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Marokko: Interview mit einem Blogger

Ich stieß zum ersten Mal auf Ghasbouba, den Blog des marokkanischen Amazigh und Aktivisten Bouba, als er einen Artikel veröffentlichte, in dem er den typischen Blick der westlichen Auswanderer auf sein Heimatland kritisierte. Ich reagierte auf diesen Beitrag in meinem eigenen Blog. Ich war so fasziniert von Boubas Offenheit, dass ich sein Blog weiter las, und heute gehört er zu meinen Favoriten. Nun hatte ich die Gelegenheit, ihn zu Marokko und Amazigh zu interviewen.

Jillian York: Wie bist du zum Bloggen gekommen?

Bouba: Azul (‘Hallo’ auf Tamazight),

zunächst möchte ich Jillian und dem ganzen GV-Team für ihre beeindruckende Arbeit danken, mit der sie die bloggende Gemeinde zusammenhalten.

Bloggen war für mich immer ein Traum. Bloggen macht es möglich, sich frei und unabhängig auszudrücken.  Ich komme aus einer Gegend, in der rote Linien noch immer rot sind. Das Bloggen ist eine von vielen Arten, auf die ich mich artikuliere, ohne dass mich jemand melden könnte, aber mein Gewissen und die Liebe zu meinem Land und meiner Kultur stehen über allem. Ich blogge für  Tamazight, eine Kultur und Identität, die immer unterdrückt und falsch dargestellt wurde.

Die Internationale Konferenz zu Medienthemen, Marrakech, 2004, war eines dieser Events, die mich auf den Gedanken brachten, dass es uns nur mit den alternativen jungen Medien möglich wäre, die verdrehte Darstellung der amazigh'schen Kultur und Menschen zu überwinden.

Später besprach ich die Möglichkeiten mit Freunden aus dem GV-Projekt, und gründete dann das Tamazight-Blog Blognegh. Danach kamen sich der Alltag und das Bloggen näher.

JY: Welche Ziele hast du als Blogger – besonders als Amazigh-Blogger?

Bouba: Ich möchte meinen Freunden und der Welt zeigen, dass Tamazight (oder Berber, wie die meisten es nennen) nicht so tot ist, wie es auf Postkarten aussieht. Es ist die älteste und wichtigste Kultur im Mittelmeerraum. Unsere Identität als einheimische Nordafrikaner ist uns sehr wichtig, und das teilen wir mit vielen anderen Menschen auf der ganzen Welt. Imazighen haben verstanden, dass das Internet und alle anderen Formen der Kommunikation wichtig sind. Darum haben sie Zeit und Energie investiert, um tausende Websites und audiovisuelle Medien zu erstellen. Einiges davon nennt man Cyberaktivismus. Ich bin froh, dass heute Millionen von Menschen an diesem Kampf für Freiheit, Befreiung und Demokratie beteiligt sind.

Bloggen ist für mich einer der Wege, diesen Kampf zu bestreiten. Wenn meine Leser aus meinem Blog etwas über Imazighen lernen, ist ein Teil der Arbeit getan. An demRest müssen wir alle arbeiten.

Blogger Ghasbouba

JY: Du kommst aus einem Land, in dem die Staatssprache Arabisch ist, zweite Sprache ist Französisch und du sprichst Tamazight-Dialekte – warum schreibst du trotzdem auf Englisch?

Bouba: In großen Teilen Marokkos ist das lernen von Fremdsprachen eine Überlebensstrategie. Wir sind schon immer gezwungen worden, andere Sprachen zu erlernen und zu nutzen. Ich spreche sieben Sprachen, vier Varianten von Tamazight. aber ich glaube nicht, dass das ein Luxus ist. In der Schule werden wir gezwungen, klassisches Arabisch und später Französisch zu lernen. Dann kommen andere Sprachen, wie Englisch, Spanisch, etc. … Meine Muttersprachen Hassania, Darija und Tamazight wurden nie in der Schule unterrichtet. Sie werden den anderen Sprachen untergeordnet, deshalb werden sie als “Dialekte” abgetan. Diese Bezeichnung ist nicht linguistisch, sondern politisch.

Ich blogge auf Englisch und Tamazight. Englisch ist einfach ein weiters Fenster zu der Welt. Als ein Amazight-Aktivist glaube ich, dass jedes Anliegen internationale Unterstützung braucht. Imazighen mussten alle Wege der Kommunikation nutzen, um mit der Welt über ihre Belange zu sprechen, und das haben sie schon immer in anderen Sprachen getan. Wie alle anderen sozialen Bewegungen der Welt, kommen wir ohne die internationale Unterstützung nicht weit. Die Macht der Unterdrückung kann die Macht des Überlebenswillens besiegen. Ich habe nicht so viel Angst vor dem Aussterben, wie ich Angst vor dem Verlieren und Vergessen habe.

Vielleicht kennst du den Kampf der Ait Ahdiddou Menschen aus der Provinz Quarzazate. Das sind Blogger, die ihre Message an die Welt senden. Keines der klassischen Medienorgane in Marokko sprach über sie. Die Kinder von Anefgou, die Flut von Boumalen, die Erfrorenen des letzten Winters usw.

Ich weiß, dass viele der Amazight – genau wie unzählige andere – nicht den Luxus haben, in ihrer Muttersprache zu bloggen. Es war also weniger meine freie Wahl, auf Englsich zu bloggen, als vielmehr meine Pflicht. Ich würde mich gerne der Illusion hingeben, dass ich nur für mich selbst blogge, aber so ist es nicht. Es ist nichts persönliches, wenn man für ein bestimmtes Anliegen bloggt. Auch wenn die Verpflichtung zu einem Anliegen nicht die Wahl der Themen bestimmt.

Ich möchte, dass meine Freunde und Leser unsere Probleme verstehen. Wir kennen diese Problemthemen sehr gut, und gehen über unsere Grenzen, um mit Menschen der ganzen Welt über sie zu sprechen. Das tun wir in unseren eigenen Sprachen genau so wie in Fremdsprachen.

JY: Was denkst du über die marokkanischen Wahlen?

Bouba: Ich habe schon darüber geschrieben, und ich denke, dass die Wahlen ein Desaster waren, ganz einfach weil viele Menschen von diesen Vorgängen ausgeschlossen waren. Du kennst die Zahl derer, die das Spiel nicht mitspielen wollten. Sie waren in der Mehrheit. Wir brauchen konstitutionelle Reformen, die uns als Bürger schützt, und alle Teile unserer Gesellschaft umfasst.

Ich denke, dass die letzten Wahlen den Menschen außerhalb von Marokko die Möglichkeit gegeben haben, mehr über unser Leben und unsere Probleme zu erfahren, und wie notwendig große Reformen sind. Bevor es soweit ist werden wir noch mehr gescheiterte Wahlen, schwache Regierungen als die jetzige und Marokkaner sehen, die sich aus jedem politischen Engagement zurückziehen.

[…]

JY: Marokko wurde Zensur vorgeworfen, unter anderem von den großen Seiten Livejournal und YouTube – hat es irgendeinen Sinn, diese Seiten zu zensieren?

Bouba:  Die Makhzen (Zentrale Regierung) hat aus den vergangenen Jahrzehnten eine Mentalität der Angst geerbt. Sie sind bemüht, die Menschen im Dar Ghefloun (Haus der Unwissenheit – marokkanische Redewendung) zu halten. Die Regierung investiert mehr in unsere Unwissenheit als in unsere Bildung. Unsere Regieungen müssen lernen, dass Meinungsfreiheit und das Recht auf Widerstand essentiell sind, und sowohl von internationalem Recht als auch der Verfassung garantiert werden.

Aber in diesem Land gibt es Institutionen, die Glauben über dem Recht und der Verfassung zu stehen. MarocTelecom ist eine von ihnen. Sie zensieren YouTube, LiveJournal, Google Earth, Blogs und Seiten über die Westsahara, Chats etc. … Die Ganze Zensur ist wertlos. Es ist die schlimmste Form der Unterdrückung. Wie kann man Menschen eines ihrer Grundrechte Rauben – das Recht auf Informationen – und sie dann auffordern, für die eigene Partei zu stimmen?

JY: Ich habe in den vergangenen Monaten einen Anwuchs des englischen Bloggens über Marokko festgestellt – ob die Blogger nun in Marokko, Europa oder sonstwo leben – was glaubst du, warum so viele von ihnen in ihrer Dritt- oder Viertsprache schreiben?

Bouba: Mir ist das auch aufgefallen. Ich habe keine genauen Zahlen, aber ich bin froh, dass die Leute in allen Sprachen – also auch Englisch – bloggen.

Aber die steigende Anzahl der englischen Blogs sagt nicht über die Zahl der tatsächlich Englisch sprechenden Marokkaner aus. Jede Universität hat eine englische Fachrichtung, und viele hunderttausende Schüler lernen die Sprache in ihrer Schule. Internetcafes, Freunde und die Schule führen sie an das Internet heran. Sie posten ihre Ideen und Gefühle in vielen Sprachen.

Ich habe einen Freund, der Tamazight und Deutsch spricht, und keine arabische Sprache. sein Französisch ist sehr schlecht. er ist nie zur Schule gegangen. Nun hat er gelernt, auf Deutsch zu lesen und zu schreiben. Er ist ganz bestimmt ein Sonderfall, aber viele Marokkaner lernen viele Sprachen.

Den Unterschied macht nur die ‘Wahl’, also die Entscheidung, welche Sprache man lernt.

JY: Vielen Dank, dass du die Zeit für meine Fragen nimmst. Last but not least, was würdest du dir wünschen, dass die Blogwelt erreichen soll?

Bouba: Zunächst wünsche ich mir, dass Global Voices und andere Gruppen den Kampf der Amzight-Menschen aufnimmt. Es gibt so viele Menschen in Tamazight, die erkannt und wahrgenommen werden müssen. Ich weiß, dass dieser Ansatz Teil der Mission von GV ist.

Ich vertraue den Bloggern, die sich die Zeit nehmen über die verschiedensten Dinge zu schreiben, und lese gerne in der Blogma [marokkanische Blogosphäre]. Ich bin froh, dass das Internet einen sicheren Raum anbieten, un dem solche Gemeinschaften wachsen, interagieren und tolle Projekte entstehen (z.B. Bloguons-Utile, Freie Blogger etc…).

Bloggen bedeutet, Informationen über alles zu teilen, zu lernen und zu unterrichten. Es ist eine laute Stimme gegen die kommerziellen Medien, und wir nutzen sie. Die Blogosphäre wächst, und ich glaube, nach einer Statistik von Technorati gab es im September 2007 über 106 Millionen Blogs. Ich wünsche mir, dass diese Gemeinschaft zusammenhält, und weiterhin gute  Arbeit leistet.

Tamemmirt (Danke schön) und alles Gute.

NB: Die Links sind vom Autor

Aufgezeichnet von  Jillian York.

2 Kommentare

  • […] Artikel erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Clemens Harten, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf […]

  • Der der Angst hat

    Ich habe Angst:
    Der Grund ist einfach:

    Wann koennen wir wieder leben ohne beobachtet zu werden ausgespaeht zu werden zensiert zu werden usw..
    Ich frage mich was das ganze soll. Wofuer gibt es ein Leben? Um fuer andere zu wirtschaften und um dann eine auf den Deckel bekommen? Wo ist die Freiheit? Ich sehe keine solange es diese Visa gibt, denn dass ist der groesste Fehler den die Menschheit je verordnet hat. Damit schtuft man die Menschen in Klassen.
    Was machen die Presidenten, die Koenige und Sheikhs und Konsorten fuer sich? Sie fuellen sich die Taschen lassen sich fuer Antastbar erklaeren usw.
    Ich habe Angst dass die Welt sich selber ruiniert. Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer aermer usw……………….
    Man sollte all die Presidenten, die Koenige und Sheikhs und Konsorten absetzten und die welt erneuern.
    Ich bin ein Marokkaner der nicht stolz ist wie die Menschheit zu grunde geht. Es gibt auf der Welt zwei verschiedene Verbrecher: 1. Die die regieren und die im Untergrund auch regieren

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