied Map [en]) entwickelt, ein interaktives Mashup aus Google Maps, die Informationen zur Zensur von verschiedenen sozialen Online-Netzwerken und webbasierten Anwendungen bietet. Jedes Symbol auf der Karte zeigt die Situation im jeweiligen Land an, wo der Zugang zu den wichtigsten Webseiten gesperrt ist. Durch Klicken auf ein Symbol wird ein Fenster mit Informationen geöffnet, das Text, Bilder oder ein Video enthält, die die Art der Zensur und die Anstrengungen dagegen beschreiben.

 

Die Karte ist kein vollständiger Index aller Arten der Internetfilterung, sondern bietet einen Überblick über Zensur des sozialen Internets und der wichtigsten Webseiten des Web 2.0. Dieses Projekt wird auch die Beziehung zwischen Anti-Zensur-Gruppen in verschiedenen Teilen der Welt untersuchen, die für einen freien Zugang zu Web 2.0-Anwendungen und -Seiten zusammenarbeiten.

 

Die Access Denied Map wird versuchen, diesen Kampf zu kontextualisieren. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf zwei Bereichen:

 

1. Die Razzien auf Web 2.0-Seiten (z. B. Video- und Fotoportale wie Youtube, Flickr, Dailymotion; Bloganbieter wie Blogspot, Livejournal, Typepad und WordPress; soziale Online-Netzwerke wie Facebook, Orkut, MySpace sowie Wikipedia, VoIP-Dienstleister etc.).

 

2. Die Ausdehnung regionaler Kampagnen zur Verteidigung des Rechts auf Zugang zu Web 2.0-Anwendungen und -Seiten (Techniken, um Zensur zu umgehen, Internet-Petitionen und -Kampagnen).

 

Die Access Denied Map bietet interessierten Lesern die Möglichkeit, Anti-Zensur-Bewegungen zu unterstützen. Sie hält Leser auf dem Laufenden über die aktuelle Lage der Internetfilterung in verschiedenen Teilen der Welt. Sie wird außerdem mit Aktivisten zusammenarbeiten und ihnen ermöglichen, sich gegenseitig zu finden und Taktiken, Strategien und Erfahrungen auszutauschen.

 

Die Karte wurde mit Daten der Open Net Initiative (ONI), von Global Voices und Global Voices Advocacy erstellt. Die Access Denied Map ist nicht vollständig. Also hilf mit, sie zu erweitern und zu verbessern, indem Du Informationen über die Filterung von Web 2.0-Anwendungen hinzufügst. Dies geht entweder über das Advocacy Wiki oder per E-Mail über die Kontaktseite.

 

Zeige Deine Unterstützung mit diesem Banner auf Deinem Blog!

 

Global Voices Advocacy: Access Denied Map

 

Hier gibt es den HTML-Code!

Geschrieben von Sami Ben Gharbia.

8 Kommentare

  • […] Artikel erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Malgorzata Porzezynska, Teil des “Project Lingua“. Die […]

  • […] findet sich eine Weltkarte der Web 2.0 Zensur. Einen übersetzten Beitrag dazu, gibt es im deutschen GV Lingua Blog: Aber trotz des Potentials von Web 2.0 ist freier Zugang zum Internet in Regionen, wo Zensur […]

  • […] findet sich eine Weltkarte der Web 2.0 Zensur. Einen übersetzten Beitrag dazu, gibt es im deutschen GV Lingua Blog: Aber trotz des Potentials von Web 2.0 ist freier Zugang zum Internet in Regionen, wo Zensur […]

  • […] Globalvoicesonline schreibt dazu: Im vergangenen halben Jahr haben die Regierungen in China, Tunesien, Syrien, Türkei, Burma, Thailand und Marokko den Zugang zu Videoportalen gesperrt. Innerhalb von zwei Monaten, zwischen dem 3. September und 2. November 2007, hat Tunesien den Zugang zu den zwei beliebten Videoportalen Dailymotion und Youtube gesperrt. Tunesische Internetnutzer können keine Videos mehr anschauen oder veröffentlichen. Beide Webseiten sind in Tunesien immer noch gesperrt. Der Zugang zum Fotoportal Flickr ist in China seit kurzem wieder möglich, aber im Iran und den VAE weiterhin gesperrt. Metacafe und Photobucket sind ebenfalls in einigen Ländern des Nahen Ostens, wie Iran und VAE, gesperrt. […]

  • andy

    SUPER Artikel, danke!!

    Ich komm grade von einem Musikportal, wo jemand einen Song gesucht hat, der sich erst später als Tunesier zu erkennen gab und reumütig zugab, den Youtube-Link den wir ihm geschickt haben zur Verifikation den könne er nicht aufmachen. HÄÄ? Das hat mich doch etwas verwundert, und da hab ich mich eben mal auf die Suche gemacht, woran das liegt.

    In so einem Scheißland will ich auch keinen Urlaub mehr machen!
    Meine Eltern waren schon dort, aber ich werde wohl von dieser Erde gehen ohne jemals einen Tunesienurlaub gemacht zu haben – aus Protest!!!
    Dann geh ich lieber auf eine Tour in den Jemen, der nur in den Medien immer so viel negative Vibes bekommt, aber mit Sicherheit nicht übler ist als Tunesien, Syrien oder Pakistan! (Im Gegenteil!)

  • Hi Andy,
    Sami Ben Gharbia hat gerade einen kurzen Beitrag zur Zensur von Flickr in Tunesien geschrieben:
    http://samibengharbia.com/2010/07/26/censorship-in-tunisia-a-nightmare-a-video-clip-about-the-ban-of-flickr-in-tunisia/
    Ist also immer noch ein großes Problem (der Artikel ist ja schon ein bisschen älter). Wobei der Jemen in Sachen Zensur wohl mindestens gleich auf liegt ;-)

  • […] zum Thema: SPIEGEL ONLINE, ZEIT ONLINE, Global Voices, taz.de, netzpolitik.org. Peter Montag hat diesen Beitrag am Mittwoch, 29. April 2009, in der […]

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